"Concordia"-Wrack Schiff ist stabil - Öl kann abgepumpt werden

Der italienische Zivilschutz hat grünes Licht für das Abpumpen des Treibstoffs aus der havarierten "Costa Concordia" gegeben. Doch noch hat die Bergung weiterer Opfer Vorrang. Erneut wurden zwei Leichen im Wrack geborgen. Eine als vermisst gemeldete Ungarin ist offenbar seit drei Jahren tot.

AP

Giglio - Die vorbereitenden Arbeiten zum Abpumpen der rund 2400 Tonnen Treibstoff aus dem havarierten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" sollen ab Dienstag aufgenommen werden. Dies teilte die niederländische Bergungsfirma Smit mit. In den Tanks des Schiffes befindet sich überwiegend Schweröl. Dieses muss zunächst erwärmt werden, bevor man es abpumpen kann.

Die Aktion sei genehmigt worden, sagte Behördenchef Franco Gabrielli am Montag auf der Insel Giglio. Neu war die Gefahreneinschätzung des Zivilschutz-Chefs: Das vor der Küste der Toskana-Insel auf der Seite liegende Schiff sei "stabil", es gebe keine Gefahr, dass es in die Tiefe rutsche, so Gabrielli.

Die Suche nach weiteren Opfern des Unglücks hat allerdings Priorität und soll fortgesetzt werden. Am Montagnachmittag wurden zwei Frauenleichen in der Nähe des Internet-Cafés an Bord der "Costa Concordia" gefunden. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 15. Unterdessen wurde bekannt, dass sich unter den vermissten Passagieren des havarierten Kreuzfahrtschiffs offenbar doch keine Ungarin befindet. Die gesuchte Frau, die von Bord des Schiffes ihre Familie angerufen haben soll und nicht auf der Passagierliste stand, sei schon seit drei Jahren Tod, teilte der italienische Zivilschutz am Montag unter Berufung auf ungarische Behörden mit.

Vor der Insel Giglio wurde bereits der erste Ölteppich gesichtet, wie italienische Zeitungen am Dienstag berichteten. Einwohner hatten den etwa 300 mal 200 Meter großen Film auf dem Wasser entdeckt. Die Behörden bestätigten, dass in den vergangenen Tagen Öl ausgetreten sei. Die regionale Umweltschutzorganisation der Toscana ARPAT sei mit der analyse der Wasserproben beauftragt, teilte der Krisenstab mit.

Das gekenterte Kreuzfahrtschiff war in der Nacht zum Sonntag erneut abgerutscht. Bisher hatte man befürchtet, dass das auf einem Felsenvorsprung liegende Schiff bis auf 70 Meter Tiefe absinken könnte. In dem Wrack des am 13. Januar auf einen Felsen gelaufenen Luxusliners befinden sich rund 2400 Tonnen Treibstoff.

Am zehnten Tag nach der Havarie der "Costa Concordia" hatten Taucher zunächst den Weg zu unzugänglichen Bereichen des auf der Seite im Wasser liegenden Wracks freigesprengt. Die Einsatzkräfte der italienischen Marine öffneten so zwischen dem vierten und fünften Deck einen Zugang zu den Restaurants, wo noch Opfer der Katastrophe vermutet werden. teilte die Küstenwache am Montag auf der Insel Giglio mit. Bislang sind 13 Todesopfer bestätigt, rund 20 Menschen werden noch vermisst. Ursprünglich hatten die Experten am vergangenen Wochenende damit anfangen wollen. Wegen der Suche nach Vermissten auf dem Kreuzfahrtschiff verschoben sie die Arbeiten aber.

Das niederländische Spezialunternehmen Smit empfing am Montag einen Öltanker mit Spezialausrüstung nahe der Havariestelle, der ausgelaufenes Öl mit Absauggeräten und Barrieren auffangen kann. Außerdem erwartet wurde am Montag das mit Spezialinstrumenten ausgestattete ozeanographische Marineschiff "Galatea". Es soll mit einem Echolot den Meeresgrund südlich des Wracks nach Vermissten und Trümmern aus dem havarierten Schiff absuchen.

Es wird vermutet, dass mehrere blinde Passagiere an Bord gewesen sein könnten, darunter illegal Beschäftigte von den Philippinen und aus Indonesien. Zu viele Unbefugte hätten in der kritischen Zeit vor der Kollision Zutritt zur Kommandobrücke gehabt, zitierten italienische Zeitungen am Montag aus den Verhörprotokollen der Offiziere. "Der Kapitän wurde von dem Gerede abgelenkt", soll die Offizierin Silvia Coronika gesagt haben.

Gesucht werde von der Polizei noch ein Laptop, den der unter Hausarrest stehende Kommandant Francesco Schettino von Bord gebracht haben soll. Der Computer sei nicht zu finden, möglicherweise habe Schettino ihn nach der Havarie auf Giglio an eine blonde Frau weitergegeben, berichtete der Mailänder "Corriere della Sera". Offen ist, ob auf dem Computer für die Ermittlungen wichtige Daten sein könnten.

