Coronakrise Zoo erstellt Notschlachtplan für seine Tiere

Die Besucher bleiben weg, doch die Kosten laufen weiter: Tierparks trifft die Corona-Pandemie hart. Nun wird es für einige finanziell eng. In Neumünster plant man schon für den Ernstfall.
Giraffen im Zoo (Archivfoto)

Giraffen im Zoo (Archivfoto)

Foto: KEN BOHN/ AFP

Vitus wäre als Letzter dran. 3,60 Meter lang, 600 Kilogramm schwer, weißes Zottelfell: Der Eisbär des Tierparks Neumünster steht ganz unten auf einer Liste, die zurzeit unter Tierliebhabern für Aufsehen sorgt. Es ist ein Notfallschlachtplan. Der Plan legt fest, in welcher Reihenfolge die Tiere des Parks getötet würden - sollte wegen der Coronakrise die Versorgung nicht mehr möglich sein.

Zoodirektorin Verena Kaspari bezeichnet diesen Vorgang zwar als den "worst worst case", also als den absoluten Ernstfall. Wenn aber ein Futterlieferant in der Krise nicht mehr liefern könnte oder der Zoo kein Geld mehr habe, um Futter zu kaufen, dann "würde ich Tiere schlachten, um andere Tiere zu füttern", sagte Kaspari in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Zoo Berlin Anfang April: Die Besucher dürfen nicht kommen

Zoo Berlin Anfang April: Die Besucher dürfen nicht kommen

Foto: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shutterstock

Mit ihrer Not ist Zoodirektorin Kaspari nicht allein. Zoos und Tierparks trifft die Coronakrise besonders hart. Die Einnahmen fallen derzeit komplett aus, da keine Besucher mehr kommen dürfen. Spenden und Tierpatenschaften bleiben aus, weil viele Privatpersonen und Unternehmen selbst in der Krise finanzielle Sorgen haben. Gleichzeitig laufen die Kosten für Futter und Pflege der Tiere weiter – und auch die Tierpfleger können kaum in Kurzarbeit geschickt werden.

Das Beispiel Neumünster dürfte ein Extremfall sein. Oder nur besonders ehrlich. Doch wie auch immer - es zeigt, was eine Schließung für Zoos bedeuten kann, die nicht staatlich finanziert werden.

"Wir sind ein Verein", erklärte Direktorin Kaspari. "Wir bekommen keine städtischen Gelder, und alles, was wir bis dato an Landesgeldern beantragt haben, ist noch nicht eingetroffen bei uns. Wir überleben aktuell nur durch Spendengelder", sagte sie der dpa. Auf eine Nachfrage des SPIEGEL antwortete Kaspari nicht.

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Auch Andreas Michael Casdorff, Geschäftsführer des Zoos Hannover, macht eine Rechnung auf, die so einfach wie erschreckend ist: Ein Tag Zoobetrieb koste 63.000 Euro – und momentan liegen die Einnahmen bei 0 Euro. "So richtig gut schläft man nicht, wenn man weiß, was da für Geld hinter steht", sagt Casdorff.

Im Zoo Hannover hatte man sich vor Corona auf den Start der Sommersaison gefreut, traditionell beginnt sie dort am 21. März. Die Gastronomie im Zoo öffnet dann, einige sanierte Gebäude sollten eingeweiht werden. Alles war bereits vorbereitet – doch im letzten Moment musste Casdorff den Saisonstart wegen der Corona-Pandemie absagen und auf unbekannte Zeit verschieben.

Das Frühjahr, traditionell eine starke Einnahmezeit, falle in diesem Jahr quasi komplett weg. Normalerweise strömen jetzt die Besucher in den Park, um die ersten Jungtiere anzuschauen und das freundliche Wetter zu genießen. Das Defizit, dass der Zoo über den Winter angesammelt habe, lasse sich so nicht wie in einem durchschnittlichen Jahr ausgleichen, berichtet Casdorff.

