Wie ein 24-Jähriger mit Mundschutzmasken Millionen Umsatz machte

"Das ist wie Drogenhandel."

Dieser Beitrag wurde am 02.03.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Als Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vergangenen Mittwoch verkündete, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 Deutschland erreicht hat, hatte Timo Klingler den vermutlich erfolgreichsten Geschäftstag seines Lebens. Innerhalb von 24 Stunden habe sein Unternehmen eine sechsstellige Summe eingenommen, sagt er.

Timo ist 24, von seinem Heimatort bei Heidelberg aus betrieb er bisher mit fünf Mitarbeitern einen Onlineshop mit Krimskrams wie Faschingsartikeln und Eiskratzern. Doch inzwischen ist er einer der wenigen, die vom Coronavirus so richtig profitieren.

Denn Timo hat auf die Panik spekuliert.

Die Preise haben sich vervielfacht

Schon im Januar, so erzählt er am Telefon, habe er die Preise von Mundschutzmasken in China steigen sehen. Und entschieden, zu investieren. Eine fünfstellige Summe habe er ausgegeben für Mundschutz und Atemschutzmasken verschiedener Güteklassen. Größtenteils habe er sie für weniger als 60 Cent das Stück gekauft, erzählt Timo mehrmals. In den vergangenen Tagen verkaufte er sie für mehr als 20 Euro.

Denn Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz-Masken sind in vielen Drogeriemärkten ausverkauft. Wer noch etwas bekommen möchte, muss ins Internet. 16 der 20 meistverkauften Artikel in der Amazon-Rubrik "Gewerbe, Industrie und Wissenschaft" waren in der vergangenen Woche zeitweise Mundschutzmasken – die anderen vier Desinfektionsgels und Handschuhe.

Ein nicht irrelevanter Teil dieser aktuell verkauften Atemschutzmasken kommt jetzt aus einer 14.000-Einwohner-Gemeinde bei Heidelberg. Denn Timo kaufte in China viele OP-Masken. Über eine Million, sagt er. Verteilt auf 20 Paletten. Dazu kamen zehntausende richtige Atemschutzmasken verschiedener Schutzklassen. Hier sind die Preise noch höher, ist die Nachfrage noch größer.

Millionen mit Masken

Timo belegt wichtige Zahlen mit Unterlagen, Screenshots und Fotos, die seine Angaben teils kommagenau bestätigen. Er klingt zufrieden, wenn er vom Geschäft mit dem Coronavirus spricht. Er habe "extrem viel Kapital schaffen können", sagt er schließlich. Ziemlich sicher sei er aktuell der erfolgreichste Verkäufer aus Deutschland in diesem Bereich. 

Über eine Stunde lang erzählt er bento, wie schwer es sei, kurzfristig Angestellte zu finden, dass seine Nachbarn sich über die Lieferwagen in der Einfahrt beschweren, dass er sich zuletzt häufig nur noch von Brezeln und Pizza ernähre, weil die Zeit für richtiges Essen fehle, dass er sich über CNN informiere und dass er mit der Aktion Millionär werden könnte. Schon jetzt habe er mit dem Virus einen siebenstelligen Umsatz erreicht. So zeigen es auch die Unterlagen, die er vorlegt.

Die Chancen scheinen gut, dass sein Unternehmen mit der Angst vor dem Coronavirus einen Millionengewinn macht. "Das ist wie Drogenhandel. Ich weiß nicht, wie die Margen im Drogenhandel sind, aber so stell ich es mir vor", sagt Timo.

Ist es verboten, dass er stolz auf seinen Erfolg ist? Timo hat internationale Märkte beobachtet, eine Schlussfolgerung gezogen, hat Geld auf seine Interpretation der Fakten gesetzt – ein Vorgang, der in der Wirtschaft jeden Tag passiert. So sieht er es.

Doch kurz nach dem Gespräch klingelt erneut das Telefon. Man wolle keine Berichterstattung und habe Angst vor Anfeindungen. Und überhaupt: Wen ginge es etwas an, wie viel Geld man mit dem Coronavirus verdiene?

