Chile Die verwaisten Seelen der Colonia Dignidad

Vier Jahrzehnte lang lebten Hunderte deutsche Aussiedler unter dem frommen Terror der Colonia Dignidad. Während die Justiz die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht, versuchen die Zurückgebliebenen, sich im Leben neu einzurichten.

Der Junge war übel zugerichtet: Blut quoll ihm durchs Hemd, sein Gesicht war schief und verschwollen, blau von Schlägen. So führte der Peiniger ihn seinem Richter vor. Der Sektenführer Paul Schäfer blickte nur kurz auf den Neunjährigen, der in seinem Auftrag so geschunden worden war. "Das Doppelte", schnauzte Schäfer. Neben dem Boss stand ein hochgewachsener, breitschultriger Mann. Der nickte nur zustimmend, sagte kein Wort.

Erst sechs Jahre später sollte Klaus Schnellenkamp eher zufällig erfahren, dass der ungerührte Koloss neben Schäfer niemand anderer war als sein eigener Vater. Der spielte damals die Rolle des Vizepräsidenten der Deutschensiedlung Colonia Dignidad etwa fünf Autostunden südlich der Hauptstadt Santiago.

Als "Schock", so erinnert sich Klaus Schnellenkamp heute, habe er die Mitteilung empfunden, dass in der sogenannten Kolonie der Würde, seine Eltern und seine drei Brüder und drei Schwestern lebten. Denn da wurde ihm mit einem Schlag bewusst, dass sie nie auch nur den Finger gerührt hatten, um ihn zu verteidigen. "Meine Eltern hatten sich verpflichtet, mich Paul Schäfer auszuliefern."

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Villa Baviera: Vergangenheitsbewältigung hinter dicken Mauern

Foto: Claudio Perez

44 Jahre lang lebten in der deutschen Exklave Männer und Frauen, Jungen und Mädchen nach dem Gebot ihres Führers getrennt, jeder allein auf sich gestellt, ausgeliefert den Launen des evangelischen Predigers, der seine frommen Gefolgsleute 1961 vom Rhein in die Abgeschiedenheit auf der anderen Seite des Ozeans gelockt hatte. In der chilenischen Idylle der Alptraum einer kleinen deutschen Diktatur.

Heute steht der hochaufgeschossene Student Schnellenkamp, 32, vor seinem Abschluss als Industriekaufmann und bereitet sich auf die Abreise in die Heimat seiner Vorfahren vor. Das Unrechtsregime der Colonia Dignidad ist gestürzt, die Entrechteten sind befreit.

Ohne die Gurus ist die Sekte orientierungslos

Sektenführer Schäfer, inzwischen ein Greis von 83 Jahren, sitzt seit seiner Überstellung aus einem argentinischen Versteck Mitte März im Hochsicherheitsgefängnis von Santiago. Auch vier Vertraute aus seiner Führungscrew, seit gut zwei Wochen auch der Vater Schnellenkamps, wurden verhaftet.

Vier Jahrzehnte lang hatten die chilenischen Behörden hingenommen, dass ein religiöser Fanatiker aus Deutschland mit bis zu 500 Untertanen einen Staat im Staate auf 17.000 Hektar Grund regierte, wo er ungestraft die abscheulichsten Verbrechen begehen konnte. Jetzt, 15 Jahre nach dem Abgang des Diktators Augusto Pinochet, lässt der staatliche Verteidigungsrat gegen den ehemaligen "Wohlfahrts- und Erziehungsverein Würde" wegen "organisierten Verbrechens" ermitteln.

