Lockdown-müde Franzosen in Madrid »Ein Gefühl, das wir lange vermisst haben«

Shoppen, flanieren, ein Drink in der Bar: Viele junge Franzosen fliehen vor dem Lockdown im eigenen Land nach Madrid. Denn hier sind die Corona-Regeln weniger strikt.
Ein Video von Eckhard Klein
DER SPIEGEL

Schon beim Hingucken könnte man neidisch werden. Menschen, die in einer Bar gemütlich draußen sitzen. Essen und Trinken. Untermalt von Straßenmusikern. Es sind Szenen aus Madrid – und unter den Gästen auffallend viele französische Touristen und Studenten, die vor dem harten Lockdown in ihrer Heimat in die spanische Hauptstadt geflohen sind. Denn hier sind die Corona-Maßnahmen längst nicht so strikt wie in der französischen.

O-Ton Theo Perucci »"Ich war es leid, nichts tun zu können. Das ging fast ein Jahr so. Also sind wir aus einer Laune heraus gegangen. Wir wollten beide (sie ist meine Schwester) irgendwohin. Wir brauchten frische Luft und wir wussten, dass es in Madrid offene Bars und Restaurants gibt.»

O-Ton Adrien Durand Französischer Student »Die Restaurants geöffnet zu sehen, ist wie ein kleiner Schock. Denn in Paris ist es deprimierend, alles ist geschlossen, alle Jalousien sind heruntergelassen. Hier spürt man, dass es mehr menschliche Wärme gibt. Wir können endlich in einem Restaurant essen, auf einer Terrasse, das ist ein Gefühl, das wir schon lange vermisst haben.«

Bis 22 Uhr dürfen sich die Menschen in Madrid im Freien aufhalten. Auch wenn das Tragen von Masken Pflicht ist und die öffentlichen Plätze nur zur Hälfte belegt werden dürfen, hat Madrids konservative Regionalregierung eine der lockersten Ausgangssperren Spaniens verhängt und sich damit über die nationalen Empfehlungen hinweggesetzt, Gaststätten und nicht lebensnotwendige Geschäfte zu schließen.

O-Ton Clara Soudet Französische Studentin »Das ist auch der Grund, warum ich zurückgekommen bin. Hier herrscht Leben. Alles ist offen. Selbst bei einer Ausgangssperre kann man immer noch viele Dinge tun. Also machen wir das Beste daraus: Wir gehen ins Restaurant, wir trinken etwas auf der Terrasse. Selbst wenn es bereits 16 Uhr ist, darf man dort sitzen und sich entspannen. Das war sehr entscheidend mich.«

Es ist ein Paradox der Pandemiezeit. Immerhin noch 650.000 Touristen kamen im Dezember nach Spanien, obwohl auch hier die Zahlen relativ hoch waren. 164.000 Franzosen davon waren Franzosen. Natürlich nur die, die sich das leisten können - und eine eher gelassene Einstellung zum Coronavirus haben.

O-Ton Clemence Berna »Selbst in den Bars und Restaurants fühle ich mich sehr sicher, Maskentragen wird viel mehr respektiert als in Frankreich oder Großbritannien. Es ist also sehr schön.«

Der Partytourismus kann in Madrid aber auch schnell zu einem Problem werden. Die Polizei musste bereits zwei Feiern auflösen, die von Franzosen veranstaltet wurden. Ohne Maske und nötigem Abstand hatten sich Dutzende Personen nachts in Privatwohnungen aufgehalten.

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