Orkantief "Christian" Tote und Verkehrschaos in Deutschland

Orkan mit 190 Stundenkilometern: Mit Spitzengeschwindigkeiten fegt Tief "Christian" über Deutschland hinweg. Mehrere Menschen wurden von Bäumen erschlagen, der Verkehr kam teilweise zum Erliegen. In Hamburg blieben S-Bahnen stehen, am Flughafen kam der Verkehr zum Stillstand.

DPA

Offenbach - Dieser Herbstbeginn peitscht vielen Deutschen nicht nur Äste und Blätter um die Ohren - er richtet schlimme Schäden an: Mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 190 Kilometern pro Stunde ist Orkantief "Christian" über Deutschland hinweggefegt.

Dem Wetterdienst "mminternational" zufolge gab es noch nie vergleichbar hohe Windgeschwindigkeiten bei einem Herbst- oder Wintersturm. Demnach wurde auf Helgoland mit 191 Kilometern in der Stunde ein neuer Allzeitrekord für die Nordsee und für Helgoland aufgestellt. Auch in St. Peter-Ording gab es mit 172 Stundenkilometern einen neuen Rekord. 162 wurde laut Deutschem Wetterdienst auf dem Brocken im Harz erreicht.

Auch am Hamburger Flughafen kam der Verkehr zum Stillstand. "Seit 14.45 Uhr ist die Abfertigung auf dem Vorfeld eingestellt", sagte Stefanie Harder, Sprecherin von Hamburg Airport. Vor diesem Zeitpunkt gelandete oder abgefertigte Flugzeuge stehen seitdem samt Passagieren und Gepäck auf Parkpositionen. Bis zu 1300 Fluggäste mussten in ihren gelandeten Maschinen ausharren. Zeitweise standen bis zu 13 Flugzeuge auf dem Vorfeld.

"Hier herrschen Windgeschwindigkeiten von bis zu 55 Knoten und Böen bis zu 75 Knoten", sagte Harder. Der starke Wind sei bis 17 Uhr vorhergesagt, zu Verzögerungen könne es noch bis in die Abendstunden kommen.

Seit 14.30 Uhr war der komplette Regionalverkehr der Deutschen Bahn in Schleswig-Holstein wetterbedingt eingestellt worden. Starke Beeinträchtigungen gebe es auch in Hamburg, wo die S-Bahn betroffen war, sowie in Niedersachsen, teilte die Deutsche Bahn auf Anfrage mit. Am Flughafen Düsseldorf fielen am Montag mehrere Flüge aus.

Heftig tobte der Sturm im Norden der Republik: Auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog blies er mit bis zu 158, auf der Hallig Hooge südlich von Sylt mit 148 Stundenkilometern.

Für die nordfriesische Küste und das Elbegebiet im Norden gab das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Sturmflutwarnung heraus. An den Küsten kam es zu zahlreichen Ausfällen im Fährverkehr. Bereits am Morgen war Helgoland vom Festland abgeschnitten.

Mindestens fünf Tote

Die Zahl der Todesopfer hat sich in Deutschland seit Sonntag auf mindestens fünf erhöht. Auf einer Landstraße nahe dem niedersächsischen Schortens stürzte ein Baum auf das Auto einer Frau, teilte ein Polizeisprecher mit. Die Fahrerin, die in Richtung Jever unterwegs war, sei an der Unfallstelle gestorben.

Im nordrhein-westfälischen Gelsenkirchen kamen durch den Orkan zwei Menschen ums Leben: Ein großer Baum erschlug einen Autofahrer und seinen minderjährigen Beifahrer, als sie auf der Landstraße unterwegs waren. Identität und Geschlecht des getöteten Mitfahrers waren zunächst unbekannt. Zwei Kinder seien verletzt worden. Zuvor waren bereits ein Segler und ein Angler ums Leben gekommen.

Auch in Amsterdam wurde eine Frau in der Innenstadt von einem umstürzenden Baum getroffen. Zwei Menschen in einem Auto seien zudem schwer verletzt worden, nachdem ein Baum auf sie gefallen war. Die Behörden riefen die Bürger auf, in ihren Wohnungen zu bleiben.

In weiten Teilen der Niederlande war der Verkehr behindert. Am Flughafen Schiphol wurden Dutzende Flüge gestrichen. Eine Fähre aus dem englischen Newcastle mit rund 1000 Passagieren an Bord erreichte den nordniederländischen Hafen in Ijmuiden nicht und wartete noch auf das Ende des Sturms auf offener See ab. Der Zugverkehr rund um die niederländische Hauptstadt wurde wegen umgefallener Bäume zunächst stillgelegt.

Auf einem Teil der Autobahn 71 in Thüringen legte "Christian" den Verkehr lahm. Der Abschnitt zwischen Ilmenau-West und Gräfenroda wurde vorläufig in beiden Fahrtrichtungen gesperrt. Bei starkem Wind mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde hatten sich zuvor mehrere Lastwagen quergestellt. Nach Angaben der Autobahnpolizei warf eine Böe außerdem den Anhänger eines Pkw um. Verletzt wurde niemand, wie ein Sprecher sagte. Die Strecke mit zwei Brücken ist als sehr windanfällig bekannt.

Der Verkehr auf der A2 kam bei Helmstedt komplett zum Erliegen. Ein Baum war auf eine Stromleitung gekracht. Die Polizei sperrte die Autobahn in beide Richtungen.

Tief "Burkhart" und Orkantief "Christian" hatten seit dem Wochenende heftige Regenfälle und starken Wind über Teile Europas gebracht. Die ersten heftigen Herbststürme des Jahres sind über mehrere Länder Europas gezogen und haben mindestens sieben Menschen getötet. Züge fielen aus, Flugzeuge blieben am Boden. In Frankreich und Großbritannien gab es Stromausfälle.

"Das Schlimmste ist jetzt aber durch", sagte ein DWD-Meteorologe. Demnach zieht der Herbststurm jetzt nach Osten ab und sorgt zunächst für leichte Wetterberuhigung. Im Laufe der Woche soll der Wind bundesweit abflauen. Lediglich an der See muss noch mindestens bis zum Mittwoch mit stürmischen Böen gerechnet werden.

ala/abl/dpa



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