Vorbei also der Spuk? Die Vergangenheit der Colonia Dignidad, so zeigt sich nun, ist so einfach nicht zu bewältigen. Die fiese kleine Diktatur hinterlässt ein ratloses, hilfloses Völkchen aus einer anderen Zeit. Ohne ihre Gurus sind die Sektenangehörigen orientierungslos. Viele fühlen ja nicht einmal, ob sie Opfer oder Täter waren. Die Auskünfte der Hauptstadt Santiago sind von juristischer Eindeutigkeit. Nicht allein habe Paul Schäfer die eigenen Anhänger versklavt, indem er sie einem unentlohnten Arbeitsdienst bei strenger Geschlechtertrennung unterwarf. An den Söhnen der Siedler und an meist zwangsadoptierten Chilenen verging er sich regelmäßig. Dies wurde ihm zum Verhängnis, der Verhaftung wegen sexuellem Missbrauch entzog er sich Ende 1996 durch Untertauchen. Vergangenen November wurde er verurteilt - damals noch in Abwesenheit.

Mit dem Repressionsapparat des Pinochetregimes betrieb der Colonia-Boss, im Zweiten Weltkrieg als Sanitäter eingesetzt und eingefleischter Antikommunist, ein Joint Venture zur Folterung und zum Verschwindenlassen politischer Gegner. Er handelte mit Waffen und stellte eigene Kampfgruppen auf. Die Ermittlungen laufen im bescheidenen Büro des Richters Jorge Zepeda zusammen, der am Appellationsgericht zu Santiago die Beweise gegen die Führungsriege der Sekte sammelt. Anfang nächsten Jahres, so hofft der Jurist im unscheinbar grauen Anzug, könnten die Prozesse gelaufen und Urteile gesprochen sein.

Doch auch Zepeda hat gemerkt, dass sich die Colonia Dignidad, die sich inzwischen "Villa Baviera" nennt, nicht einfach abwickeln lässt wie ein anachronistisches Überbleibsel der Pinochet-Diktatur. Die Colonia Dignidad lebt, und mir ihr die Vergangenheit. Der Sektenführer ließ 250 schwer traumatisierte und verängstigte Menschen zurück, die meisten über 60 Jahre alt. Die lange Zeit völlig abgeschottet von ihrer Umwelt gehaltenen deutschen Staatsangehörigen beherrschen meist nur Brocken der Landessprache. Sie haben nie gelernt, für sich selbst zu entscheiden. Nur wenige wagen wie Klaus Schnellenkamp den Weg hinaus ins 21. Jahrhundert. Viele wollen sich einigeln in ihrem vertrauten Leben. Die meisten aber wissen überhaupt nicht, was sie wollen.

Die Zeitreise in die andere Welt führt über 20 Kilometer staubiger Schotterpiste mit tiefen Schlaglöchern hinter Parral, dem Geburtsort des über die Landesgrenzen hochverehrten Dichters Pablo Neruda. Nach drei Viertelstunden Gerüttel über enge Serpentinen, vorbei an umgestürzten Baumstämmen, weitet sich der Blick. Eine grüne sanfte Hügellandschaft mit riesenhaft gewachsenen Pinien und Laubbäumen wie im Märchenwald zieht sich bis an die schneebedeckte Andenkordillere.

Die Wiesen sind eingezäunt, die nach vorn gebogenen Betonpfeiler mit Stacheldraht bewehrt. Doch das Tor, das undurchdringlich war, automatisch verriegelt wurde und verteidigt von der speziellen Abwehrtruppe der Siedler, wenn in der Vergangenheit Journalisten oder Menschenrechtler anrückten, steht offen. Die Metallflügel wurden aus den Angeln gehoben. Aus dem zartrosa getünchten Wärterhaus an der nächsten Rechtskurve, vor dem üppige Geranien blühen, tritt eine alte Frau mit weißem zum Dutt getürmten Haar. Sie lächelt selig, nicht ganz von dieser Welt. Lautlos wie von Geisterhand tut sich die mit Ähren aus Schmiedeeisen verzierte Pforte auf.

