Internationale Onlineumfrage Junge fühlen sich durch Corona stärker gestresst als Alte

Besonders junge Menschen würden sich kaum Sorgen um die Verbreitung von Covid-19 machen, lautet ein gängiges Vorurteil. Eine weltweite Umfrage kommt zu einem anderen Ergebnis.
Auch junge Menschen sagen von sich, dass sie Hygieneregeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie befolgen

Auch junge Menschen sagen von sich, dass sie Hygieneregeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie befolgen

Foto: FilippoBacci / Getty Images

Die Besucher der Hamburger Bar "Katze" hatten offenbar keine Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus. Als das Gesundheitsamt der Hansestadt versuchte, die Gäste nach positiven Tests der Barkeeper zu kontaktieren, gelang dies bei rund hundert Personen nicht. Sie hatten falsche Kontaktdaten hinterlassen - und sich unter anderem als Darth Vader ausgegeben.

Geschichten wie diese verstärken den Eindruck, dass sich vor allem junge Menschen in der Pandemie sorglos verhalten. Doch eine internationale Onlinebefragung kommt zu einem anderen Ergebnis. Gerade die Jungen sorgen sich demnach wegen der Pandemie - und wären eher bereit als die ältere Generation, einen Teil ihres Einkommens für die Bekämpfung des Virus abzugeben.

Über die vergangenen sechs Monate hinweg sammelten die Autoren der Umfrage "Life with Corona"  ("Leben mit Corona") weltweit Daten. Ihre Erhebung verstehen sie als ein erstes globales Stimmungsbild der Krise. Unter anderem fragten sie die Teilnehmer ihrer Onlinebefragung, mit welchen Maßnahmen sie sich gegen das Virus schützten, wie gestresst sie selbst und ihre Familienmitglieder in der Pandemie seien, oder wie sehr sie die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus unterstützten.

So eine Befragung hat - wissenschaftlich gesehen - ihre Tücken. Zwar erreichten die Wissenschaftler eine große Anzahl von Befragten, insgesamt nahmen 12.000 Menschen aus 130 Ländern an der Umfrage teil. Doch repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind die Teilnehmer nicht: Es antworteten etwa weniger alte als junge Menschen, auch Blinde oder Menschen ohne Smartphone sind ausgeschlossen.

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Wichtiger als der Wohnort sind Alter und Geschlecht

Tilman Brück vom International Security and Development Center (ISDC) glaubt dennoch, allgemeingültige Aussagen anhand der Befragung treffen zu können. "Diese Krise ist nicht nur eine medizinische Pandemie - sondern auch eine soziale", sagt Brück, der die Studie koordinierte. Normalerweise erforscht er die Auswirkungen von Kriegen oder Naturkatastrophen - jetzt wollte er wissen, welche Folgen die Corona-Pandemie hat.

Seine Erkenntnisse: Zum einen war für die Antworten der Studienteilnehmer nicht entscheidend, wo sie lebten - wichtiger waren Faktoren wie Alter oder Geschlecht. Es ergaben sich also eher Unterschiede zwischen den Generationen als zwischen den Bewohnern von Frankreich und Deutschland. "Eine globale Pandemie führt offenbar zu globalen, menschlichen Reaktionen", schließt Brück daraus.

Die zweite Erkenntnis: Die Pandemie werde die Welt noch lange beschäftigen. Viele Menschen hofften, dass sie sich spätestens im nächsten Sommer erledigt haben könnte, so Brück. "Aber als Krisenforscher kann ich sagen: Ein Ereignis dieses Ausmaßes wird uns mit Sicherheit noch viele Jahre beschäftigen."

Internationale Studie: Leben mit Corona

Die Studie "Life with Corona" wurde von einem Team von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt erstellt. Folgende Forschungsinstitute sind unter anderem daran beteiligt:

Die Ergebnisse im Überblick

Insgesamt untersuchten Brück und seine Kollegen sechs Themenfelder. Die Unterschiede zwischen den Generationen stehen bei der Auswertung der Studie im Fokus. Bei Teilnehmern über 45 Jahre unterschieden die Wissenschaftler nicht mehr zwischen unterschiedlichen Altersgruppen. Eine Differenzierung von Antworten der altersbedingten Risikogruppe ist daher nicht möglich. Laut RKI steigt das Risiko eines schweren Verlaufs ab 50 bis 60 Jahren stetig an.