Deswegen etwas an der Versorgung der Tiere zu verändern, kommt für den Geschäftsführer aber nicht in Frage. "Das widerspricht unseren Grundsätzen", sagt Casdorff. Die Tiere würden immer mit gutem Futter versorgt, daran werde nicht gespart.

"Das widerspricht unseren Grundsätzen"

Andreas Michael Casdorff, Geschäftsführer des Zoo Hannover

Die Schließung der Zoos dürfte sogar ein Schutz für die Tiere sein: So erkrankte ein Tiger in einem Park in New York am Coronavirus, nachdem er mit einem infizierten Pfleger Kontakt hatte. Die Symptome - trockener Husten und Appetitlosigkeit - traten anschließend auch bei anderen Tieren in benachbarten Gehegen auf. Sie wurden allerdings nicht auf das Virus getestet, weil dafür eine Narkose nötig gewesen wäre.

Auch im Zoo Frankfurt kann man sich eine Notschlachtung von Tieren wie in Zoo Neumünster nicht vorstellen. "Das ist einfach undenkbar", sagt Christine Kurrle, Sprecherin des Tierparks. Man müsse zurzeit natürlich sparen, die Einnahmen fehlten. Der Tierbestand sei davon aber ausgenommen.

Schlachtungen müssten außerdem immer mit den zuständigen Behörden abgestimmt werden. Nach einer so kurzen Zeit der Krise würde nach ihrer Einschätzung kaum ein Tierarzt der Tötung von Tieren aus Geldmangel zustimmen, so Kurrle.

Dass Tiere in Zoos geschlachtet werden, ist laut Jörg Luy gang und gäbe. Der Tierethiker hält die Art der Tötung dabei für einen wichtigen Aspekt. "Sie muss angst- und schmerzfrei erfolgen", sagt Luy. Dann sei sie zumindest für das betroffene Tier selbst nicht schlimm.

"Das ist gar nicht so spektakulär, wie es sich anhört"

Verena Kaspari, Tierpark Neumünster, zum Notschlachtplan

Denn grundsätzlich produziere die Natur im Überfluss - vor allem in einem geschlossenen System ohne natürliche Feinde. Um die Population gesund und stabil zu halten, müssten deshalb auch im Zoo Tiere getötet werden. "Da jede Form der Tiertötung eine Respektlosigkeit darstellt, tun wir das nie mit einem guten Gefühl", sagt Tierethiker Luy. Ihn überrasche dennoch, dass sich Tierparks schon jetzt Gedanken darüber machen müssten, in welcher Reihenfolge ihre Schützlinge geschlachtet würden.

Immer wieder sorgen Tötungen von Tieren in Zoos für empörte Reaktionen. So etwa im Jahr 2014, als im Kopenhagener Zoo die Giraffe Marius eingeschläfert wurde, um eine Inzestzucht zu verhindern. Wenige Wochen später tötete der Zoo vier Löwen, darunter zwei Jungtiere – um Platz für andere Zuchttiere zu schaffen.

"Das ist gar nicht so spektakulär, wie es sich anhört", rechtfertigt Zoodirektorin Kaspari aus Neumünster ihre Liste. Denn in bestimmten Fällen ein Tier zu töten sei sogar aus tierschutzrechtlichen Gründen vorgeschrieben. "Vorher könnte man natürlich auch versuchen, Tiere an andere Betriebe abzugeben." Das sei aber nicht mit allen Tieren so einfach.

Eisbär Vitus etwa könne sie "nicht einfach in eine Kiste stecken und woandershin transportieren", so Kaspari.

Ohnehin ist die Zooleiterin zuversichtlich, dass es nicht soweit kommen wird. Andere Tierparks hätten versprochen, den Neumünsteranern Fisch und Fleisch zukommen zu lassen, so Kaspari, "wenn hier der allerschlimmste Fall eintreten würde".

Anmerkung der Redaktion: Die Nachrichtenagentur dpa hat den Namen der Zoodirektorin Kaspari korrigiert. Wir haben die Stellen aktualisiert.

mit Material der dpa
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