Am Ackerrand läuft ein blonder Mann im Arbeitsdrillich mit einem Jagdhund. Sein Gesicht könnte ein flämischer Meister gemalt haben: rosige fast weiße Haut, alterslos scheinbar, blaue Augen ohne Ausdruck. Auf einem überdimensionalen Dreirad mit Anhänger tritt mühsam ein Mann mit grauem streng gescheiteltem Haar, gleichsam ein greises Kind, in die Pedale. Er trägt unförmige Hosen und einen Pullover in hellbraun, Nachkriegsmodelle. Die versprengten Gestalten verlieren sich zwischen den abgelebten Gebäuden der kleinen Siedlung. Nur Vogelgezwitscher ist zu hören, kein Lärm von Musik oder Motoren, keine menschliche Stimme, nicht einmal Kinderlachen. Das Landgut hat die unheimliche Atmosphäre einer Anstalt oder eines Altersheims.

Wer arbeiten kann auf dem weiten Gelände der Villa Baviera, ist auch heute noch täglich im Einsatz. Vor der Metzgerei fährt zweimal wöchentlich ein Lieferwagen vor, der die deutschen Würste, Schinken und Fleischpasteten abholt, die in einigen Supermärkten der Hauptstadt so begehrt sind. Sieglinde Zeitner, 52, verbringt ihre Tage damit, die Ware portionsgerecht einzuschweißen.

Die Frau mit den roten Wangen unter dem weißen Haarnetz hat keine Falten, nur die dunklen Schatten unter den Augen verraten etwas von ihrem Alter. Drei Klassen Grundschule in Gronau an der holländischen Grenze hat sie besucht, bis ihre frommen Eltern sie nach Chile verpflanzten. Da war Sieglinde neun. Die Kindheit in der neuen Heimat, abgesondert von den Verwandten in der Mädchengruppe im sogenannten Kinderhaus wohnend, bestand aus "Steineklauben auf dem Feld".

Und Durst, unerträglicher Durst. Wer heimlich Wasser trank, aus der Kloschüssel, wurde vom "tío permanente", dem ewigen Onkel, wie sich Schäfer nennen ließ, in der abendlichen Versammlung angeprangert und zur Züchtigung freigegeben. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Die Eltern, Anhänger einer baptistischen Freikirche, hatten Sieglinde im strengen Glauben erzogen. Schäfer gelang es, seinem Gefolge vorzugaukeln, er allein könne den Weg zu Gott weisen. Deshalb musste auch jedes Mädchen und jeder Junge täglich bei ihm beichten.

Wer einen Regelverstoß beobachtete, musste ihn melden. Jahrelang habe sie sich den Kopf zermartert, "was ich wohl wieder falsch gemacht habe", sagt die Frau und zieht bitter die Mundwinkel nach unten, während sie sorgfältig die Wurstscheiben auffächert. "Ich habe meine Jugend verpfuscht." Argwöhnisch blickt die Frau im unförmigen Arbeitskittel um sich, ob ja keiner lauscht. Mit 24 Jahren habe sie sich Schäfer anvertraut: "Ich hatte so eine große Sehnsucht, ich wollte heiraten." Nach diesem Geständnis habe der vorgebliche Gottesmann alle Mittel eingesetzt, um ihr diese "sündigen Wünsche auszutreiben". Nur im Stockdunklen hätten Mädchen und Jungen sich selten mal treffen können, wehe, wenn das Spitzel dem ewigen Onkel verrieten.

Wie bei den Gorillas

Im Unterricht, den Gemeindemitglieder in einem kleinen Haus auf dem Gelände abhielten, gab's keine Aufklärung. In den Fibeln waren alle Stellen, in denen es um Familie ging, sorgfältig abgeklebt. Selbst die Kinderbibel textete Schäfer um. Wenn jemand fragte, wo die kleinen Kinder herkommen, hieß es "aus dem Himmel". Sieglinde aber hatte sich schon zu Hause in Gronau um die jüngeren Brüder gekümmert. Acht Geschwister hat Sieglinde, jedes Jahr bekam die Mutter ein Baby. Und sie? Endlich löst ein glückliches Lächeln die dünn zusammengekniffen Lippen.

