Hinterhof-Konstrukteure in China Tollkühne Männer in fliegenden Kisten

Fotografin Xiaoxiao Xu ist durch China gereist und hat Hobby-Tüftler besucht: Sie basteln in Hinterhöfen oder Schuppen an Fluggeräten Marke Eigenbau. Hier sind ihre gewagten Konstruktionen.

Xiaoxiao Xu

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Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Doch sie alle eint der große Traum vom Fliegen, die Sehnsucht nach Freiheit und eine enorme Kreativität. Überall in China verteilt streben Hobby-Bastler - oft sind es Bauern oder einfache Arbeiter - danach, ihre eigenen Fluggeräte zu bauen, aus Metallschrott und mit einfachen Werkzeugen.

Die Fotografin Xiaoxiao Xu hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht. Fündig wurde sie an acht Orten - in Hinterhöfen und Schuppen. Die Geschichten der Hobby-Konstrukteure hat Xiaoxiao im Fotobuch "Aeronautics in the Backyard" zusammengetragen, mit beeindruckenden Bildern und historischen Konstruktionszeichnungen.

Einige der Hobby-Konstrukteure haben demnach seit Jahrzehnten an ihren eigenen Flugzeugen gearbeitet, es aber nie geschafft, damit abzuheben. So wie Cao Zhengshu, ein Bauer aus Mianyang in der Provinz Sichuan. Er ist Analphabet, was die Entwicklung der Fluggeräte erschwert. Eines seiner Modelle basierte auf den Abmessungen einer Taube, die Cao in seinem Dorf gekauft hatte. Etwa ein Dutzend Geräte soll er seit 1984 konstruiert haben, geflogen ist bislang noch keines.

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Fluggeräte Marke Eigenbau: Die Hinterhof-Konstrukteure

Aber der mehr als 70 Jahre alte Mann lässt sich nicht entmutigen. "Flugzeuge zu bauen, ist für mich eine Art Unterhaltung, so wie es andere Leute lieben, Mahjong zu spielen", sagt Cao. "Ich fühle mich einfach glücklich." Er träumt davon, dass eines seiner Flugzeuge eines Tages über ein Rapsfeld fliegt.

Andere Hobby-Konstrukteure brachten ihre Flugzeuge zwar in die Luft, riskierten damit aber ihr Leben. Wang Qiang, der mit seiner Familie in Cixi in der Provinz Zhejiang einen Friseurladen betreibt, hat bereits mehrere Unfälle mit selbst gebauten Fluggeräten hinter sich. "Einmal bin ich bis auf 300 Meter Höhe geflogen und plötzlich ging der Motor aus", erzählt er in dem Buch. Er sei in einen Fluss gestürzt. "Ich musste ans Ufer schwimmen und dann versuchen, das Flugzeug zu retten."

Ein anderes Mal versagte der Motor in Wangs Fluggerät kurz nach dem Start, er stürzte kopfüber auf eine Baustelle. "Zum Glück hatte ich den Sicherheitsgurt angelegt, so blieb ich unverletzt", sagt Wang.

Warum haben diese Menschen den Mut und die Fähigkeiten, Fluggeräte zu bauen? Und das, obwohl ihnen Fachwissen und Ressourcen fehlen? Wie können sie ihre Ziele erreichen, während sie einen Vollzeitjob haben und sich um ihre Familie kümmern müssen? Warum gehen sie solche Risiken ein? Antworten auf diese Fragen zu finden, war der Antrieb für Xiaoxiaos Buchprojekt.

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Hobby-Konstrukteure in China: Panzer, U-Boote, Sportwagen

"Aus ihrer Perspektive geht es nicht darum, 30 Jahre ihres Lebens darauf zu verwenden, 30 Meter zu fliegen", schreibt der niederländische Künstler Gover Meit im Vorwort über die Hobby-Bastler. "Es geht darum, 30 Jahre ihres Lebens darauf zu verwenden, das Unmögliche in etwas Greifbares zu verwandeln."

Zhang Dousan wuchs in einer armen Familie in Chaozhou in der Provinz Guangdong auf. Die Grundschule musste er vorzeitig verlassen, mit 13 begann er, in einem Steinbruch zu arbeiten, inzwischen hat er einen Job als Bauarbeiter.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:45 Uhr
Ohne Gewähr

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Xiaoxiao Xu
Xiaoxiao Xu - Aeronauts in the Backyard

Verlag:
The Eriskay Connection
Seiten:
160
Preis:
EUR 2.595,99

Doch seine große Leidenschaft ist die Fliegerei: Als er Flugzeuge im Fernsehen sah, inspirierte das Zhang dazu, sein eigenes Fluggerät zu bauen. Alle Freunde seien in Gelächter ausgebrochen, wenn sie von seinem verrückten Traum gehört hätten, sagt er in dem Buch.

Zhang ließ sich nicht beirren, nahm Flugunterricht und las viel über das Design sowie den Bau von Flugzeugen. 1998, nach drei Jahren Arbeit, war er fertig. Sein Leichtflugzeug - 200 Kilogramm schwer, sechs Meter lang und anderthalb Meter breit - schaffte eine Strecke von 500 Kilometern am Stück. Auf der Tragfläche stand: "Ich bin aus Chaozhou. Kein Streben, kein Gewinn!"

Mittlerweile arbeitet Zhang an seinem fünften Fluggerät. Er steckt nach wie vor viel Geld und Freizeit in sein Hobby - nun mit dem Ziel, einen Hubschrauber mit vier Motoren zu bauen. Dieser soll durch Wälder und Täler fliegen können, um bei Rettungseinsätzen mehr Menschen zu erreichen. Noch befindet sich das Gerät in der Testphase.



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