Chaos in Haiti Logistikprobleme frustrieren Retter

Die Lage für die Bebenopfer in Haiti wird immer dramatischer - und viele Einsatzkräfte sehen sich zur Hilflosigkeit verdammt. Sie klagen über Logistikprobleme, mangelhafte Koordination und die Prioritäten des US-Militärs.
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Haiti-Krise: Stau wie auf der Autobahn

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Die Frustration ist Rick Godinez ins Gesicht geschrieben. "Jede Sekunde zählt", murmelt er. "Und wir stehen hier nur rum und warten."

Godinez wandert auf dem Flugfeld des US-Luftwaffenstützpunkts Homestead in Florida auf und ab, das Handy ans Ohr gepresst. Der Wind zerzaust ihm das Haar. Eine gigantische C-17-Transportmaschine der Air Force steht bereit, daneben eine kleinere C-130 der Küstenwache. Doch ihre Propeller stehen still.

Seit zwei Tagen wartet Godinez. Er arbeitet für die US-Katastrophenschutzbehörde Fema, für die er städtische Such- und Rettungstrupps unterstützt. Vier dieser Eliteteams sind inzwischen mühsam in Haiti angekommen, doch zwei weitere sowie der Fema-Tross hinken hinterher. Immer wieder wurde der Start verschoben, weil der Flughafen von Port-au-Prince überlastet ist. "Wir warten nur aufs Zeichen", seufzt Godinez, der aus Los Angeles angereist ist.

Auch jetzt liegt das Rollfeld südlich von Miami, über das ein Großteil der Haiti-Hilfe läuft, mal wieder still. Doch nicht wegen der Probleme am anderen Ende der knapp zweistündigen Flugstrecke. Grund diesmal: US-Vizepräsident Joe Biden hat sich angesagt, um den Rettungskräften zu danken und mit ihnen für Fotos zu posieren. Dafür stoppt der Secret Service den gesamten Luftverkehr Richtung Haiti hier für rund drei Stunden.

"Wir sind bereit", beschwert sich Godinez über die endlosen Verzögerungen. "Wir wollen los."

Stau wie auf der Autobahn

Der Frust der Retter wächst, in Haiti wie in den USA, wo sich die ungeduldigen Teams stauen wie auf der Autobahn. Bidens ungewollt kontraproduktiver Besuch in Südflorida ist zwar die geringste Sorge - doch offenbart er zugleich das wahre Problem: fehlgeleitetes Wohlwollen, logistisches Chaos, mangelnde Koordination. Trotz des geradezu übermenschlichen Einsatzes Tausender Soldaten, Zivilisten, Uno und Hilfsorganisationen aus Dutzenden Ländern kommt die Hilfe für Haiti nur schleppend in Gang.

In Homestead sind die Hilfstrupps auf dem Rollfeld angetreten - um Biden zu begrüßen: Soldaten, Rotkreuzhelfer, Feuerwehrler. Mehr als eine Stunde scharren sie mit den Füßen, dann erscheint er, im blauen Blazer und einer Sportmütze des 482nd Fighter Wings, der Reserveeinheit, die den Stützpunkt managt.

Später stellt Biden sich, vom Teleprompter und US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano flankiert, vor die TV-Kameras und sagt Haiti die volle Unterstützung der USA zu: "Hilfe ist unterwegs." Nun sperrt der Secret Service in Homestead auch den Autoverkehr.

Dabei ist Homestead einer der wichtigsten Knotenpunkte der von den USA koordinierten Haiti-Luftbrücke: Die meisten militärischen und zivilen Flüge laufen über diesen Airport am Rande des Everglade-Nationalparks. An Bord der Maschinen: Lebensmittel, Trinkwasser, Rettungsgeräte, Medikamente, Personal.

Doch selbst wenn sie schließlich in den Himmel Floridas aufsteigen, ist ihre Ankunft in Port-au-Prince längst nicht garantiert. Die Lage hat sich etwas verbessert, seit das US-Militär den Flughafen dort übernahm. Am Freitag landete der erste große Cargo-Transport aus Homestead in Haiti, mit 23 Tonnen Hilfsgütern der Spendenorganisation Bridge Foundation aus Connecticut.

Trotzdem sieht sich Haiti auch am Samstag überwältigt von der gigantischen Hilfsbereitschaft aus den USA und der ganzen Welt - mit verheerenden Folgen für die Notleidenden, die immer unruhiger werden. "Es ist gut möglich", fürchtete Ian Rodgers, ein Berater der US-Kinderhilfsgruppe Save the Children, "dass sich die Situation von schlimm zu absolut katastrophal verschlechtert".