Aus dem Schlachthaus holt sie den Metzgermeister: "Das ist mein Friedhelm." Bensch ist nur wenige Wochen älter als sie, ebenfalls schon seit dem zehnten Lebensjahr in der Colonia Dignidad eingesperrt. Die hellbeige Mütze trägt er auf dem aschblonden Haar wie der Soldat sein Käppi. Sein Gesicht scheint merkwürdig unberührt wie von einem Schauspieler in einem schwarz-weißen Ufa-Streifen. "Ein Wunder" sei mit ihnen geschehen. Sie haben "ein Geschenk" gekriegt, einen Sohn, als Sieglinde schon 47 war.

Denn heiraten durften in Paul Schäfers Reich nur wenige Auserwählte. Wie bei den Gorillas bestimmte auch bei den Deutschen das Alphatier über den Sexualtrieb der Gruppe. Kinderkriegen war einer kleinen Elite vorbehalten, darunter beispielsweise Sieglindes Eltern. Ihr jüngster Bruder, in der Kolonie geboren, hat den Sektenführer begleitet, als der sich 1997 nach Argentinien absetzte.

Erst nach Schäfers Verschwinden lockerte sich auch das strikte Regelwerk aus räumlicher Isolation und strengsten Vorschriften. Verwandte entdeckten einander, Heiratsfieber ergriff die Alleinstehenden. Doch es war schwierig, die Gewohnheiten des Gruppenlebens abzuschütteln. Bis heute wird im Speiseraum gegessen, was die Großküche zubereitet. Paare mit Kleinkindern wohnen jedoch inzwischen zusammen in den ehemaligen Gemeinschaftshäusern.

So hocken die Einwohner von Villa Baviera weiterhin eng aufeinander und leben unter ständiger Kontrolle der Gruppe. Viele Paare mussten feststellen, dass sie keine Kinder zeugen konnten. Denn Schäfer hatte im Krankenhaus der Kolonie nicht nur jährlich an die 20.000 Patienten aus der bitterarmen Nachbarschaft kostenlos behandeln lassen. Das war die Fassade zum Vorzeigen. Er experimentierte an Jungen und Mädchen. Nachts wurden sie mit Stromschlägen an den Genitalien traktiert.

"Es ist so schön hier"

Liebe sollten im perversen Schäfer-System ausschließlich kleine Jungs und ausschließlich durch ihn selbst erfahren. Abends unter der Dusche zum Beispiel. Der Prediger, der 1961 Deutschland verlassen hatte, weil er per Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen gesucht wurde, holte sich Knaben zwischen sieben und zwölf Jahren allabendlich in sein Schlafzimmer, das unter Sektenanhängern als "Tempel" bekannt war.

Weil er sich wiederholt geweigert habe, Opfer von Schäfers Missbrauch zu werden, so berichtet Klaus Schnellenkamp, habe der Sektenchef ihn jahrelang gequält. Er ist heute stolz darauf, dass es Schäfer nicht gelungen ist, seinen Widerstandsgeist zu brechen. Doch während er erzählt, zittert dem jungen Mann, der wie alle Siedler ein leicht altertümliches Deutsch spricht, noch immer die Stimme. Gleichwohl wohnt er bis zu seiner Abreise nach Deutschland weiterhin im Sitz der Sekte in Santiago. Die Villa liegt hinter dicken Mauern direkt neben dem Nationalstadion, wo Pinochet nach seinem Putsch 1973 die politischen Gefangenen zusammenpferchte.

Arrest, Nahrungsentzug, sogar Geißelungen sollten den rebellischen Sprössling des damals engsten Mitarbeiters von Schäfer gefügig machen. Vater Kurt Schnellenkamp war als ehemaliger leitender Angestellter des VW-Werks gewissermaßen der Wirtschaftsminister der Kolonie, zuständig für Handel und Kontakte mit dem Regime. Der Senior, heute 78, kann nicht einsehen, warum er und einige Kollegen aus dem Führungskreis der Colonia durch die chilenischen Gerichte verfolgt werden. In den Gründerzeiten der Siedlung sei es notwendig gewesen, die Kinder "getrennt wie in einem Jugendlager" unterzubringen. Nicht anders als in einem israelischen Kibbuz.

