Cholera-Epidemie Haiti erwägt Verschiebung der Präsidentenwahl

Die Zahl der Cholera-Opfer in Haiti steigt langsam aber beständig. Als Ursprung der Seuche ist nun ein Lager der Uno-Truppen ins Visier geraten. Wegen der Epidemie wird inzwischen sogar erwogen, die Präsidentenwahlen zu verschieben.

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Port-au-Prince - Die Ausbreitung der Cholera hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Das teilte die zuständige WHO-Direktorin Claire Chaignat in Genf mit. Die Expertin erklärte jedoch zugleich, die Chancen stünden gut, dass eine größere Katastrophe vermieden werden könne.

Die Zahl der Cholera-Toten stieg nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Haiti bis Mittwochabend auf 304. Mehr als 4770 Menschen seien infiziert.

Inzwischen wird erwogen, die Präsidentenwahlen in dem Krisenland zu verschieben. Der stellvertretende Direktor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (OPS), Jon Andrus, sprach sich dafür aus, die für den 28. November geplanten Wahlen wegen der Cholera zu verschieben. Auch Haitis Präsident René Preval hatte zu Beginn der Woche erklärt, man müsse angesichts der Lage eine Verschiebung erwägen.

Unterdessen rätselten Experten weiter über die Ursache für den Ausbruch der Epidemie. Zuletzt gingen Gerüchte um, dass womöglich Soldaten der Uno-Friedenstruppen aus Nepal die Seuche eingeführt haben könnten. WHO-Direktorin Chaignat wies diese Hypothese jedoch als "völlig unmöglich" zurück und sagte, es sei nicht das erste Mal, dass der Auftritt von Cholera in einem Land unerklärbar bleibe.

Nichtsdestotrotz hatten Inspektoren der Vereinten Nationen am Mittwoch in dem Lager Wasserproben genommen, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AP beobachtet hatte. Darauf angesprochen bestätigte Vincenzo Pugliese, Sprecher der Uno-Hilfsmission, dass die Männer nach Spuren des Cholera-Erregers suchten. Damit räumten die Vereinten Nationen zumindest ein, dass die Rolle des nepalesischen Stützpunkts beim Ausbruch der Seuche untersucht wird.

Sterblichkeitsrate ist gesunken

Positiv bewertete WHO-Direktorin Chaignat, dass die Sterblichkeitsrate von zunächst 10 Prozent auf 7,7 Prozent gesunken sei. Dies bedeute, dass die Gegenmaßnahmen greifen. Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die in Haiti acht Zentren zur Behandlung von Cholera unterhält, stellte Verbesserungen fest. "Die Tatsache, dass wir weniger schwere Fälle sehen, legt nahe, dass die Menschen Vorsorgemaßnahmen ergreifen und die Gemeinschaft besser die Notwendigkeit begreift, strikte Hygiene zu wahren", sagte der einer ihrer Koordinatoren in Saint-Marc.

Dort hatten am Tag zuvor Hunderte Menschen ein geplantes Behandlungszentrum für Cholera-Kranke der Organisation attackiert. Die Anwohner hatten wegen der Nähe zu zwei Schulen befürchtet, dass sich die Krankheit noch ungebremster ausbreitet, weil Kinder besonders gefährdet sind.

Das Zentrum mit rund 400 Betten für Cholera-Patienten sollte in der Nähe eines überfüllten Krankenhauses in Saint Marc eröffnet werden. Der Arzt Yfto Maquette sprach von einem "großen Missverständnis". "Die Idee war, die Patienten aus dem überfüllten Krankenhaus zu holen, aber wir hätten erst mit den Menschen sprechen und ihnen erklären sollen, was wir tun", sagte Maquette. Ob und wo das Zentrum nun gebaut wird, blieb unklar.

Nach Angaben des Uno-Büros für Humanitäre Angelegenheiten (OCHA) stammen 96 Prozent der Cholera-Toten und Infizierten aus dem Department Artibonite, wo die Krankheit vergangene Woche ausgebrochen war. Bürgermeister im Süden Haitis kündigten an, keine Lebensmittel und Agrarprodukte aus Artibonite in ihre Städte transportieren zu lassen.

Unterdessen hat die Dominikanische Republik die Grenzübergänge nach Haiti wieder geöffnet. Sie waren am Montag wegen der Cholera geschlossen worden. An allen vier Grenzübergängen zwischen den beiden Staaten auf der Insel Hispaniola werden aber nach Angaben des Senders Radio Metropole sanitäre Kontrollen durchgeführt. Die Cholera war vergangene Woche zum ersten Mal seit über 100 Jahren im Bereich des Flusses Artibonite ausgebrochen.

kng/dpa/dapd/AFP

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