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Corona-Gefahr in griechischen Camps EU-Kommission lehnt Kreuzfahrtschiff als Notunterkunft ab

Ein Reiseveranstalter bot ein Kreuzfahrtschiff als Notunterkunft für Bewohner griechischer Flüchtlingscamps an - auch, um die Ausbreitung des Coronavirus in den Lagern einzudämmen. Die EU-Kommission lehnt ab.
aus DER SPIEGEL 16/2020
Kreuzfahrtschiff "Albatros" (am 8. April in Bremerhaven): vor Kurzem im Mittelmeer unterwegs

Kreuzfahrtschiff "Albatros" (am 8. April in Bremerhaven): vor Kurzem im Mittelmeer unterwegs

Foto: Sina Schuldt/ dpa

Die EU-Kommission hat ein Angebot Bonner Reiseveranstalters Phoenix abgelehnt, eines seiner Kreuzfahrtschiffe als Zufluchtsort für Bewohner der Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln zu verwenden. Die SPD-Europaabgeordnete Katarina Barley hatte der Kommission das Angebot vermittelt, auch um der Ausbreitung des Coronavirus in den Insel-Camps entgegenzuwirken.

Doch Brüssel zeigt kein Interesse. Ferienwohnungen und leer stehende Hotels seien besser geeignet, erklärte eine Sprecherin der Kommission. Dort könnten für das gleiche Geld mehr Menschen untergebracht werden als auf einem Kreuzfahrtschiff.

DER SPIEGEL 16/2020
Foto: cgs

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Allerdings sind mehrere Gemeinden auf den griechischen Inseln dezidiert gegen die Unterbringung von Migranten in Urlaubsunterkünften, wie es aus griechischen Regierungskreisen heißt. Einige hätten sogar selbst Schiffe als Notunterkünfte angeregt.

Phoenix-Grüner Johannes Zurnieden sagte dem SPIEGEL zudem, er habe das Kreuzfahrtschiff "Albatros" zum Selbstkostenpreis angeboten. Bei voller Belegung mit 900 Personen seien das etwa 40.000 bis 60.000 Euro pro Tag inklusive Verpflegung.

Ein Kreuzfahrtschiff sei für die Unterbringungen von Migranten, von denen möglicherweise ein beachtlicher Teil erkrankt ist, zwar keine perfekte Lösung. "Aber besser als Zelte ohne sanitäre Versorgung ist es allemal", sagt Zurnieden. "Zudem ist es auf einem Schiff leichter als in einem Hotel, einzelne Gäste oder Gruppen voneinander zu trennen oder zu kontrollieren, wer kommt und geht." Auch eine medizinische Versorgung sei in gewissem Rahmen möglich.

"Idioten gibt es immer, nach denen sollte man sich nicht richten."

Johannes Zurnieden, Gründer des Reiseveranstalter Phoenix

Phoenix verfügt derzeit über fünf Kreuzfahrtschiffe, darunter die aus der TV-Serie "Das Traumschiff" bekannten "Deutschland" und "Amadea". Als Unterkunft für Lagerbewohner wäre die "Albatros" infrage gekommen, die vor Kurzem auf der Rückreise von Singapur durch das Mittelmeer gefahren ist. Sie liegt inzwischen wieder in Bremerhaven. "Wir könnten sie aber wieder nach Griechenland schicken", sagt Zurnieden.

Sicher, es sei denkbar, dass Bilder von Migranten auf einem Kreuzfahrtschiff mit Swimmingpool von Rechtspopulisten ausgeschlachtet würden. "Aber damit würden wir leben", sagt Zurnieden. "Idioten gibt es immer, nach denen sollte man sich nicht richten."

"Reedereien sind durchaus interessiert"

SPD-Politikerin Barley zeigt in einem Schreiben an die Kommission wenig Verständnis für die Ablehnung von Zurniedens Angebot. Das Schiff wäre eine "konkrete, machbare und schnell umsetzbare Lösung, Quarantäne-Einrichtungen für Infizierte aus den Flüchtlingslagern zu schaffen".

Möglicherweise aber bekommen die Bewohner der Insel-Lager trotzdem noch Plätze auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Grünen-Europaabgeordnete Erik Marquardt redet nach eigenen Angaben mit mehreren deutschen Großreedereien über die Anmietung von Schiffen, womöglich auch zu günstigeren Konditionen als die von Phoenix angebotenen. "Reedereien sind durchaus interessiert, weil ihre Chancen, momentan kommerzielle Kreuzfahrten durchzuführen, gleich null sind", sagt Marquardt. Am besten wäre es allerdings, sowohl Kreuzfahrtschiffe als auch leer stehende Hotels anzumieten. "Dann", sagt Marquardt, "könnten wir auch gleich noch die angeschlagene Hotelindustrie stützen."

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