Chat mit einem Ex-Mafioso Die Beichte des "Engelsgesichts"

Er war ein kaltblütiger Mafia-Killer - bis er der deutschen Polizei ins Netz ging. Seither packt Giorgio Basile aus und erhellt das Innenleben der Verbrecher-Organisation wie kaum einer vor ihm. Im Chat stellt sich der ehemalige 'Ndrangheta-Mann, mittlerweile ein Angestellter der Justiz, den Fragen der SPIEGEL-ONLINE-Leser.


Hamburg - Schuld ohne Sühne: Giorgio Basile führt ein geruhsames Leben. Der Gastarbeitersohn aus dem Ruhrgebiet wohnt heute irgendwo im Norden Italiens, mit ihm seine Frau und die kleine Tochter. Doch in seiner Umgebung weiß niemand, dass Giorgio Basile Giorgio Basile ist. Er hat einen neuen Namen, eine neue Vergangenheit.

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Mafia-Killer Basile: Sie nannten ihn "Engelsgesicht"

Der 45-Jährige hat eine Karriere als Mafia-Killer hinter sich, er war einer der Schlimmsten. Heute steht er unter dem Schutz von Polizei und Staatsanwälten. Er hat ein sicheres Auskommen als Beamter der Justiz. Sein Job ist es, die Staatsanwälte auf die Spur seiner ehemaligen Freunde, die Mitglieder der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta, zu führen. Bereits 50 Mafiosi wanderten in den vergangenen Jahren aufgrund seiner Aussage hinter Gitter.

Basile selbst kommt als Kronzeuge trotz seiner blutigen Vergangenheit in den Genuss von Haftverschonung, die italienischen Anti-Mafia-Gesetze machen es möglich. Nur wenn der Mafioso erneut straffällig werden sollte, müsste er auch für die Verbrechen der Vergangenheit büßen.

Basile wurde 1998 auf dem Bahnhof in Kempten im Allgäu festgenommen, ein halbes Jahr nach seinem letzten Mord. Der Mafioso befand sich gerade auf dem Rückweg in die Heimat, nachdem er in Nürnberg ein lohnendes Drogengeschäft abgeschlossen hatte. Die Verhaftung war damals einer der spektakulärsten Schläge gegen die Mafia. Vor allem dem Geschick des bayerischen Kriminalers Ernst Wirth und des italienischen Staatsanwalts Salvatore Curcio ist es zu verdanken, dass Basile schließlich die Omertà, das Schweigen der Mafia, brach.

Im Frühsommer 2000 schrieb SPIEGEL-Redakteur Andreas Ulrich eine Reportage über die 'Ndrangheta und erwähnte dabei Giorgio Basile als Beispiel dafür, wie die Mafia ihre Arme auch nach Deutschland ausstreckt. Fünf Jahre später bekommt Ulrich einen Anruf. Am Apparat ist Basile. Der Aussteiger will seine Geschichte loswerden.

Der Journalist erklärt sich bereit, die Lebensbeichte des Killers aufzuschreiben. Zwei Wochen lang spricht er mit dem Mafioso, zum Schluss hat er 45 Stunden Tonband. Zusätzlich recherchiert er bei deutschen Fahndern und Zeitzeugen sowie bei der italienischen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft. Das Ergebnis der Recherchen erscheint als Buch ("Das Engelsgesicht", DVA, 19,90 Euro), eine Zusammenfassung der Geschichte auch im SPIEGEL.

So spannend sich die Geschichte Basiles anhört, so Abscheu erregend ist sie. Denn die Story ist keine Fiktion, sondern Wirklichkeit, wie sie noch heute in Italien und vielen Teilen der Welt passiert. Basile war eine große Nummer im Drogenhandel, erpresste Schutzgeld, beging Raubüberfälle, Einbrüche und Brandstiftungen. Mindestens vier Morde hat der Italiener gestanden, tatsächlich dürfte er für den Tod von rund 30 Menschen mitverantwortlich sein. Doch von Unrechtsbewusstsein findet sich bei dem Killer bis heute keine Spur. Mafia ist Mafia, und wer sich nicht nach ihren Regeln verhält, hat Pech gehabt. Findet Basile.

Erstmals stellt sich der ehemalige Mafioso nun auch der Öffentlichkeit. In einem Chat steht er am Donnerstag von 13 bis 14 Uhr den Lesern von SPIEGEL ONLINE für Fragen zur Verfügung. Noch nie hatte SPIEGEL ONLINE einen Chat-Gast wie Basile. Darf man einem Mörder ein Forum bieten? Die Redaktion hat sich ihre Entscheidung für diesen Gesprächspartner nicht leicht gemacht, hält sie aber dennoch für gerechtfertigt. Basile hat wie kaum ein Aussteiger zuvor, den Ermittlern Einblicke in die erschreckenden Mechanismen der Verbrechensorganisation gegeben. In diesem moderierten Chat wird er sich auch Fragen nach Moral, Schuld und Sühne stellen müssen.

Dominik Baur



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