Christliche Missionare Haiti klagt US-Bürger wegen Kindesraubes an

Zehn US-Amerikaner wollten Dutzende haitianische Kinder ins Ausland bringen - und beriefen sich auf Gottes Willen. Jetzt sind sie in Port-auf-Prince wegen Entführung und Verschwörung angeklagt. Haitis Regierung will jedoch auf keinen Fall die USA verärgern.

Von , New York


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Kinder in Not: US-Amerikaner wegen Kindesraubs angeklagt
Laura Silsby ist kein unbeschriebenes Blatt in Boise. In der Hauptstadt des US-Bundestaats Idaho ist sie vielen gut bekannt als Gründerin der Internetfirma PersonalShopper.com, einer populären Shopping-Website. 2006 ernannte die Handelsvereinigung eWomenNetwork die 40-Jährige zur "Geschäftsfrau des Jahres".

Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte Silsby nicht plötzlich auch internationale Berühmtheit erlangt - auf deutlich weniger vorteilhafte Weise: Sie ist die Wortführerin jener Gruppe von zehn US-Amerikanern, die seit vergangenen Freitag in Haiti in Haft sitzen unter dem Verdacht, 33 haitianische Kinder außer Landes zu schmuggeln versucht zu haben.

Am Donnerstag klagte die Staatsanwaltschaft in Port-au-Prince die US-Bürger nun formell wegen Kindesentführung und krimineller Verschwörung an. Silsbys missratene Mission, deren Hintergründe bis heute ungeklärt sind, könnte damit zu einem Streitfall zwischen beiden Ländern werden - ein Fall, der auch die Nervosität Haitis offenbart, das seit dem Erdbeben um das Schicksal seiner Kinder fürchtet.

Haitis Premierminister Jean-Max Bellerive nannte die Amerikaner anfangs "Kidnapper", ist seither aber vorsichtiger geworden. "Es ist klar, dass diese Leute gegen das Gesetz verstoßen haben", sagte er am Donnerstagabend in einem CNN-Interview zwar, fügte dann jedoch schnell hinzu: "Ich bin nicht in der Position, das zu entscheiden."

Er hoffe, dass in den USA nun nicht der Eindruck entstehe, sein Land sei "undankbar" für die enormen Hilfsleistungen, die es nach dem Erdbeben erfahren habe, sagte Bellerive, der die Zahl der Todesopfer auf mittlerweile 212.000 bezifferte. Zugleich machte er klar, dass er in das Verfahren gegen die Amerikaner nicht eingreifen wolle: "Die Gerichte in Haiti sind unabhängig. Diese Leute sind nicht in Händen der Regierung. Sie sind in Händen der Justiz. Wir müssen das Recht respektieren."

"In Kontakt mit der haitianischen Justiz"

Auch Washington hält sich bisher betont zurück. Das US-Außenministerium erklärte, es beobachte den Fall intensiv. "Wir stehen in Kontakt mit der haitianischen Justiz", sagte Ministeriumssprecher P.J. Crowley. Im Moment liege die Zuständigkeit für den Fall in dem Karibik-Staat. "Wir respektieren das und werden weiter Gespräche mit der Regierung Haitis führen."

Alejandro Mayorkas, der Direktor der Immigrationsbehörde USCIS und oberste Einwanderungsbeamte der USA, sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Wir arbeiten mit der haitianischen Regierung zusammen, um Waisenkinder in die USA zu evakuieren, für die humanitäre Gründe in Betracht kommen." Die Gruppe um Laura Silsby dagegen - bei der es offenbar nicht nur um Waisenkinder geht - sei zunächst eine reine Angelegenheit der Haitianer. Mayorkas zeigte dafür Verständnis: "Sie wollen verhindern, dass Kinder außer Landes gebracht werden."

Haiti hat alle weiteren Adoptionswünsche aus dem Ausland vorerst auf Eis gelegt. Die US-Schauspielerin Mia Farrow, Botschafterin des Uno-Kinderhilfswerks Unicef und selbst elffache Adoptivmutter, nannte die Ausschleusung von Kindern aus dem Land seit dem Beben "erbärmlich" und das Versprechen eines besseren Lebens in den USA "völlig inakzeptabel und unmoralisch".