Genüsslich erzählt Schnellenkamp aus den guten alten Tagen. Alle hätten mächtig arbeiten müssen, "aber es hat Spaß gemacht". Dass der "Gottesmann" sich an kleinen Jungs verging, auch an seinen Söhnen, wollte er nicht wahrhaben. Seine Frau Elisabeth lauscht mit entrücktem Lächeln. Sie habe nie bereut, ausgewandert zu sein. Bis heute findet sie es "so schön hier".

Ein Richter hat Vater Schnellenkamp und 21 weitere Mitglieder aus der Führung der Colonia Dignidad im vergangenen November wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch Schäfers zu Haftstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt. Noch sind diese Urteile nicht rechtskräftig. Auch Gerd Seewald, Doktor der Theologie, wurde für schuldig befunden, Schäfers Treiben gedeckt zu haben.

"Nur Schäfer wusste alles"

Auf einem klapprigen Fahrrad kommt der Greis angeradelt. Gegen den frischen Frühlingswind, der durch das Obstspalier hinter dem Kantinenbau pfeift, hat er sich mit einem blauen Anorak und einer Russenmütze auf dem Kopf geschützt. Den Richterspruch findet Seewald "wirklich sehr ungerecht". Hinter den dicken Brillengläsern im Goldrahmen blitzen die hellblauen Augen wie Stecknadelköpfe. Wenn man immer an jemanden geglaubt habe, wie er an Schäfer, könne man sich nichts Schlechtes bei ihm vorstellen. Seine Enttäuschung über den Sektenführer sei jetzt umso größer.

Früher hat der Theologe als einziger für die Gemeinde Zeitungen gelesen und sonntags aus der fremden Welt von draußen berichtet. Seewald hat nun akzeptiert, dass die chilenische Justiz erhellen will, was in der Colonia Dignidad lange Zeit im Verborgenen geschah. Deshalb hat er sich auch entschlossen, vor Richter Zepeda auszusagen.

Im August wurde der Ermittler auf das Archiv aufmerksam gemacht. Auf 40.000 maschinengeschriebenen Karteikarten, die Seewald angelegt haben soll, waren Informationen über Freunde und Feinde der deutschen Siedler verzeichnet. Vieles stammte aus Zeitungsberichten. Aber die Akten enthalten auch Aussagen von mindestens sechs politischen Häftlingen des Pinochet-Regimes, die bis heute als verschollen gelten. Die Informationen, so glauben die Ermittler, wurden ihnen unter Folter auf dem Gelände der Kolonie abgepresst.

Ein anderer Schäfer-Vertrauter, der in Untersuchungshaft sitzt, hat als erstes Sektenmitglied Richter Zepeda gestanden, er selbst sei Zeuge gewesen, als auf dem Terrain der Deutschen etwa 30 Regimegegner erschossen wurden. Auf Anordnung Pinochets seien die Leichen 1978 exhumiert und verbrannt worden.

Auch die Autos der Verschwundenen, Abhöranlagen und ein größtenteils selbstgefertigtes Waffenarsenal hat der Richter auf Hinweise von Siedlern im August auf dem Gelände der Villa Baviera und im Restaurant der Sekte entdeckt. Jetzt lässt Zepeda auf dem Gelände der Siedlung nach Überresten der Verschwundenen graben. Allein kann Schäfer diese Verbrechen nicht durchgeführt haben. Wer also waren seine willfährigen Helfer?

"Die Frage ist, welche Schuld man dabei hat." Derartige Selbstzweifel gesteht einzig Seewald ein. Udo Hopp beispielsweise, dessen Bruder Hartmut als Schäfers wichtigster Komplize angeklagt wurde, will nichts gewusst haben. Wenn "was Merkwürdiges" vorging, sagt der 62-Jährige, habe man nicht gewagt zu fragen. Der Tischler humpelt an einem Stock durch seine Schreinerei. "Nur Schäfer wusste alles, und es war auch besser, wenn man nicht zu viel wusste."

