Dilemma auf deutschen Inseln Touristen - gebraucht und gefürchtet

Wegen der strikten Abschottung blieben viele deutsche Inseln bisher vom Coronavirus verschont, doch die Wirtschaft hat gelitten. Nun dürfen Touristen wieder anreisen - einigen Anwohnern geht das zu schnell.
Strand auf Norderney

Strand auf Norderney

Foto: DER SPIEGEL/ Alexander Preker

Es war Sonntag, 16:08 Uhr, als Pellworms Bürgermeister Norbert Nieszery im Kampf gegen das Coronavirus hinschmiss. In der Abschiedsmail des ehrenamtlichen Verwaltungschefs ging es nicht etwa um hohe Fallzahlen, den Einbruch der Wirtschaft oder überfordertes medizinisches Personal - die nordfriesische Insel hat bisher keinen einzigen Infizierten registriert.

Der Grund für Nieszerys Rücktritt: "Die überstürzte Corona-Politik der Landesregierung, die zu einer chaotischen und nicht mehr beherrschbaren Situation auf den Inseln und Halligen führen wird." Dafür, erklärte der 59-Jährige, "werde ich nicht die Verantwortung übernehmen!"

Nach zwei Monaten der Abschottung dürfen seit Beginn der Woche wieder Touristen nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen einreisen - und auch die Inseln betreten. Das sorgt nicht überall für Begeisterung: Manche Küstenbewohner überfordert das Tempo ihrer Landesregierungen.

So zügig die Regierung das nördlichste Bundesland im März herunterfuhr, so rasch versucht sie jetzt, den Tourismus wieder auf Hochtouren zu bringen. Auch Niedersachsen fährt ein ähnliches Programm. Von null auf hundert, scheint es vielen: von keinem einzigen Besucher bis vorletzte Woche zu Alle-dürfen-kommen seit Montag.

Strandpromenade in Westerland auf Sylt im April: Strikte Zugangsbeschränkungen sorgten für ungewohnt leere Strände

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Carsten Rehder/ dpa

Das Angebot wird rege genutzt: Selbst für die frühen Fähren um 5 Uhr und 6.10 Uhr von Dagebüll am Montagmorgen konnten nach Angaben der Wyker Dampfschiffs-Reederei bereits mehrere Tage im Voraus keine Reservierungen für Fahrzeuge mehr entgegengenommen werden. Vor der Verladestation bildeten sich lange Staus. Schon am Tag des Inkrafttretens der Lockerungen ruderte die Regierung denn auch zurück: Für Himmelfahrt und das Pfingstwochenende ist der Tagestourismus an bestimmten Orten noch ausgesetzt.

Auf Pellworms Nachbarinsel Amrum sorgt man sich ob des bevorstehenden Besucheransturms. Die Landesregierung hatte ein Drei-Stufen-Konzept in Aussicht gestellt, ein geregeltes Hochfahren des Tourismus. "Jetzt fühlt es sich hier eher an wie an einem Wochenende zu Ferienbeginn", sagt Frank Timpe, Amrums Tourismus-Chef.

Natürlich freue man sich, dass der Tourismus wieder anlaufe, immerhin lebe die Insel davon, betont Timpe. Doch nun kommen alle gleichzeitig: Die Stammgäste, die endlich wieder auf ihre Insel dürfen. Die Patienten der Kurklinik, die auf schnelle Genesung hoffen. Und die Tagestouristen, die einfach nur einen Tag im Strandkorb verbringen wollen. Auf der Nordseeinsel fühlt man sich überrumpelt. "Es ist nun so, wie es ist. Wir müssen damit umgehen", sagt Timpe.

"An unseren medizinischen Kapazitäten auf der Insel hat sich nichts verändert"

Claudia Derichs, Inselärztin auf Amrum

Dabei ist die Insel vorbereitet – so gut es eben geht. Seit Wochen sitze man in Videokonferenzen zusammen, habe Plakate und Flyer zum richtigen Verhalten während der Pandemie entworfen und Hygienekonzepte erarbeitet, berichtet die Inselärztin Claudia Derichs. Der für die Insel zuständige Rettungshelikopter wurde mit einem sogenannten Schneewittchensarg ausgestattet, einer Isolationstrage. So können auch Coronapatienten sicher transportiert werden.

"An unseren medizinischen Kapazitäten auf der Insel hat sich aber im Grunde nichts verändert", sagt Derichs. Und die seien nun mal begrenzt. Sie habe noch nicht einmal ein Röntgengerät zur Verfügung, geschweige denn ein einziges Krankenhausbett. Bei schlechtem Wetter, wenn Fähre und Helikopter ausfallen, sei es unmöglich, Patienten schnell in ein Krankenhaus zu bringen. Gerade bei einer Coronainfektion könne das aber mitunter lebenswichtig sein.