Die Geschichte der Silsby-Gruppe wirft zahlreiche Fragen auf. Handelten die Amerikaner in böser Absicht? Oder war es grenzenlose Naivität?

Die Angeklagten bezeichnen sich als Mitglieder der christlichen US- Missionarsgruppe New Life Children's Refuge (NLCR), die voriges Jahr von Laura Silsby und ihrem Kindermädchen Charisa Coulter, 23, gegründet wurde und sich nach eigenen Angaben schon vor dem Beben zum Ziel gesetzt hatte, "verwaiste, verlassene und verarmte haitianische und dominikanische Kinder zu retten, zu lieben und für sie zu sorgen". Die Kinder sollten "Heilung, Hoffnung, Freude und neues Leben in Christus finden".

Nach dem Erdbeben machten sich die zehn Männer und Frauen - die meisten stammen aus zwei Baptistengemeinden in Idaho - nach Haiti auf. Am vorigen Freitag wurden sie verhaftet, als sie 33 Kinder im Alter von zwei Monaten bis zwölf Jahren mit dem Bus über die Grenze in die Dominikanische Republik bringen wollten.

"Keine Absicht, gegen das Gesetz zu verstoßen"

Die Anklageerhebung fand in einem provisorischen Gerichtsgebäude statt, da die meisten Gerichte von Port-au-Prince zerstört sind. Es war der erste Kriminalfall seit dem Erdbeben, bei dem es zu einer Anhörung kam. TV-Bilder zeigten chaotische Szenen, bei denen die Angeklagten von Polizisten, Schaulustigen und Reportern wild herumgeschubst wurden.

Nach einem Bericht der Agentur Reuters, die einen Reporter im Gerichtssaal hatte, räumten die Amerikaner ein, sich über die Tragweite ihres Tuns erst nach ihrer Festnahme bewusst geworden zu sein. "Wir hatten keine Absicht, gegen das Gesetz zu verstoßen, aber wir verstehen nun, dass es eine Straftat ist", sagte Pastor Paul Robert Thompson, ein Mitglied der Gruppe, demzufolge. Silsby wurde mit den Worten zitiert: "Wir wollen den Kindern einfach nur helfen. Wir bitten das Gericht nicht nur um unsere Freiheit, sondern auch darum, dass wir unsere Hilfe fortsetzen können. "

Staatsanwalt Mazar Fortil verzichtete auf den schwersten Straftatbestand des Kinderhandels. Als nächstes geht der Fall nun zu einem Untersuchungsrichter, der drei Monate Zeit hat, zu entscheiden, ob er die Vorwürfe weiter verfolgen will. "Ich hoffe, dass das schneller geht", sagte Premierminister Bellerive. Den US-Bürgern, die bis dahin ohne Kaution hinter Gittern sitzen, drohen unter Umständen Haftstrafen von bis zu 15 Jahren.

Bemerkenswert war auch die Äußerung Edwin Coqs, eines Strafverteidigers, der im Namen der Amerikaner auftrat: Neun der zehn Angeklagten seien "komplett unschuldig", sagte er. "Wenn die Justiz jemanden behalten sollte, könnte es die Anführerin der Gruppe sein." Damit meinte er offensichtlich Silsby.

Die Verdächtigen hatten den Fall schon vor der Anklageerhebung als Missverständnis bezeichnet. "Gott wollte, dass wir hierherkommen und den Kindern helfen", sagte Silsby der "New York Times". "Unsere Herzen waren am rechten Fleck." Sie gab allerdings zu, weder Papiere zu haben, die bewiesen, dass die Kinder Waisen seien, noch eine amtliche Erlaubnis, sie außer Landes zu bringen. Das habe man später offiziell nachholen wollen.

"Ich bin kein Waise"

Einige der Kinder, so stellte sich inzwischen heraus, haben in der Tat Eltern. Das SOS Kinderdorf in Port-au-Prince, wo die Jungen und Mädchen nun vorübergehend untergebracht sind, erklärte, mindestens eines habe behauptet: "Ich bin kein Waise." Die Verwandten hätten offenbar geglaubt, die Kinder würden nur vorübergehend zur Schulausbildung in die Dominikanische Republik gebracht, berichtete die "New York Times". Menschenrechtler und andere Experten hätten Silsby vorab gewarnt.

