Coronavirus auf Lesbos: Wie junge Geflüchtete gegen die Krise kämpfen

Dieser Beitrag wurde am 18.03.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Das neuartige Coronavirus hat Europa fest im Griff. Homeoffice, Ausgangssperren, Grenzschließungen, Hamsterkäufe. Einige Regionen bereiten sich noch auf die Pandemie vor, andere stecken bereits mittendrin.

Wie aber bereitet man sich an einem Ort auf das Virus vor, an dem schon im Normalzustand kaum ein menschenwürdiges Leben möglich ist?

Etwa 20.000 Menschen leben im Camp Moria auf Lesbos. Das Lager für Geflüchtete ist überfüllt, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Immer wieder kommt es zu Bränden, erst am Montag starb dabei mindestens ein Kind.

Spätestens seit es auf Lesbos den ersten bestätigten Corona-Fall gibt, wächst die Sorge darüber, was passiert, wenn das Virus das Lager erreicht. Das Krankenhaus im nahegelegenen Mytilini wäre mit einem Ausbruch komplett überfordert. Wegen in letzter Zeit aufgetretener Angriffe von Rechtsradikalen haben Hilfsorganisationen im Camp ihre Arbeit reduziert (bento). "Gesundheitsversorgung existiert nicht in Moria", sagte Apostolos Veizis von "Ärzte ohne Grenzen" kürzlich dem SPIEGEL.

"Vor allem Informationen verbreiten"

Eine Gruppe junger Geflüchteter will dabei nicht tatenlos zusehen. Mit Unterstützung der Hilfsorganisation "Stand by me Lesvos" haben sie das "Moria Corona Awareness Team" gegründet und versuchen, mit den ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln die Menschen im Lager über das Virus aufzuklären. Mit dabei sind Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster Nationalitäten, die in Moria leben.

Einer von ihnen ist der 19-jährige Masi aus Afghanistan. "Wir wollen vor allem Informationen verbreiten", sagt er im Telefon-Interview mit bento. Darüber, wie Menschen sich im Camp vor dem Coronavirus schützen könnten. Überall im Camp haben sie handgeschriebene Plakate mit Informationen aufgehängt. Hände waschen, Abstand halten, das Virus ernst nehmen. In vier Sprachen: Farsi, Arabisch, Französisch und Englisch.

"Zusätzlich fahren wir durchs Camp und informieren die Menschen über Megafone, die wir besorgen konnten", erzählt Masi.

Pragmatisch, nicht verzweifelt

Das Team wurde binnen weniger Tage zusammengetrommelt, immer mehr Menschen schließen sich der Gruppe an. Dass es viel zu tun gibt, merkt man: Mitten im Interview reicht Masi das Telefon weiter, irgendwo wird er gerade gebraucht.

Fereshte, 17, soll übernehmen. "Am Wichtigsten ist, dass wir den Menschen Hoffnung geben, dass wir sie beruhigen", sagt sie. Ihrer Erfahrung nach funktioniere das im persönlichen Gespräch oder über die Megafone am besten. Die relevanten Informationen hätten sie vorher auf offiziellen Seiten im Internet recherchiert.

Ein großes Problem bei ihrer Arbeit seien im Camp kursierende Gerüchte, die Panik schüren. "Es gab in den letzten Tagen zwei Tote im Camp. Viele erzählten, sie seien an Corona gestorben, aber das stimmt nicht, es waren Herzinfarkte."

Fereshte klingt pragmatisch. "Die griechischen Behörden machen wenig, also müssen wir selbst anpacken", sagt sie.

Geflüchtete regeln den Lidl-Einkauf

Immer mehr Geflüchtete beteiligen sich am Corona Awareness Team. "Inzwischen sind wir mehr als 50 Freiwillige. Wir hoffen, das in den nächsten Tagen mindestens noch verdoppeln zu können", sagt der 30-jährige Apotheker Omid, der ebenfalls mithilft.

Die Aufgaben beschränken sich nicht mehr auf das Verbreiten von Informationen. Mit Hilfe von Hilfsorganisationen hat das Team eine kleine Fabrik aus dem Boden gestampft, in der Geflüchtete Atemschutzmasken nähen.

Auch im knapp fünf Kilometer vom Camp entfernten Lidl ist das Corona Awareness Team mittlerweile im Einsatz. In Absprache mit der Geschäftsleitung habe man einen Dienst organisiert, der den Einlass in den Markt regelt, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig auf engem Raum einkaufen. "Wir rufen die Leute auch dazu auf, in der Schlange vor dem Markt Abstand zu halten", erzählt Omid.

Auch die lokalen Griechinnen und Griechen, die im Lidl einkaufen, fänden diese Maßnahme gut. "Sie sind sehr freundlich und freuen sich darüber, dass wir etwas tun", sagt Omid. Er erzählt, dass sie hoffen, eine ähnliche Aufsicht auch an der Nahrungsausgabestelle im Camp etablieren zu können.

Forderungen nach Evakuierung

Wie hart das Virus Moria treffen würde, ist schwer abzusehen. Zwar leben laut dem Leiter des Camps Dimitris Vafeas nur 178 Menschen in Moria, die über 65 Jahre alt sind und damit aufgrund des Alters zur Risikogruppe gehören. Durch die schlechten hygienischen Bedingungen und die mangelhafte medizinische Versorgung sind aber auch viele jüngere Menschen stark geschwächt.

Deshalb häufen sich angesichts der Coronakrise die internationalen Forderungen, Moria endlich zu evakuieren. "Ärzte ohne Grenzen“ warnt: "Die entsetzlichen Lebensbedingungen in den überfüllten Hotspots auf den Inseln sind ein idealer Nährboden für COVID-19."

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castelluci fordert, dass die Geflüchteten aufs griechische Festland gebracht werden. Ähnlich äußerte sich Grünen-Parteichefin Annalena Baerbock. 

Under dem Motto #LeaveNoOneBehind haben Menschen aus Politik, Kultur und Zivilgesellschaft eine Petition für den Schutz der Geflüchteten  gestartet. Zu den Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichnern gehören unter anderem die Influencerin Louisa Dellert, der Moderator Joko Winterscheidt und der Musiker Henning May. Mehr als 20.000 Menschen haben die Petition bisher unterschrieben. "Das Virus unterscheidet nicht nach Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Corona betrifft uns alle", heißt es da. Wer jetzt nicht handle, mache sich mitschuldig für die Katastrophe, die den Menschen in Not drohe.

Auch Omid wünscht sich Hilfe und Solidarität: "An die europäischen Staaten: Bitte kommt und steht an unserer Seite. Wir tun, was wir können. Aber wir brauchen mehr."

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