Sein Freund Siegfried Zeitner, der jüngere Bruder der Metzgersfrau, erläutert: "Wenn man mir anschafft, was zu vergraben, tu ich's einfach, selbst wenn's Autos sind." Er fügt hinzu: "Ich habe so geglaubt an Schäfer. Meine einzige Sorge war: Was soll aus uns werden ohne ihn."

Und was wird nun ohne ihn? Hopp will um jeden Preis in seiner Werkstatt ausharren. Sieglinde Zeitner und Friedhelm Bensch wissen dagegen nicht, ob sie die Metzgerei aufgeben und nach Deutschland zurückgehen sollen, solange sie noch die Kraft für einen Neustart haben. "Wir können doch den Laden nicht einfach im Stich lassen", klagt die Frau.

Wellness-Farm mit Bio-Joghurt?

Auch Klaus Schnellenkamp kann nicht so ohne weiteres der Colonia den Rücken kehren, die ihn bis ins Erwachsenenalter bevormundet hat. Am vorvergangenen Wochenende ist er noch mal hingefahren, um den einstigen Gemeindemitgliedern seine Gründe zu erläutern. Seine sechs Geschwister haben offenbar kein Problem mit ihrer Vergangenheit im Zwangslager.

Anna, 28, in ihrem blauen Faltenrock und der weißen gehäkelten Jacke mit dem streng geflochtenen Zopf, einer Nonne gleich, ist nach der Lehre im Mariott-Hotel in Santiago gern wieder zurückgekehrt. Sie sorgt nun als Leiterin der Küche dafür, "dass unsere 80 Rentner gesund essen". Ihre Eltern, die sie erstmals mit 20 Mutti und Vati nennen durfte, sollen sehen, "dass nicht alles umsonst war". Während Betschwestern und Kanzelbrüder passiv abwarten, wollen um die 40 meist in Chile geborene Leute anpacken. Es geht ihnen darum, den landwirtschaftlichen Betrieb zu retten und sich so ein Auskommen zu garantieren. Denn die Unternehmensrendite von 40 Jahren unentgeltlicher Plackerei ist auf ungeklärte Weise versickert.

Wer bleiben will, erhält jetzt Unterstützung von den Behörden aus der Hauptstadt. Die schickten einen Stab junger Berater in die Villa Baviera, der sich den altmodischen Laden daraufhin ansehen sollte, ob er für die Bewohner genug zum Überleben abwirft. Wie wäre es, so einer der Beratervorschläge, aus dem Sektenlager eine Wellness-Farm zu machen - mit heißen Quellen und eigenem Bio-Joghurt?

Anfang Oktober wurde ein Regierungskoordinator in die Villa Baviera entsandt. Der soll dafür sorgen, dass die deutsche Exklave sich endlich mit allen Rechten und Pflichten in die chilenische Gesellschaft integriert. Auch die deutsche Botschaft nimmt sich ihrer Bürger an. Der Psychiatrie-Professor Niels Biedermann hat seit einem Jahr im Auftrag des Auswärtigen Amts die Übriggebliebenen aus einer anderen Welt beraten. Der erfahrene Seelenarzt hält es für wichtig, die Kolonie zu erhalten. Die Gründergeneration könnte in der Welt von heute nicht überleben.

Klaus Schnellenkamp ist sich dagegen sicher, dass der Sprung in ein neues Leben die einzige Lösung ist. Mit Sorge sieht er, wie seine Eltern und Geschwister schon wieder einem Wanderprediger zuhören, der neuerdings regelmäßig in der Villa Baviera vorbeischaut.

Wie einst Schäfer, beschwört auch der Missionar Ewald Frank aus Krefeld finstere Visionen vom Weltuntergang. Auch er warnt vor den Verlockungen der verdorbenen Welt da draußen. Gern lässt er ein paar fromme Videos da, um die sich Schäfers Waisen gläubig versammeln.

Es ist fast schon wieder wie früher.