"Ihre Absichten sind nicht die besten", sagte Richard Pickett, ein Amerikaner, der drei haitianische Kinder auf legalem Wege adoptiert hat, dem TV-Sender CNN. Bevor seine Kinder in die USA gekommen seien, habe Silsby in Haiti nach ihnen gesucht - entgegen seinem "expliziten Wunsch", was ihn "ziemlich beunruhigt" habe.

Premierminister Bellerive zeigte sich offen dafür, die Amerikaner womöglich zu einem Prozess in die USA zu überstellen. Das könne aber nur auf ausdrücklichen Wunsch Washingtons geschehen: "Wir müssen gefragt werden." Derzeit tue "die Justiz ihre Arbeit".

Unterdessen gruben US-Medien immer mehr Unrühmliches über Silsbys Vergangenheit aus. Ihr Heimatblatt "Idaho Statesman" druckte eine ganze Litanei an juristischen Problemen ab: "Silsby bezahlte ihre Schulden nicht, bezahlte ihre Angestellten nicht und missachtete sogar die Gesetze." So habe es allein acht Zivilklagen und 14 Verfahren wegen Lohnverweigerung gegen sie gegeben, außerdem "mindestens neun Anzeigen wegen Verkehrsverstößen" seit 1997. Im Dezember sei dann ihr Haus zwangsversteigert worden.

Auch wenn das alles mit Haiti wenig zu tun habe: "Viele stellen nun Frau und Mission in Frage", merkt die Zeitung an.

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ThomasGB, 02.10.2009
1. Garnicht !
Zitat von sysopWie bei vielen Katastrophen zuvor verlaufen in Erdbebengebieten die Rettungsarbeiten oft nur stockend. Es gibt zu wenig technische Hilfsmittel. Das verringert die Überlebenschancen der Verschütteten. Was kann getan werden, damit zügiger geholfen werden kann?
Es ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
Nonvaio01 02.10.2009
2. Das ist halt Pech
Hallo, es klingt zwar hard aber das ist pech. Wenn man in einem Erdbeben gebiet lebt muss man halt mit Erdbeben rechnen. Die jeweilige Regierung muss halt dafuer sorgen das vorgesorgt ist sogut es halt geht. Japan mach das auch so und trozdem passieren Erdbeben von einer staerke mit der man nicht gerechnet hat, durch gute vorsortge koennen die opferzahlen aber auf das minimum gehalten werden. San Francisco z.b. Da weiss man das es hochgradig Erdbeben gefaehrlich ist und trozdem baut man dort eine Millionen Stadt. Man beschliesst gewisse Baumasnahmen um Gebaeude Erdbebensicher zu bauen, nur verhindern kann man es nicht. Wenn die jeweilige regierung es nicht fuer noetig haelt oder es wegen korruption und pfusch zu mehr zerstoerung kommt als noetig, ist das ein problem der regierung, nun kann man sagen die armen buerger haben keine wahl, dazu sage ich nur das jeder eine wahl hat, wenn mein Haus zusammen bricht wegen pfusch werde ich mir das nicht bieten lassen. Wenn ich mir alles gefallen lasse habe ich es nicht besser verdient...sorry aber das ist meine meinung. Gruss Bernd
reuanmuc, 02.10.2009
3.
Zitat von ThomasGBEs ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
DefTom 02.10.2009
4. Immer dasselbe Spiel...
Jetzt ist dieses Beben gerade mal eine Tag her, und schon fällt der versammelten Weltpresse dort nichts mehr anderes ein, als über Einzelschicksale und sog. Wunder zu berichten. Und der Spiegel spielt mit. Ich könnte kotzen.
wudi 02.10.2009
5.
Zitat von reuanmuc.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
Ich sehe das Problem aehnlich. Aber Druck auf die Regierungen? Wird in vielen Laendern wenig helfen. Nehmen wir nur das Beispiel Burma. Gerade Katastrophengebiete liegen oft in undemokratischen Staaten.
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