Corona-Einschränkungen So viel Bewegung gibt's noch in Deutschland

Manche Deutsche halten die Schutzmaßnahmen gegen Corona für überzogen. Dabei ist die Bewegung von Menschen in anderen Ländern viel stärker eingeschränkt, das belegt der internationale Datenvergleich.
Foto: Christoph Soeder/ dpa

"Unangemessen", "vollkommen übertrieben", "unverhältnismäßig" - die Maßnahmen von Bund und Ländern gegen das Coronavirus werden teils heftig kritisiert. In der Tat greifen die Regelungen weit in die persönlichen Freiheiten der Menschen ein. Und sie sind durchaus diskussionswürdig. Etwa wenn Polizisten meinen, dass das Lesen eines Buches auf einer Bank oder das Picknicken auf einer Wiese gegen die Regeln verstößt.

Wie wenig oder wie viel Menschen sich in verschiedenen Ländern noch bewegen dürfen, zeigen Daten aus ganz verschiedenen Quellen – etwa vom Navigationsanbieter TomTom, von Google oder von Mobilfunknetzbetreibern.

Die SPIEGEL-Analyse zeigt: Die Deutschen sind bei den Ausgangsbeschränkungen trotz allem noch vergleichsweise gut bedient. In Italien, Spanien und Österreich gehen die Restriktionen viel weiter - und mittlerweile auch in Großbritannien und den USA.

In Spanien beispielsweise dürfen Menschen ihr Haus nur noch zum Einkaufen verlassen. Joggen oder Spazierengehen sind verboten. Paris hat gerade die Vorschriften noch einmal verschärft - Sport im Freien ist dort zwischen 10 und 19 Uhr nicht mehr erlaubt.

Zuerst ein Blick auf die Straßen: Wie viele Autos sind in Deutschland derzeit unterwegs im Vergleich zur vierten Kalenderwoche dieses Jahres - also der Zeit vor der Coronakrise hierzulande?

Folgendes Diagramm zeigt die Entwicklung der Verkehrsdichte in den Städten Berlin, Hamburg, Köln und München. Der Verkehr hat um etwa 40 Prozent abgenommen - in München liegt der Rückgang sogar bei mehr als 50 Prozent.

Die Werte aus anderen europäischen Metropolen sehen ganz anders aus: Madrid, Mailand, Bergamo, Paris – hier beträgt das Minus 80 oder 90 Prozent. Kein Wunder: Gelten in diesen Ländern doch viel strengere Ausgangssperren. Selbst in London ist der Rückgang mittlerweile größer als in deutschen Metropolen.

Wie das Social Distancing die Mobilität in Deutschland generell reduziert hat, zeigen Datensätze von Mobilfunkanbietern. Forscher der Humboldt-Universität Berlin  haben die Bewegungsprofile von Telekom- und Telefónica-Kunden anonymisiert ausgewertet.

Als Bewegung wurde dabei gezählt, wenn ein Mobiltelefon eine Funkzelle verlässt und später für mindestens 15 Minuten die neue Position nicht mehr ändert. Wie sich Menschen dabei bewegen, ob zu Fuß, mit der Bahn oder mit dem Auto, spielt keine Rolle.

Die Gesamtzahl der Bewegungen ist über die vergangenen Wochen deutlich zurückgegangen, wie folgendes Diagramm zeigt:

Interessant ist auch der Blick auf regionale Unterschiede. In der 12. Kalenderwoche (16. bis 22. März) waren die Bewegungen deutschlandweit bereits um 15 bis 25 Prozent gesunken. Die stärksten Rückgänge waren in Südbayern zu beobachten.

Zwei Wochen später, in der Woche vom 30. März bis 5. April, betrug das Minus vielerorts 30 bis 40 Prozent. Vor allem Bayern, wo die Ausgangsbeschränkungen noch strenger sind als in den meisten anderen Bundesländern, sticht mit dunkleren Farben hervor.

Einen zumindest groben weltweiten Vergleich über die Mobilitätsänderungen von Menschen ermöglichen Daten von Handybesitzern, die Google vor wenigen Tagen veröffentlicht hat.

Google hat dabei gezählt, wie oft bestimmte Orte von Menschen frequentiert werden, etwa Parks, Bahnhöfe, das eigene Zuhause oder der Arbeitsplatz. Dies ist möglich, weil viele Handybesitzer Google das Tracken ihres Handys erlauben - und anonymisierte Auswertungen.

Google hat dann die Zahl der Besuche an diesen Orten ins Verhältnis gesetzt zu Durchschnittswerten aus der Vergangenheit. Dabei werden auch Unterschiede zwischen Wochentagen berücksichtigt. Auch die Google-Daten dokumentieren die Coronakrise auf eindrückliche Weise.

Folgendes Diagramm zeigt die Präsenz am Arbeitsplatz - gemessen in mehreren europäischen Ländern und den USA. Die rote Linie steht für Deutschland. Hierzulande lag der Rückgang an Wochentagen Ende März bei etwa 35 Prozent. Mit der Maus beziehungsweise mit dem Finger können Sie sich Details der anderen Länder anzeigen lassen, indem sie die Linien berühren.

In Italien, wo nur noch unbedingt benötigte Betriebe arbeiten dürfen, lag das Minus bei 60 Prozent und mehr. Ähnliche Rückgänge gab es in Spanien und Österreich. Auch Großbritannien, das erst mit Verspätung auf die Corona-Infektionen reagiert hat, liegt mittlerweile mit einem Minus von fast 60 Prozent deutlich unterhalb von Deutschland.

Google hat die Besuche von Menschen an Bahnhöfen, in Parks, in Lebensmittelgeschäften und Apotheken ausgewertet. Die prozentualen Rückgänge sind in folgendem Diagramm visualisiert - für Freitag, den 27. März:

Im dünn besiedelten Schweden waren die Auswirkungen der Coronakrise bis Ende März am geringsten. Das Land setzte zunächst auf das Erreichen einer Herdenimmunität. Diesen Weg wollte anfangs auch Großbritannien gehen, hat dann aber nach einem starken Anstieg der Fallzahlen umso härter auf Social Distancing gesetzt.

Ein Hinweis noch zu den Google-Daten: Das Unternehmen hat bislang nur Werte bis zum 29. März 2020 veröffentlicht. Es hat aber angekündigt, dass es die Präsenz von Menschen an verschiedenen Orten auch weiterhin beobachten und Statistiken darüber bereitstellen will.

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