Chemieunfall in Ungarn EU befürchtet Schäden über die Grenzen hinaus

Anwohner dürfen die Brunnen nicht benutzen, keine lokalen Produkte essen. Hilfskräfte versuchen nach dem schweren Chemieunglück in Ungarn, den giftigen roten Schlamm in den Griff zu bekommen. Umweltschützer und die EU befürchten Langzeitschäden - nicht nur für Ungarn.

Von Simone Utler


Hamburg - In Schutzkleidung und mit Atemmasken bemühen sich Rettungskräfte, den giftigen Rotschlamm aus den überfluteten Dörfern in Westungarn zu entfernen. Mit Hochdruckreinigern und anderem Spezialgerät versuchen sie, Straßen, Plätze und Häuser zu reinigen. Etwa 500 Helfer seien im Einsatz, sagte eine Sprecherin der Katastrophenschutzbehörde am Mittwoch. Doch es ist ein oberflächlicher Kampf, denn die Bedrohung des seit Montag aus dem Becken einer nahe gelegenen Tonerdefabrik ausgelaufenen Rotschlamms geht tiefer. Der Boden, das Grundwasser und ein umfangreiches Flusssystem - inklusive der Donau - sind in Gefahr.

"Die Brühe ist hochalkalisch. Darum besteht auch bei Hautkontakt die Gefahr von Verätzungen", sagte Steffen Nichtenberger von Greenpeace Österreich SPIEGEL ONLINE. Ein Mitarbeiter habe am Dienstag mit einem mobilen Gerät in den von der Schlammlawine überrollten Orten Kolontár und Devecser Proben genommen, die einen pH-Wert von 12 gehabt hätten - was fast dem Wert einer Natronlauge entspricht. "Und da war der Rotschlamm durch das Hochwasser schon verdünnt", so Nichtenberger. Zur genauen Bestimmung der Substanz seien weitere Proben ins Labor geschickt worden, die Ergebnisse würden für Freitag erwartet. "Erfahrungen mit Rotschlamm zeigen aber, dass vermutlich Quecksilber, Arsen und andere Schwermetalle darin enthalten sind."

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Chemieunglück in Ungarn: Angst vor der Umweltkatastrophe
Eine Lawine von giftigem Rotschlamm hatte sich seit Montagmittag aus einer Tonerdefabrik in Ajka über mehrere Ortschaften in Westungarn ergossen. Der Schlamm ist das Abfallprodukt bei der Herstellung von Tonerde, aus der wiederum Aluminium gewonnen wird. Ein Reservoir der Fabrik war aus ungeklärter Ursache zerborsten, rund eine Million Kubikmeter des Gemischs floss über eine Fläche von etwa 40 Quadratkilometern.

Die Welle begrub in sieben Dörfern Straßen und Autos unter sich, überschwemmte mehr als hundert Häuser und zerstörte jegliche Vegetation außer Bäumen. Die Behörden riefen den Notstand in drei Bezirken aus, Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Vier Menschen wurden getötet, mehr als 120 verletzt.

"90 Prozent wollen nicht mehr zurückkehren"

Am Mittwoch suchten Rettungsmannschaften noch nach drei Vermissten. Helfer versuchten außerdem, das Rückhaltebecken abzudichten. Verzweifelte Dorfbewohner wateten, nur mit Gummistiefeln geschützt, durch den Schlamm, um wenigstens einige ihrer Habseligkeiten zu retten. In Kolontár bauten Soldaten mit Pontons eine provisorische Brücke über den Rotschlamm, damit die Menschen aus ihren Häusern persönliche Dinge holen können. "90 Prozent wollen nicht mehr zurückkehren, weil ihnen niemand garantieren kann, dass sich derlei nicht wiederholt", sagte Karoly Tili, der Bürgermeister von Kolontár, der ungarischen Nachrichtenagentur MTI.

Tatsächlich ist die Region zurzeit absolut unwirtlich. Zum einen ist die Trinkwasserversorgung in Gefahr. "Diese ist in Ungarn stark vom Grundwasser abhängig", sagt Greenpeace-Sprecher Nichtenberger. Der Schlamm habe sich mit dem Hochwasser vermischt und sickere durch das Erdreich ins Grundwasser. Eine weitere Gefahr liegt dem Umweltschützer zufolge darin, dass der Schlamm nach dem Ende des Regens trockne und die Anwohner dann einer Feinstaubbelastung ausgesetzt seien. Außerdem leide die Landwirtschaft. "Man kann auf noch unbekannte Zeit nichts anbauen." Es könne Monate oder gar Jahre dauern, bis der Boden wieder genutzt werden könne.

Der Katastrophenschutz wies die Bewohner der betroffenen Regionen an, vorsichtshalber die Brunnen nicht zu benutzen. Außerdem wurden das Ernten und Essen von lokalen Produkten sowie das Jagen und Fischen verboten.

"Heute oder morgen könnten wir tote Fische sehen"

Das komplette Ausmaß der Umweltkatastrophe ist noch nicht absehbar. Es besteht aber durchaus die Gefahr, dass die Schäden größer werden könnten als bei einem Unglück vor zehn Jahren, als aus einer rumänischen Goldmine in der Nähe der ungarischen Grenze zyanidhaltiges Wasser aus einem Auffangbecken in die Donau floss und in dem Strom und vier seiner Nebenflüsse Tiere und Pflanzen vergiftete. Auch nach der Katastrophe in Ungarn richten sich nun bange Blicke auf die Donau: Wenn das Gift bis in den zweitgrößten Fluss Europas vordringt, könnte es durch Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien und die Ukraine bis ins Schwarze Meer gelangen.