Schettino werden mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen seines Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft. Der Kapitän hatte die Reederei Costa Crociere für sein riskantes und misslungenes Manöver verantwortlich gemacht.

Costa Crociere empört Überlebende mit peinlichem Angebot

Während die Taucher bei eisigen Wassertemperaturen vor der Insel Giglio noch immer das Wrack durchsuchen, ist der Kampf um Kompensationen entbrannt.

Laut dem britischen "Telegraph" haben die Eigentümer der "Costa Concordia" angekündigt, den Überlebenden - die verständlicherweise derzeit wenig Interesse an Kreuzfahrten haben dürften - einen Preisnachlass von 30 Prozent für zukünftige Reisen mit der Gesellschaft zu gewähren. Ein Schlag ins Gesicht für die Hinterbliebenen der mindestens 13 Toten und all jene, die noch um Vermisste bangen. "Eine Beleidigung" nannte dann auch ein britischer Passagier den Vorschlag. Eine seltsame Form der Kundenbindung, "für alle die uns treu bleiben wollen", wie es ein Unternehmenssprecher dem Blatt zufolge formulierte.

Dem "Telegraph" zufolge wollen auch britische Passagiere die US-amerikanische Carnival Group verklagen, der Costa Crociere gehört, außerdem die Costa Crociere selbst. Es ginge um Forderungen bis zu einer Million Pfund, hieß es.

Bereits kurz nach dem Unglück hatten etwa 70 Passagiere erklärt, Sammelklage gegen die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere einreichen zu wollen. Sie forderten mindestens 10.000 Euro Schadenersatz pro Kopf - "für den entstandenen materiellen Schaden, die ausgestandene Angst, die ruinierten Ferien". Der italienische Verbraucherschutzverband Codacons hatte die Klage angestoßen.

Auch ein französischer Überlebender aus Bordeaux hat bereits bekundet, Klage gegen die Reederei einreichen zu wollen. "Was geschehen ist, hätten niemals passieren dürfen", sagte Olivier Carrasco der Zeitung "Sud Ouest".

ala/dpa/AFP/dapd

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DonCarlos 24.01.2012
1. Analyse der Schiffsbewegung
Zitat von sysopDer italienische Zivilschutz hat grünes Licht für das Abpumpen des Treibstoffs aus der havarierten "Costa Concordia" gegeben. Doch noch hat die Bergung weiterer Opfer Vorrang. Erneut wurden zwei Leichen im Wrack geborgen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810925,00.html
Im folgenden Video werden die letzten Bewegung der "Costa Concordia" anhand der AIS-Daten (*) rekonstruiert. gCaptain's John Konrad Narrates the Final Maneuvers of the Costa Concordia [VIDEO] | gCaptain - Maritime & Offshore (http://gcaptain.com/gcaptains-john-konrad-narrates-the-final-maneuvers-of-the-costa-concordia-video/?37941) (*) Automatic Identification System (http://de.wikipedia.org/wiki/Automatic_Identification_System) Hier noch eine grafische Zusammenfassung: Can't get enough of the Costa Concordia story. (http://www.freerepublic.com/focus/f-bloggers/2835234/posts#28)
gerd0210 24.01.2012
2. Abfolge
Zitat von DonCarlosIm folgenden Video werden die letzten Bewegung der "Costa Concordia" anhand der AIS-Daten (*) rekonstruiert. gCaptain's John Konrad Narrates the Final Maneuvers of the Costa Concordia [VIDEO] | gCaptain - Maritime & Offshore (http://gcaptain.com/gcaptains-john-konrad-narrates-the-final-maneuvers-of-the-costa-concordia-video/?37941) (*) Automatic Identification System (http://de.wikipedia.org/wiki/Automatic_Identification_System) Hier noch eine grafische Zusammenfassung: Can't get enough of the Costa Concordia story. (http://www.freerepublic.com/focus/f-bloggers/2835234/posts#28)
Schon einen TAg nach dem Unglück konnte man auf den entsprechenden Internetseiten etwas über den Kurs des Schiffes erfahren. Es fehlten anfangs Daten aus dem Zeitraum 8 Minuten vor und nach dem Unglück. Unglücksort war um 21:45 die Gegend um Le Score. Ab 21:45 war das Schiff führungslos, natürlich nicht führerlos. Der Kapitän konnte Meldungen über den Schadensumfang einholen und abschätzen, ob das Schiff sinken, oder wie lange ein Sinken dauern würde. 20 Minuten nach dem Unglück, also um 22:05 wurde die Reederei über dramatische Veränderungen informiert. Der Evakuierungsbefehl wurde erteilt, als das Schiff das Ufer erreicht hatte.
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