Sind weiße Leben in Europa mehr wert?

Die Corona-Krise zeigt, dass Regierungen zu drastischen Maßnahmen bereit sind, um Menschenleben zu retten. Warum passiert das nicht bei der Seenotrettung? Ein Debattenbeitrag.

Dieser Beitrag wurde am 17.03.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, zu welchen schnellen, drastischen Maßnahmen Regierungen bereit sein können, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen: Die deutsche Bundesregierung sagt Unternehmen unbegrenzt Kredite zu, die durch die Corona-Krise wirtschaftliche Nachteile zu befürchten haben, damit diese den Betrieb einstellen können (Tagesschau ). Schulen, Kitas, Bars und Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Fußballstadien bleiben leer, Beschäftigte werden ins Homeoffice versetzt oder gehen erst einmal gar nicht mehr zur Arbeit. All das zum Schutz von Menschenleben.

Aber halt: Standen nicht schon lange vor Corona Menschenleben auf dem Spiel? Über 19.000 Menschen sind seit 2014 auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken (UNHCR ). Da sind noch nicht all diejenigen mitgezählt, die in der Wüste oder in libyschen Folterlagern starben, bevor sie das Mittelmeer überhaupt erreichten. Die EU und ihre Staaten haben bisher wenig getan, um das zu verhindern, im Gegenteil: Sie unterstützen die libysche Küstenwache sogar finanziell, damit diese Flüchtende wieder zurück nach Libyen bringt. Zurück in die Lager. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden von den Regierungen immer wieder an der Rettung der Flüchtenden gehindert.

In der europäischen Demokratie waren von Anfang an nicht alle gleich

Es ist gut, dass die Regierung die Corona-Krise ernst nimmt und ihr Möglichstes tut, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dadurch besonders gefährdete Menschen zu schützen. Doch wenn man an die anderen Situationen denkt, in denen Deutschland und die EU die Möglichkeit verstreichen ließen, Menschenleben zu retten, muss man sich fragen: Ist nicht jedes Menschenleben für unsere europäische Demokratie gleich viel Wert?

Die Antwort auf diese Frage findet man schon im Ursprung unseres Systems. Unsere Demokratie hat Europa sich von den alten Griechen abgeschaut. Die "Herrschaft des Volkes" sollte ein System sein, bei dem Gleiche unter Gleichen gemeinsam ihre Entscheidungen treffen. Damit waren aber von Anfang an nicht alle gemeint. Frauen, Sklaven, Fremde oder Besitzlose hatten nicht dieselben Rechte und auch keine Möglichkeit zur Mitbestimmung. Für das politische System waren sie nicht als gleichwertige Menschen anerkannt, wie wohlhabende männliche Bürger.

Das europäische "Wir" wurde als fortschrittlich dargestellt, die kolonialen "Anderen" als rückständig

Als Europa Jahrhunderte später begann, einen Großteil der Welt zu kolonisieren, wurde wieder zwischen vorgeblich wertvollen und weniger wertvollen Menschen unterschieden. In der Kunst und in der Literatur wurde dazu das Bild eines westlichen "Wir" und des "orientalischen Anderen" gezeichnet. Der einflussreiche Theoretiker Edward Said hat gezeigt, wie diese ausgedachten Positionen in den europäischen Diskursen so gegenübergestellt wurden, als seien sie Gegenteile: Das europäische "Wir" sei rational und fortschrittlich, die "Anderen" dagegen nicht zu logischem Denken und Selbstbeherrschung in der Lage – und folglich auch nicht dazu, sich selbst zu regieren. 

Dieses Fantasiebild der kolonialen "Anderen" wurde sogar dazu gebraucht, die eigene "Wir"-Identität überhaupt erst aufzubauen. Die "Anderen" wurden als Wilde abgewertet, um sich selber im Vergleich dazu als Krone der Zivilisation aufzuwerten. Das Ganze hatte grausame Folgen: Die europäischen Kolonialmächte nutzten diese Bilder, um die gewaltsame Unterwerfung und Ausbeutung von großen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu rechtfertigen.

Der Philosophin Judith Butler zufolge wiederholt es sich heute, dass das Leben ganzer "anderer" Bevölkerungsgruppen in westlichen Augen nicht wirklich als menschliches Leben zählt. Sie nennt das "Betrauerbarkeit": Um ein Leben als solches anerkennen und wertschätzen zu können, müsse uns sein möglicher Verlust etwas bedeuten. Dazu sei es nicht notwendig, dass wir uns persönlich kennen. Es sei nur wichtig zu verstehen, dass jedes menschliche Leben etwas Grundsätzliches gemeinsam habe: Wir können alle sterben. Um das zu verhindern bräuchten wir alle Nahrung, eine Unterkunft, medizinische Versorgung und Schutz vor Gewalt. Daher seien wir alle zum Überleben auch auf Andere angewiesen. Menschen, die wir zum Teil noch nicht einmal kennen, hätten Einfluss auf unser Leben, könnten zu seinem Schutz beitragen – oder ihm schaden.

Migrantinnen und Migranten werden als Bedrohung gesehen - und nicht als selbst bedroht

Besonders im Krieg, aber auch in der Immigrationspolitik, würden Staaten das Leben von „fremden“ Bevölkerungsgruppen nicht als genauso schützenswert behandeln, wie das der eigenen Staatsangehörigen – vor allem das von weißen Menschen. Die aktuelle Situation an den europäischen Außengrenzen ist ein Beispiel für Butlers Theorie: Migrantinnen und Migranten werden als Bedrohung für das Leben der weißen Europäerinnen und Europäer dargestellt, anstatt anzuerkennen, dass sie selbst enormer Bedrohung ausgesetzt sind. Der Tod eines Geflüchteten zählt, nach Butler, für die europäische Politik weniger, als der Tod eines weißen Europäers.

Das hat nicht bloß mit Angst oder Bosheit zu tun, sondern auch mit konkreten ökonomischen Interessen. So zumindest argumentiert die Soziologin Sara R. Farris. Denn: Eine restriktive Immigrationspolitik führe immer noch dazu, dass weiterhin Migrantinnen und Migranten in die EU kämen. Sie hätten nur weniger oder gar keine Rechte. Und Menschen mit weniger Rechten könne man leichter als billige Arbeitskräfte ausbeuten – oder wieder abschieben, wenn man sie nicht mehr benötigt. 

Alle Menschen sind von anderen abhängig - und haben deshalb eine Verantwortung füreinander

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass europäische Regierungen sehr wohl in der Lage sind, Menschenleben zu schützen. Dass sie bereit sind, dafür ganze Städte und Länder lahmzulegen und sehr viel Geld in die Hand zu nehmen. Wenn sie diese Leben als wertvoll genug erachten.

Nach Judith Butler sind alle Menschen von anderen abhängig – und tragen daher auch alle eine Verantwortung für Andere. Selbst, wenn manche dieser Anderen einem weit weg scheinen. Die Verantwortung Europas geht so auch über den Schutz ihrer weißen Bevölkerung hinaus. Aus dieser Erkenntnis, findet die Philosophin, sollte sich konkrete Sozialpolitik ableiten, die Menschenleben gleichermaßen wertschätzt und schützt. Zum Beispiel die, die vor Krieg und extremer Armut nach Europa fliehen.



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