Chinesische Zoos Hungerdrama hinter Gitterstäben
Peking - Weiße Tiger, Löwen, Antilopen und Giraffen: Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Guangzhous (Kanton) sind sie in einem großen Safari-Park in - fast - freier Wildbahn zu besichtigen. Rund zehntausend Tiere besitzt dieser größte Tierpark Chinas. Er liegt in Panyu und zählt zu den größten Freizeit-Attraktionen des Perlfluss-Deltas, der sogenannten Werkstatt der Welt.
Der größte Tierpark Chinas gehört den Brüdern Shu, die mit Schweinefleisch reich wurden. Eines Tages gelang es ihnen, den Behörden ein großes Stück Land abzuschwatzen, das sie 1997 in den Safari-Park umwandelten. Nirgendwo sonst in Asien werden mittlerweile so viele der seltenen weißen Tiger gezüchtet wie hier.
Das Areal macht einen gepflegten Eindruck, den Tieren scheint es gut zu gehen - was in China keine Selbstverständlichkeit ist. Denn viele staatliche und private Zoos klagen über Geldmangel. Leidtragende sind immer die Tiere, die ihr Dasein nicht nur in Unfreiheit fristen, sondern auch noch hungern müssen. Zuweilen verhungern sie auch: Acht Löwen, ein Wolf, zwei Hirsche, zwei Kamele und zwölf Strauße verendeten 2005 im privaten "Prinzensee-Safaripark" in Xiantao in der Zentralprovinz Hubei. Der Eigentümer, ein Herr Zhou, hatte offenbar die hohen Kosten für die Fütterungen falsch kalkuliert, als er 2003 seinen Zoo mit rund 300 Tieren eröffnete.
Enge Käfige, kaum Pflege
In Nantai auf der Tropeninsel Hainan droht derzeit Hunderten von Krokodilen ein Ende im Kochtopf. Er sei gezwungen, die Reptilien zu verkaufen, weil er sonst das Gehege finanziell nicht halten könnte, gab Zoodirektor Zheng Yi zu. Schuld an den leeren Kassen ist unter anderem die Konkurrenz des Fernsehens. Viele chinesische Zoos sind, wie Tierschützer beklagen, schlecht geführt. Die Tiere leben in engen Käfigen und werden kaum gepflegt. Hohe Eintrittsgelder kommen hinzu. Im Pekinger Zoo, dem ältesten Chinas, kostet eine Karte zwar nur zehn Yuan (rund ein Euro). Wer aber alle Attraktionen sehen will, kommt schnell auf 100 Yuan. Für eine dreiköpfige Familie ist dies ein sehr teurer Ausflug.
Vor allem nach der Sars-Krise 2003 sanken die Besucherzahlen drastisch, weil viele Menschen fürchteten, sich bei den Tieren mit der tödlichen Lungenkrankheit anzustecken. Tausende von Tieren mussten auf Diät gesetzt werden. "Einen Zoo mit über 6000 Tieren zu unterhalten, kostet mehr Geld, als die meisten Menschen vermuten", sagte der Direktor des Shanghaier Zoos, Xiong Chengpei. Der Tierpark der Metropole importiert zum Beispiel Milchpulver aus Japan und Frankreich für seine Tiger- und Löwenbabys. Gras für Giraffen und Zebras muss jeden Tag aus der Provinz Xinjiang herantransportiert werden.
Wütendes Hungergebrüll der Elefanten
Um die Kassen zu füllen, suchen die Shanghaier mittlerweile nach Sponsoren aus der Industrie und nach Gönnern, die einzelne Tiere "adoptieren" und das Futter für ihre Zöglinge finanzieren. Auch der "Sibirische Tiger-Park" in Harbin fahndet nach Mäzenen für seine Wildkatzen. Nachdem im vorigen Jahr Dutzende Tiger-Babys das Licht der Welt erblickten, wurde das Geld knapp. Zwischen umgerechnet rund fünf (für Kinder) bis 1000 Euro (für Firmen) kostet es, einen kleinen Tiger anzunehmen.
In der nordöstlichen Millionenstadt Shenyang musste das private "Gletscher-zoologische Paradies" im vorigen November nach sechs Jahren schließen. "Die Einkünfte sanken im Vergleich zum vorigen Jahr um 50 Prozent. Wir können den täglichen Betrieb nicht mehr aufrechterhalten", erklärte damals der Vize-Parteichef der Anlage, Wu Xi, den "Shenyanger Abendnachrichten".
500 Kilo Fleisch fressen Tiger und Löwen jeden Tag, klagte Wu, die Seelöwen verschlängen täglich 120 Kilo Fisch. "Das Geld aus dem Verkauf von Eintrittskarten reicht dafür nicht aus." Journalisten hörten wütendes Gebrüll der Elefanten, die vor Hunger immer wieder mit ihrem Rüssel gegen die Wand stießen. Schon wurden Enten und Gänse knapp, die den Tigern und Wölfen zum Fraß vorgeworfen werden. Der Zoo musste allerdings nur zehn Tage seine Pforten dichtmachen, dann schoss die Regierung rund 100.000 Euro zu, um in letzter Minute eine Katastrophe abzuwenden.