Es sind solche Befürchtungen, die zeigen, wo das Problem liegt, wenn Marktwirtschaft und Moralempfinden aufeinander treffen.

"Erfolgreiches Start-up" 

Doch wer hinter dem Geschäft mit dem vermeintlichen Corona-Schutz steckt, ist ohnehin öffentlich bekannt – seit Jahren betreibt Timo Klingler intensive Selbstvermarktung. Seinen Onlineshop nennt er "TK-Gruppe". Damit man ganz sicher versteht, wer gemeint ist, schreibt er den Namen oft noch einmal dazu. "TK-Gruppe Timo Klingler". Auf der eigenen Internetseite heißt es über ihn: "Die Gabe, Neues zu entwickeln und voranzubringen gehört zu Timo Klingler einfach dazu" und: "ein neugieriger Erfindergeist steht hier am Anfang seiner erfolgreichen Start-ups". Bilder und Videos zeigen bisherige Höhepunkte seiner Karriere. Darüber thronen vier Löwen mit den Leitzielen des Unternehmens: "Leidenschaft, Herzblut, Einzigartigkeit, Willensstärke."

Selbst auf Amazon ist der Name des umtriebigen Unternehmers allgegenwärtig. Auch hier erzählt Timo Klingler seine Geschichte. Bei dutzenden Angeboten steht der Name des 24-Jährigen zusätzlich noch vor der Artikelbeschreibung. Das klingt, als habe er die Artikel nicht einfach aus China importiert, sondern gleich selbst erfunden. "TK Gruppe Timo Klingler Reflektorband" oder "TK Gruppe Timo Klingler Vampirgebiss" heißt es dann.

In den vergangenen Tagen war es jedoch vor allem der Artikel "TK Gruppe Timo Klingler Mundschutz", der für Interesse sorgte. Auch auf Ebay, im Onlineshop der Supermarktkette "real" und auf der eigenen Internetseite kann man die Masken erwerben. Die vorliegenden Zahlen zeigen, dass es zur Zeit überall läuft. Auf Ebay sind sie sogar öffentlich.

Berichte, die nicht zur Wirklichkeit passten

Noch vor wenigen Monaten sah es aus, als müsse er den Versandhandel möglicherweise abwickeln, sagt Timo. Die Zahlen, von denen er im Rückblick spricht, passen nicht ansatzweise zu den Erfolgsgeschichten, die über ihn in der Lokalpresse zu lesen waren: Mal bot er örtlichen Supermärkten einen neuartigen Mülleimergriff an. Ein anderes Mal versuchte er, Pullover für Bodybuilder zu vermarkten. Beides funktionierte, räumt Timo ein, nie wirklich.

Die Corona-Krise ist vermutlich das erste Geschäft, mit dem Timo Klingler wirklich Geld verdient. Er sagt, er habe alles auf eine Karte gesetzt. Bei den Gewinnmargen, um die es derzeit geht, dürfte es jedoch schwer fallen, nicht zu profitieren.

50 vermutlich nutzlose Masken für 150 Euro

Von den über eine Millionen einfachen OP-Masken seien die meisten bereits verkauft. Unternehmen hätten ihm Zehntausende auf einmal abgenommen, sagt Timo. Auch von den teureren Modellen. Für ihre Mitarbeiter oder um sie selbst weiterzuverkaufen. Auch Landräte und Bürgermeister hätten sich bereits gemeldet. Ein börsennotiertes Unternehmen habe ihm eine hohe fünfstellige Summe direkt überwiesen, ohne weitere Absicherungen. Andere hätten einfach auf Amazon bestellt. Allein das Fünfziger-Paket OP-Masken für knapp 150 Euro wurde laut vorliegenden Informationen tausendfach bestellt. Timo klingt ehrlich überrascht, wenn er davon erzählt.

Inzwischen seien die Masken mit dem niedrigen Schutzfaktor FFP1 die einzigen richtigen Atemschutzmasken, die er noch vorrätig habe. Etwa zwanzig Euro verlangte er in den vergangenen Tagen pro Stück. Teilweise mehr. Gekauft hat er auch sie für weniger als 60 Cent. Doch das Geschäft funktioniert noch immer.

