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15. November 2010, 20:02 Uhr

Cholera in Haiti

Wo die Seuche wütet

Die Zahl der Toten steigt dramatisch, Helfer kommen mit der Behandlung der Infizierten kaum noch hinterher. Wie konnte sich die Cholera in Haiti so rasch ausbreiten? Und wie lässt sie sich eindämmen?

Port-au-Prince - Die Cholera in Haiti fordert immer mehr Opfer. Wie das Gesundheitsministerium des Karibikstaats am Sonntag mitteilte, starben bislang mehr als 900 Menschen. Infiziert wurden seit Ausbruch der Seuche am 19. Oktober annähernd 15.000 Personen. Dabei wird es nicht bleiben, fürchtet die Uno-Agentur für humanitäre Aufgaben. Bis zu 200.000 Menschen, so die Prognose, könnten sich in den kommenden Monaten mit dem Erreger anstecken.

Einem Unicef-Bericht zufolge sind Kinder unter 15 Jahren am stärksten betroffen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen erklärte am Montag in Köln, es werde seinen Kampf gegen die Cholera in Haiti weiter verstärken. Dort sei das ohnehin schwache Gesundheitssystem völlig überfordert.

Verantwortlich dafür, dass sich die Seuche in Haiti so rasch ausbreitet, sind unter anderem die schlechten hygienischen Zustände. Die Krankheit hatte letzte Woche die Hauptstadt erreicht und ist nun kaum noch zu stoppen.

In Port-au-Prince leben noch immer mehr als 1,3 Millionen Haitianer unter teils katastrophalen Bedingungen in Notunterkünften, seit das Land im Januar von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde. Im Armenviertel Cité Soleil haben die Menschen weder Toiletten noch sauberes Trinkwasser. Unter diesen Umständen verbreitet sich der Erreger besonders rasant.

Die in Haiti tätigen Hilfsorganisationen bemühen sich, die Seuche einzudämmen. Stefano Zannini, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen, schätzt die Lage als "sehr beunruhigend" ein. "Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind mit Patienten überfüllt", berichtete er bereits Ende vergangener Woche. Und Tag für Tag spitze sich die Lage weiter zu. Zwar habe die Organisation in den betroffenen Regionen zusätzliche Behandlungszentren und Betten aufgebaut, doch der Platz reiche bei Weitem nicht, um alle Infizierten medizinisch zu versorgen.

"Wir suchen alternative Plätze, aber man darf nicht vergessen, wie die Situation in Port-au-Prince ist." Seit dem Erdbeben seien auf jedem verfügbaren nicht zerstörten Platz Lager entstanden, in denen die Menschen unter extrem prekären Bedingungen lebten.

Sauberes Wasser

Ein weiteres Problem: Die Haitianer haben kaum Erfahrung mit der hochansteckenden Krankheit - zuletzt trat die Seuche vor beinahe hundert Jahren auf. Die Epidemie breite sich einerseits deshalb so rasch aus, weil die Menschen keinerlei Antikörper hätten. Andererseits mangele es schlicht an Wissen: "Manche Menschen meiden die Umgebung von Cholera-Behandlungszentren oder haben Angst davor, ein solches in ihrer Nachbarschaft zu haben", sagt Stefano Zannini von Ärzte ohne Grenzen. "Sie glauben, die Krankheit würde sich von dort aus verbreiten. Wir versuchen zu erklären, dass das Gegenteil der Fall ist: je näher das Behandlungszentrum, desto besser für die Bevölkerung."

Die Cholera ist eine durch Bakterien ausgelöste Durchfall-Erkrankung, die zwar innerhalb kürzester Zeit zum Tode führen kann. Sofern die Symptome schnell genug erkannt werden, lässt sich die Krankheit aber erfolgreich behandeln. Infizierte müssen vor allem mit sauberem Wasser, Elektrolyten und Antibiotika versorgt werden.

Jim Emerson von der Hilfsorganisation Plan International warnte am Montag davor, die Hilfe für die Landbevölkerung zu vernachlässigen: "Die Cholera breitet sich nicht nur in Artibonite und der Hauptstadt aus. Drei Viertel aller Haitianer leben in ländlichen Gebieten. Dort gibt es kaum medizinische Einrichtungen, die Wege zu Krankenhäusern und Ärzten sind weit." Plan International rechnet mit deutlich mehr Cholera-Kranken als offiziell angegeben.

Angaben der Vereinten Nationen zufolge werden knapp 164 Millionen US-Dollar benötigt, um die Cholera in den Griff zu kriegen. Es mangelt an ärztlichem Personal, ausgebildeten Krankenschwestern und medizinischer Ausstattung. In Rom rief Papst Benedikt XVI. am Sonntag zur Hilfe für Haiti auf. "Ich appelliere an die internationale Staatengemeinschaft, den betroffenen Menschen großzügig beizustehen", forderte Benedikt beim Angelus-Gebet.

jus/dpa

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