Dünen auf Amrum: Ruhe vor dem Ansturm

Dünen auf Amrum: Ruhe vor dem Ansturm

Foto: Michael Narten/ picture alliance / Michael Narten

Auch den Pellwormer Ex-Bürgermeister Nieszery ärgern die in seinen Augen überstürzten Lockerungen. Eine allmähliche Öffnung wäre ganz in seinem Sinne gewesen: Zunächst hätten die Zweitwohnungsbesitzer kommen dürfen, vierzehn Tage später dann wäre die Vermietung der Ferienwohnungen wieder angelaufen, ein oder zwei Wochen darauf hätten die Hotels geöffnet. "Und erst ganz am Schluss, wenn das gut gegangen wäre, hätten wir wieder die Tagestouristen willkommen geheißen."

"Das Scheißvirus ist echt gefährlich. Das unterschätzen viele"

Norbert Nieszery, Ex-Bürgermeister von Pellworm

"Pellworm war bisher coronafrei", sagt Nieszery und lobt seine Mitbürger. "Alle Insulaner, die im März aus dem Urlaub zurückkehrten, haben erst mal zwei Wochen lang niemanden getroffen und sich das Essen liefern lassen." Diese Zurückhaltung hatte der SPD-Mann auch den Ferienhausbesitzern empfohlen, als sie jetzt wieder auf die Insel kamen. Sie könnten gern über die Deiche spazieren, aber bitte erst mal nicht einkaufen gehen, man würde sie versorgen. 

"Das Scheißvirus ist echt gefährlich", sagt Nieszery, "das unterschätzen viele." Die Inselbevölkerung sei stark überaltert: Fast 40 Prozent der 1380 Einwohner seien über 60 Jahre alt, "viele haben Vorerkrankungen". Sauerstoff habe man zwar gebunkert für den Notfall. Genau wie Amrum hat die Insel aber kein Krankenhaus und ist auf Versorgung auf dem Festland angewiesen.

Das Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern geht einen vorsichtigeren Weg. Dort dürfen Touristen, die außerhalb des Landes wohnen, erst ab kommender Woche anreisen - und auch nur, wenn sie eine Übernachtung nachweisen können. Tagestourismus bleibt bis auf Weiteres verboten.

Diese Lockerungen seien für die Wirtschaft der Insel Usedom dringend nötig gewesen, sagt Michael Steuer, Geschäftsführer der Usedom Tourismus GmbH. Weitere Wochen ohne Einnahmen hätten die Insulaner nicht verkraftet. Steuer begrüßt die vorsichtige Herangehensweise der Landesregierung: "Die aktuelle Situation ist fragil, wir müssen sehr verantwortungsvoll damit umgehen."

Fähre nach Norderney: Abstand und Maskenpflicht

Fähre nach Norderney: Abstand und Maskenpflicht

Foto: DER SPIEGEL/ Alexander Preker

Auch auf den ostfriesischen Inseln sieht man Lockerungen mitunter kritisch. "Bisher waren wir unter uns", sagt Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn. Mit gerade mal drei Coronafällen hatte die Insel bisher zu tun, und von denen lebte einer auch noch auf dem Festland. "Jetzt haben wir aus allen Einzugsgebieten Gäste." Für die Existenz Langeoogs sind sie entscheidend: Auf 1800 Einwohner kommen pro Jahr mehr als 240.000 Gäste und 1,3 Millionen Übernachtungen.

Horn muss abwägen zwischen Isolation und Inselleben. Wie Bürgermeister anderer ostfriesischer Inseln vertritt auch die 55-Jährige beim touristischen Neustart die Devise: nichts überstürzen, die Kontrolle behalten - und keinen zweiten Shutdown riskieren. Denn sollte es den geben, sagt die parteilose Horn, bedeute das für den ein oder anderen Betrieb das Aus.

Auf den Fähren nimmt die gemeindeeigene Reederei deshalb derzeit nur 400 statt 800 Gäste mit. Und die Insel richtet ein noch leer stehendes Haus mit sechs Apartments für Quarantänefälle her - dort sollen Touristen im Fall der Fälle für zwei Wochen wohnen und von ihrem eigentlichen Vermieter mit Lebensmitteln versorgt werden.

Auf der nordfriesischen Insel Pellworm wird unterdessen Martin Jansen die Geschäfte führen, der bisherige Stellvertreter des Bürgermeisters. Der CDU-Mann hat sich schon mal eine Vorab-Absolution erteilt. Kein Bürgermeister verantworte die Folgen der Corona-Lockerungen. Andernfalls, ließ er die "Husumer Nachrichten" wissen, "müssten ja jetzt alle Insel-Bürgermeister zurücktreten."

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