Studie britischer Forscher Zahl der Covid-19-Toten in Pflegeheimen stark unterschätzt

Britische Forscher haben Covid-19-Fallzahlen in fünf europäischen Ländern untersucht. Etwa jeder zweite Corona-Tote in diesen Staaten starb in einem Pflegeheim.
Corona-Opfer in französischem Pflegeheim: "Wie Lämmer auf der Schlachtbank"

Corona-Opfer in französischem Pflegeheim: "Wie Lämmer auf der Schlachtbank"

Foto: Alexis Sciard/ imago images/IP3press

Ungefähr jeder zweite Todesfall durch das Coronavirus in fünf europäischen Ländern wird einer Studie zufolge aus einem Pflegeheim gemeldet.

Eine Forschergruppe der London School of Economics hatte für ihre Untersuchung über das Coronavirus und Todesfälle in Pflegeheimen die offiziellen Daten aus fünf Ländern ausgewertet: Italien, Spanien, Irland, Belgien und Frankreich. Das Ergebnis: Zwischen 42 und 57 Prozent aller Todesfälle in diesen Heimen stand in Verbindung mit dem neuartigen Erreger.

Die Wissenschaftler betonten bei Vorstellung der Studie, dass sie nur bedingt aussagekräftig sei: Die einzelnen Länder zählten die Fälle auf verschiedene Weisen; auch unterscheide sich die Definition von "Pflegeheim" in den Staaten. Dies könne die Ergebnisse beeinflusst haben, so die Experten. Dennoch dürfe das Ausmaß der Infektionen und Todesfälle in den Heimen nicht ignoriert werden.

Eindeutig ist die Lage demnach in Irland, da das Land zentral die Daten zu den Covid-19-Erkrankungen erfasst. Von den bis Samstag 6444 registrierten Patienten mit der Lungenerkrankung starben 288. 156 von ihnen - also 54 Prozent - waren Bewohner in Pflegeheimen.

In Spanien kam das Team sogar auf 57 Prozent. Hier basierten die Zahlen jedoch auf Medienberichten zu den von Regionalregierungen veröffentlichten Statistiken. Belgien kam auf den einen Wert von 42 Prozent, Frankreich auf 45 und Italien auf 53 Prozent.

Daten aus Deutschland fanden keinen Eingang in die Studie. Allerdings ist auch hierzulande die Situation in den Pflegeheimen kritisch. In einer Einrichtung in Schleswig-Holstein wurden 53 von 70 Bewohnern positiv auf das Coronavirus getestet. Von den 60 Mitarbeitern des Heims in Rümpel bei Bad Oldesloe waren es 19. Mit weiteren Erkrankungen sei zu rechnen. Die Einrichtung steht seit Donnerstag unter Quarantäne.

Razzien in italienischen Pflegeheimen

In Mailand haben Ermittler mehrere Altenheime durchsucht, die wegen hoher Infektionszahlen aufgefallen waren und sich nun wegen Verdachts auf schuldhafte Ausbreitung der Epidemie und Totschlag verantworten müssen. Bei den Razzien wurden Dokumente und E-Mails beschlagnahmt, darunter Schriftwechsel mit lombardischen Behörden über den Umgang mit Heimbewohnern und Patienten sowie Unterlagen zu Virus-Abstrichen und der Nutzung von Mundschutz.

Die Staatsanwaltschaft in Mailand hatte nach Anzeigen von Angehörigen und Mitarbeitern schon vor einigen Tagen Ermittlungen zu mehreren Heimen aufgenommen. Allein in der Seniorenanlage Pio Albergo Trivulzio soll es mehr als 100 ungeklärte Todesfälle gegeben haben. Die Heimleitung wies die Vorwürfe zurück.

Kritik an britischer Regierung

In Großbritannien bemängeln Kritiker seit Wochen, dass Todesfälle in Heimen kaum in die Statistiken eingehen. Rosalind Altmann, Mitglied des britischen Oberhauses, sagte im BBC-Interview, sie sei ernsthaft besorgt. Bewohner in Pflegeheimen hätten ihr berichtet, dass sie sich "wie Lämmer auf der Schlachtbank" fühlten. Auch Senioren müssten angemessen behandelt werden.

Alte Menschen würden in der Pandemie einfach ihrem Schicksal überlassen, schrieb Altmann in einem Beitrag für die "Daily Mail". Angesichts der Tatsache, dass in der offiziellen Statistik zu Corona-Toten nur im Krankenhaus gestorbene Patienten aufgeführt werden, gebe es "stille und versteckte Todesfälle" in den Altenheimen.

Der Chef des größten britischen Altenheimbetreibers HC-One, David Behan, gab an, in 232 und damit zwei Dritteln der von dem Unternehmen betriebenen Einrichtungen gebe es Fälle von Covid-19. Insgesamt 311 Bewohner und ein Mitarbeiter seien an den Folgen des Coronavirus gestorben.

Die Direktorin der Wohlfahrtsorganisation Age UK, Caroline Abrahams, sowie die Vorsitzenden weiterer Hilfsorganisationen forderten Gesundheitsminister Matt Hancock in einem Brandbrief auf, Altenheime mit mehr Virus-Testkits und Schutzausrüstung zu versorgen.

Der britische Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) ist chronisch unterfinanziert. Es fehlt im Kampf gegen die Pandemie an Klinikpersonal, Betten, Schutzausrüstungen und Tests. Ärzte müssen einer Richtlinie zufolge nach Überlebenschancen entscheiden, wer beispielsweise beatmet wird, falls die Kapazitäten nicht mehr ausreichen sollten.

Mehr als 200 Senioren in Ungarn mit Corona infiziert

In einem Altenheim in Budapest haben sich inzwischen mehr als 200 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Zehn Senioren starben, wie Ungarns oberste Amtsärztin Cecilia Müller bekannt gab. Der Ausbruch in dem Heim im Stadtteil Rakoskeresztur, in dem mehr als 500 zumeist pflegebedürftige Senioren leben, war in der Vorwoche bekannt geworden. Die Einrichtung gilt derzeit als schlimmster Infektionsherd unter Heimen dieser Art.

In Ungarn waren bis zum Dienstag 1512 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Bislang wurden 122 Tote gemeldet.

ala/dpa