  • Stress: Die Studienteilnehmer wurden gebeten, ihr aktuelles Stresslevel auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten. Die 36- bis 45-Jährigen fühlten sich mit einem Durchschnittswert von 5,76 besonders stark durch das Virus gestresst. Aber auch bei Menschen ab 26 lag das Stresslevel nur knapp darunter. Ab einem Alter von 45 Jahren sank die Sorge wegen des Virus dagegen, im Schnitt gaben die Befragten einen Wert von 5,09 an. Einzig bei einem Thema sorgen sich die Älteren mehr als die Jüngeren: Mit dem Alter steigt die Angst um die eigene Gesundheit.

  • Präventive Maßnahmen: Hände waschen, Maske tragen, Abstand halten - bei den Maßnahmen zur Pandemieeindämmung konnten die Studienautoren nur geringe Unterschiede zwischen den Altersgruppen feststellen. Zwar sind Menschen ab 45 laut der Befragung bei der Prävention am aktivsten, dennoch zeigten die Ergebnisse, dass "junge Menschen ihre Verantwortung sehr ernst nehmen", heißt es in der Studie.

  • Verhalten nach dem Peak: Was passiert, wenn die erste Welle vorbei ist? Um diese Frage zu beantworten, wollten die Wissenschaftler von den Teilnehmern wissen, wie stark sie Maßnahmen gegen das Virus unterstützten. Diese Daten glichen sie mit den Todesfällen innerhalb eines Landes ab, die dem Virus zugeordnet werden konnten. Es zeigte sich: Generell unterstützten die Befragten die Maßnahmen. Allerdings sank dieser Wert, wenn auch die Zahl der neuen Todesfälle sank, also die erste Welle überstanden war. Das setzt sich Brück zufolge auch in einer Zeit fort, in der die Lage wieder ernster wird.

  • Zugang zum Impfstoff: Die meisten Menschen wünschen sich eine gleichmäßige, globale Verteilung eines Impfstoffs. Einzig die USA fallen aus dem Raster: Dort waren mehr Befragte überzeugt, dass zuerst die Bevölkerung ihres Heimatlands geimpft werden sollte - und dann auch der Rest der Welt Zugang zur Impfung bekommen könne.

  • Die Pandemie aufhalten: "Die Jüngeren haben ihre ganze Zukunft zu verlieren", sagt Studienkoordinator Tilman Brück. Daher seien sie zu den größten Einschnitten bereit, wenn es darum geht, das Coronavirus einzudämmen. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen: Teilnehmer unter 25 Jahren gaben an, dass sie 35 Prozent ihres Jahreseinkommens zahlen würden, wenn dadurch die Pandemie komplett aufgehalten werden könnte. Mit dem Alter sinkt diese Bereitschaft. Menschen über 45 wollten nur noch knapp ein Viertel ihres Einkommens abgeben. Allerdings sagen diese Ergebnisse nichts darüber aus, wie sich die Befragten tatsächlich verhielten, müssten sie im echten Leben auf ihr Gehalt verzichten. Daher kann diese Antwort eher als ein Anhaltspunkt dafür verstanden werden, welche Priorität junge Menschen der Lösung der Coronakrise beimessen.

  • Konflikte mit Familienmitgliedern: Familien mit Kindern erleben in der Corona-Pandemie eine deutlich höhere Belastung als kinderlose Paare - das dürfte wegen Schul- und Kitaschließungen wenig überraschen. Befragte, die nur mit einer weiteren Person zusammenlebten, gaben das Konfliktlevel im Schnitt mit 3,4 an. Lebten drei oder mehr Personen im Haushalt, stieg dieser Wert sprunghaft an. Am stressigsten geht es offenbar in Familien mit sechs Personen zu (Konfliktlevel: 4,6). Spannend ist aber: Frauen empfanden die Spannungen insgesamt als stärker. Sie tragen in der Coronakrise offenbar eine besonders große Last.

"Das Coronavirus hat das Leben und den Alltag von Milliarden Menschen weltweit mit einer ungeahnten Kraft und Geschwindigkeit verändert", sagt Tilman Brück. Er möchte die Studie nun weiterführen - und ausbauen. Brück rechnet damit, dass das Virus die Welt noch über Jahre hinweg beschäftigen wird - und besonders arme Regionen hart treffen könnte. Sein Ziel: Tausende weitere Teilnehmer für die Umfrage zu gewinnen (hier  können Sie an der Studie teilnehmen). Brück hofft, so eine noch bessere Einsicht zu erhalten, welche sozialen Folgen eine globale Pandemie unbekannten Ausmaßes hat.

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