"Wir können im Moment noch nichts Genaues sagen, gehen aber aufgrund anderer Erfahrungen davon aus, dass Fische und Pflanzen betroffen sein werden", sagte Nichtenberger. Die Natronlauge belaste das Biotop extrem: "Ich hoffe, dass es glimpflich ausgeht, aber ich befürchte, dass wir für heute oder morgen die ersten toten Fische sehen werden." Die Erfahrungen aus der Katastrophe in Rumänien ließen die Hoffnung schwinden, dass die Konzentration gesunken sei, bis die Brühe die Donau erreiche.

Einsatzkräfte kippen seit Dienstag Gips in den Fluss Marcal, um das Gift zu neutralisieren und zu verhindern, dass die Brühe rund 70 Kilometer flussabwärts in die Donau fließt. Zwar verkündete der Katastrophenschutz am Mittwoch, der Alkali-Gehalt im Wasser sei schon etwas gefallen - nach Einschätzung von Greenpeace reichten die Fortschritte jedoch nicht aus. "Außerdem wissen wir noch nicht, welche Verbindungen in der Substanz enthalten sind. Es kann sein, dass man mit der Veränderung des pH-Wertes andere Metalle freisetzt", warnte Nichtenberger.

Ein besonders düsteres Szenario malte die Europäische Union: Sie befürchtet Umweltschäden über die Grenzen Ungarns hinaus. Man sorge sich nicht nur um die Umwelt in Ungarn, sondern auch in anderen Anrainerstaaten der Donau, erklärte EU-Sprecher Joe Hennon in Brüssel. Die EU bot Unterstützung bei der Bewältigung des Unglücks an. Das Aufräumen nach dem schweren Chemieunfall in Ungarn wird der Regierung zufolge Monate, wenn nicht gar ein Jahr dauern. Dabei würden Kosten in Höhe von Dutzenden Millionen Euro entstehen.

Wer trägt Schuld an dem Unglück?

Neben der Sorge um die Umwelt beschäftigte Anwohner, Politik und Umweltschützer am Mittwoch weiterhin die Frage nach der Unglücksursache. "Jeder wusste, dass der Damm am Speicherbecken undicht war", behauptet ein Mann mittleren Alters in einem Film des Internetportals index.hu. "Das war ein offenes Geheimnis, aber man hat es unter den Teppich gekehrt." Die Regierung geht derzeit davon aus, dass menschliches Versagen die Katastrophe auslöste, die Produktion in dem Werk wurde auf unbestimmte Zeit gestoppt.

Auch Greenpeace geht der Schuldfrage nach. "Wir prüfen derzeit, ob der Damm so gebaut war, dass er dem Schlamm nicht standhalten konnte", sagte Nichtenberger. Zwar sei es in einigen Ländern gängige Praxis, Rotschlamm in offenen Becken zu deponieren - aber diese müssten dann auch halten.

Das Unternehmen MAL Zrt., dem das Werk gehört, weist Vorwürfe zurück, nicht genug für die Sicherheit getan zu haben. "Wir haben die Becken täglich inspiziert und keine Unregelmäßigkeiten festgestellt", sagt Geschäftsführer Zoltán Bakonyi. Auch gelte der Rotschlamm nach den Standards der Europäischen Union nicht als Gefahrstoff, so das Unternehmen.

Sichtlich verärgert über diese Kommentare forderte Ungarns Innenminister Sándor Pintér die Verantwortlichen des Unternehmens dazu auf, eine Runde in der Brühe zu schwimmen: "Dann werden wir ja sehen." Ministerpräsident Viktor Orbán bestätigte jedoch, die Fabrik und das 300 mal 450 Meter große Auffangbecken seien erst vor zwei Wochen geprüft worden. Unregelmäßigkeiten habe es nicht gegeben. Er räumte ein, dass der Unfall die Behörden völlig unvorbereitet getroffen habe.

"Zum Land der Mülldeponien geworden"

Die Behörden und die Regierung des Landes müssen sich Kritik gefallen lassen. "Wenn die Behörden auf die Einhaltung von Sicherheitsstandards geachtet hätten, wäre so ein Unglück nicht möglich gewesen", sagt Nichtenberger. Ungarische Medien kritisierten, dass die Abfälle der in den neunziger Jahren privatisierten ungarischen Aluminiumindustrie nahezu bedenkenlos unter freiem Himmel gelagert werden könnten.

"Die Geschehnisse sind die Folge der jahrzehntelangen Verantwortung - und natürlich Verantwortungslosigkeit - der politischen Kaste", schrieb die Budapester Zeitung "Népszabadság" in einem Kommentar. Geschäftsleute aus der post-kommunistischen Elite erwarben die Anlagen bei der Privatisierung in den neunziger Jahren "für einen Pappenstiel". Dank ihrer Vernetzung verhinderten die neuen Eigentümer die Einführung einer Deponiesteuer für die Abfalllagerung in freier Natur. Zudem sicherten sie sich billige Strompreise für eine ansonsten unwirtschaftliche Aluminium-Produktion. "Wir sind zum Land der Mülldeponien geworden", stellte der Kommentar fest.

Nach Ansicht der Umweltorganisation WWF trägt auch die Europäische Union eine Mitschuld an der Giftschlamm-Katastrophe in Ungarn. "Die EU-Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbau-Industrie sind viel zu niedrig", sagte der Leiter des Wasserbereichs beim WWF, Martin Geiger. So dürften als Absicherung der Becken einfache Erdbaudämme eingesetzt werden - obwohl deren Gefahren vor allem in osteuropäischen Ländern schon lange bekannt seien: "Bei viel Regen oder Hochwasser ist die Gefahr groß, dass sie brechen."

Mit Material der Agenturen



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