Lernen vom chinesischen Corona-Alltag Wie in Badehose am FKK-Strand

Als SPIEGEL-Korrespondent in China hat Georg Fahrion den Corona-Ausbruch erlebt. Beim Heimatbesuch in Berlin wird über seine Gesichtsmaske noch gelächelt.

"Abklärungsstelle Corona-Virus": Schild in Berlin

"Abklärungsstelle Corona-Virus": Schild in Berlin

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

Nachdem ich am Donnerstagabend in Berlin gelandet war, beschlich mich bald ein mulmiges Gefühl, spätestens nach der Begegnung mit dem Taxifahrer, der mir vor dem Flughafen entgegenkam. Sein Blick fixierte mich, der Mund unter dem Walrossbart lächelte, in seinen Augen amüsierter Spott. "Junge, krieg dich ein, du übertreibst maßlos", schien dieser Blick zu sagen. Ich verstand, worauf er sich bezog: auf meine Gesichtsmaske. 

Die Macht der Gewohnheit. Ich lebe in Peking, wo ich als Korrespondent arbeite. In den sieben Wochen, die das Virus China jetzt schon lahmlegt,  habe ich mir angewöhnt, nie ohne Maske das Haus zu verlassen.

In Berlin habe ich die Maske bald abgenommen. Es fühlte sich an, als sei ich am FKK-Strand der einzige in Badehose, irgendwie ungehörig. 

Niemand würde dort jetzt auf die Idee kommen, sich mit nacktem Gesicht an einen Ort zu begeben, wo viele Leute aufeinandertreffen, in den Supermarkt, in die U-Bahn, oder sagen wir, an einen Flughafen. Man würde auch gar nicht reingelassen. Wer die dort allgemein als nötig erachteten Gesundheitsvorkehrungen nicht einhält, wird von seinen Mitbürgern nicht belächelt, sondern gemaßregelt. 

In Berlin habe ich die Maske bald abgenommen. Es fühlte sich an, als sei ich am FKK-Strand der einzige in Badehose, irgendwie ungehörig. Ich bin in ein Land zurückgekehrt, das - so mein Eindruck - mental noch nicht in der neuen Situation angekommen ist. Es ist ja auch schwer, Deutschland hat so eine Erfahrung noch nicht gemacht, es gibt keinen Referenzpunkt. Und sie sind unbequem, all die neuen Regeln und Empfehlungen und Einschränkungen. Wie sehr hatte ich mich nach fast zwei Monaten Epidemie auf eine Woche Urlaub in der Normalität gefreut! Super Timing. 

Unbeschwerte Geselligkeit? Wirkt fahrlässig auf mich

Mit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland scheint es sich in etwa so zu verhalten wie mit dem Klimawandel: Die Daten legen alle miteinander nahe, dass er kommt, aber es fällt schwer, die Bedeutung dieser Erkenntnis zu erfassen und das eigene Verhalten entsprechend zu ändern. Am Samstag bin ich durch einen Berliner Park spaziert. In der Nachmittagssonne saßen viele Menschen auf den Stufen eines ehemaligen Lokschuppens, umarmten und küssten einander zur Begrüßung und teilten sich ein Bier. 

Mir hat das gemischte Gefühle beschert: Ich habe mich über die Szene gefreut, denn in der letzten Zeit habe ich mich nach unbeschwerter Geselligkeit gesehnt. Gleichzeitig wirkte es fahrlässig auf mich. Mir ist bewusst, dass sich das für deutsche Ohren möglicherweise übertrieben anhört. 

Nein, Covid-19 ist nicht Ebola, und wir werden nicht alle sterben, wie manche jetzt spötteln. Deutschland wird aber ein Problem bekommen, falls sehr viele Menschen auf einmal krank werden und das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt. Das lässt sich verhindern. Panik und Hamsterkäufe helfen dabei logischerweise nicht, Vorsicht hilft schon. 

Bei Gegenmaßnahmen stellt sich naturgemäß die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Wer heute in Peking landet, muss seine Körpertemperatur scannen lassen, seine Kontaktdaten hinterlegen und sich für 14 Tage in Quarantäne begeben, egal, woher man kommt und ob man Symptome hat oder nicht. 

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Nach meiner Landung in Berlin-Schönefeld am Donnerstag dagegen konnte ich einfach in die Ankunftshalle durchmarschieren. Darüber war ich so baff, dass ich vergaß, meinen Koffer vom Gepäckband zu holen. Dass inzwischen immer mehr deutsche Städte und Bundesländer große Versammlungen verbieten, Schwimmbäder, Kultureinrichtungen oder Gaststätten bis auf Weiteres schließen, halte ich für eine gute Idee, auch wenn es den Alltag unangenehm stört. 

Sich gegenseitig unterstützen

Auch beim eigenen Verhalten gibt es einen Mittelweg zwischen Paranoia und Nachlässigkeit. In den vergangenen Wochen in China habe ich gelernt: Man kann während einer Epidemie nicht immer hundertprozentig konsequent sein, mir jedenfalls ist es nicht gelungen. Manchmal greift man nach dem Handlauf einer Rolltreppe, auch wenn man gerade kein Desinfektionsmittel dabeihat. Manchmal fasst man sich unbedacht ins Gesicht. Auch ohne menschliche Begegnungen komme ich nicht aus. 

Aber auch wenn man es nicht perfekt hinbekommt, kann man ja darauf achten, sich regelmäßig die Hände zu waschen, Berührungen zu vermeiden, Abstand zu halten. Nicht zuletzt kann man sich gegenseitig unterstützen. 

Das beginnt damit, anzuerkennen, dass alle mitverantwortlich sind. Bei Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit ist es eben so: Wenn alle mitmachen und sie funktionieren, verläuft die Sache glimpflich, und dann sieht es im Nachhinein aus, als sei die ganze Aufregung übertrieben gewesen. Darauf sollten wir es ankommen lassen, finde ich.