Feldlazarett aus Frankreich konnte nicht angeliefert werden

Nicht nur viele Maschinen aus Homestead mussten umkehren oder ausweichen, in die Dominikanische Republik oder anderswohin in die Karibik. Frankreichs Staatssekretär für Zusammenarbeit, Alain Joyandet, beschwerte sich offiziell bei der US-Regierung, nachdem zwei französische Hilfsflugzeuge nicht landen durften, eines davon mit einem Feldlazarett.

"Flugzeugen mit lebensrettender Ausrüstung und medizinischem Personal an Bord muss sofort Priorität eingeräumt werden", forderte auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Trotz Garantien der Vereinten Nationen und des US-Verteidigungsministeriums sei eine Frachtmaschine der Gruppe mit einem aufblasbaren chirurgischen Krankenhaus an Bord am Samstag von der Landung in Port-au-Prince abgehalten und in die Dominikanische Republik umgeleitet worden, beschwerte sich Sprecherin Christiane Winje. "Das gesamte Material aus der Maschine wird nun per Lastwagen von Samana losgeschickt, wodurch sich die Ankunft des Krankenhauses um weitere 24 Stunden verzögert."

Das Rote Kreuz und private Hilfsorganisationen begannen, auf den Landweg auszuweichen. Ein Rotkreuz-Konvoi mit 50 Fahrzeugen machte sich am Samstag von der Dominikanischen Republik auf die Reise. Begründung von Sprecher Paul Conneally: "Der Flughafen in Port-au-Prince ist völlig verstopft".

Dem Welternährungsprogramm (WFP) gelangen am Samstag wieder Hilfsflüge, nachdem es damit zwei Tage lang gescheitert war. Da musste es dem US-Militär den Vorrang lassen, das erst mal fast 10.000 Soldaten in Stellung brachte und US-Bürger evakuierte. "Ihre Priorität ist es, das Land zu sichern", sagte WPF-Logistikoffizier Jarry Emmanuel der "New York Times". "Unsere ist es, Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Wir müssen diese Prioritäten unter einen Hut bekommen."

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte am Samstag jedenfalls keine Probleme, für ihren vierstündigen Kurzbesuch in Port-au-Prince eine Landegenehmigung zu bekommen. Sie bestand allerdings darauf, mit einer ohnehin geplanten C-130-Maschine aus Puerto Rico zu kommen und Hilfsmittel mitzubringen. Auf dem Rückweg nahm sie 50 US-Bürger mit.

Auch anderswo sorgte der scheinbare Vorrang der Amerikaner für Stirnrunzeln. So musste sich Rear Admiral Paul F. Zukunft, der Katatrophenschutz-Direktor der US-Küstenwache, am Freitag von einem südamerikanischen Reporter spitz fragen lassen, ob seine Leute denn auch Haitianer evakuiert hätten. Zukunft verneinte.

Tags darauf berichtete die Krankenhausgruppe Jackson aus Südflorida jedoch, sie habe 23 Patienten aus Haiti aufgenommen, darunter Haitianer. CNN meldete, ein haitianisches Baby sei ausgeflogen worden.

"Eine Bowlingkugel durch einen Strohhalm zwingen"

Von solchen Widersprüchen bekam auch Joe Biden bei seinem Besuch in Florida einiges zu hören. Vor seiner Visite in Homestead zeigte er sich in Little Haiti, dem haitianischen Viertel Miamis. Im Little Haiti Cultural Center und der katholischen Kirche Notre Dame d'Haiti traf er sich mit Gemeindemitgliedern und Aktivisten, die meisten vermissten selbst Verwandte. "Unser Herz schmerzt mit ihnen", sagte Biden.

Doch manche der Gastgeber ließen ihrem Unverständnis freien Lauf. Hunderte US-haitianische Ärzte und Krankenschwestern stünden hier bereit, um zu helfen, berichtete Marie Etienne, die Vorsitzende der Haitian American Professionals Coalition. Doch sie kämen nicht ins Land. "Sie sprechen die Sprache und könnten los", klagte sie. "Es bricht einem das Herz. Wir fühlen uns hilflos."

Auch der in Port-au-Prince geborene US-Lokalpolitiker Hans Mardy aus Miami, der bei dem Beben fünf Angehörige verlor, versucht seit Dienstag vergeblich, einen Flug ins Land zu bekommen: "Ich würde sofort losfliegen."

Biden beschrieb das Engpass-Problem so: "Das ist, als wolle man eine Bowlingkugel durch einen Strohhalm zwingen." Sprach's, und ließ sich mit seiner von etlichen Polizeimotorrädern und -autos eskortierten Wagenkolonne wieder davonfahren.

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