Die Spekulation mit Gesundheitsartikeln ist inzwischen so groß, dass es viele Produkte kaum noch auf dem regulären Weg gibt. Das Pharma-Unternehmen, das das Desinfektionsmittel Sterilium anbietet, liefert nur noch an Krankenhäuser und bekannte Kunden. Selbst Großhändler können die Nachfrage nach Masken kaum noch bedienen. Dennoch, erzählt Timo, erwarte er in diesen Tagen noch einmal zehntausende neue Masken.

Betrüger verkaufen verschimmelte Masken

Darf man das? Mit der weltweiten Angst vor einer schweren Lungenkrankheit Geld verdienen? Moralisch gesehen sei es nicht einfach, versichert Timo. Und betont, dass die Behörden sich wochenlang nicht vorbereitet hätten. Dass jetzt die Preise stiegen, liege nicht an ihm. "Das ist das Problem der Marktwirtschaft."

Corona-Virus: Ausverkaufte Produkte Aufgrund der Angst vor dem Covid19 Corona-Virus sind Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel an vielen Orten ausverkauft oder nur zu Wucherpreisen zu bekommen. Auch an einer Apotheke in Hamburg hängt ein entsprechendes Hinweisschild. Hamburg Deutschland *** Corona Virus Sold out products Due to the fear of the Covid19 Corona virus, face masks and disinfectants are sold out in many places or only available at exorbitant prices.
Corona-Virus: Ausverkaufte Produkte Aufgrund der Angst vor dem Covid19 Corona-Virus sind Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel an vielen Orten ausverkauft oder nur zu Wucherpreisen zu bekommen. Auch an einer Apotheke in Hamburg hängt ein entsprechendes Hinweisschild. Hamburg Deutschland *** Corona Virus Sold out products Due to the fear of the Covid19 Corona virus, face masks and disinfectants are sold out in many places or only available at exorbitant prices. Foto: imago images/Jannis Große

Das Geschäft mit der Angst lockt auch Betrüger an. Manche Händler verlangen Bezahlung per Vorkasse, ohne jemals zu liefern. Auf Amazon ploppen inzwischen täglich neue Händler auf, die behaupten, dieselben Produkte ein paar Cent günstiger verkaufen zu können. Kunden beklagen sich über verschimmelte Pakete und unverpackte Masken.

Timo beschreibt sich dagegen als seriösen Anbieter. Alles sei verifiziert, darauf achte er. Auf der Homepage der "TK-Gruppe" heißt es zudem, man spare jährlich 100.000 Tonnen CO2, indem man Rechnungen nur per Mail verschicke. Trotz der absurden Preissprünge hat der 24-Jährige keine Skrupel, sich als verantwortungsbewussten Unternehmer zu sehen. "100 Prozent Kundenzufriedenheit ist unser Ziel" zitiert Timo Klingler sich auf seiner eigenen Homepage selbst.

Tausende Bestellungen – und viele unzufriedene Kunden

Dass er davon aktuell ein großes Stück entfernt scheint, zeigt ein Blick auf die Rezensionen seiner Kunden. Immer wieder beklagen Kunden nicht nur den hohen Preis, sondern auch angebliche Täuschungen oder Produktmängel. Durchschnittlich haben die OP-Masken eine Bewertung von 1,5 Sternen – möglich wären fünf. Ein Käufer schreibt, er habe statt der versprochenen FFP3-Maske nur einen Baustellen-Staubschutz geliefert bekommen. Ein anderer berichtet, dass in seiner Hunderterpackung nur 90 Masken vorhanden waren.

Sind es bewusste Täuschungen? Oder hat Timo Klingler einfach den Überblick über seine Geschäfte mit dem Coronavirus verloren? Solche Fragen würde man dem 24-Jährigen, der mit seinem Unternehmen in den vergangenen Wochen so viel Geld verdient hat, gerne selbst stellen. Doch auf Nachfragen heißt es mittlerweile nur noch, dass man nicht möchte, dass über die TK-Gruppe berichtet werde.

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