Datenanalyse zu Ausgangsbeschränkungen So leer sind Deutschlands Innenstädte

Seit dem Wochenende gelten umfangreiche Ausgangsbeschränkungen. Daten zeigen nun, wie stark das öffentliche Leben in den vergangenen Tagen zurückgefahren wurde.
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DER SPIEGEL

In der Coronakrise stehen viele Staaten zeitversetzt vor ähnlichen Herausforderungen. Viele Länder wählen drastische Maßnahmen, um das rasante Wachstum der Infiziertenzahlen abzubremsen. Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Abstand halten. Bleiben Sie zu Hause, vermeiden Sie alle unnötigen Kontakte, so appellierte nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Ansprache an die Nation.

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat sich die Politik in Deutschland dazu entschieden, keine Ausgangssperren zu verhängen. Stattdessen gelten umfangreiche Beschränkungen und ein Kontaktverbot. Wie effektiv diese Maßnahmen wirken, wird man angesichts der teilweise langen Inkubationszeit allerdings erst mit einiger Verzögerung beurteilen können. Die kurzfristige politische Abwägung, ob weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen, basiert deshalb auch auf den Eindrücken, wie sehr das öffentliche Leben aktuell bereits zurückgefahren wurde.

Klassischerweise wird dabei etwa auf Lagebeschreibungen der Polizei zurückgegriffen, aber auch auf subjektive Eindrücke. Dabei gibt es durchaus Daten, die einen Einblick erlauben, wie sehr Bewegungen im öffentlichen Raum zurückgegangen sind. Auch ohne viel diskutierte Eingriffe in Persönlichkeitsrechte.

Was ist (noch) los in Deutschlands Fußgängerzonen?

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr wird mit Laserscannern vermessen, wie viele Passanten in Einkaufsstraßen unterwegs sind. Was wie Science-Fiction klingt, ist längst Alltag im Einzelhandel. Basierend auf diesen Daten, lässt sich in der aktuellen Lage messen, wie sehr die Passantenfrequenz angesichts der Coronakrise zurückgegangen ist.

Die Verlaufskurven der vergangenen beiden Wochen zeigen keinen plötzlichen Einbruch der Personenzahlen angesichts einzelner Maßnahmen, sondern eher einen kontinuierlichen, aber durchaus erheblichen Rückgang. Aller Kritik an dem föderalen Maßnahmen-Flickenteppich  zum Trotz, verläuft die Entwicklung in den größten deutschen Städten sehr ähnlich. In großen Teilen dürfte die Abnahme der Passantenzahlen auf die Schließung der Geschäfte, die nicht dem täglichen Bedarf dienen, zurückzuführen sein. Drogerien und Supermärkte allerdings sind weiter geöffnet, und als Beispiele wurden hier Orte ausgewählt, die keine reinen Shopping-Meilen sind. Hier findet auch öffentliches Leben statt, hier gibt es Arztpraxen und Büros, kreuzen sich viele Verkehrswege.

Stellt man einen direkten Vergleich zwischen den beiden vergangenen Wochenenden an, so zeigt sich insgesamt ein sehr starker Rückgang der Passantenfrequenz, von 70 bis 90 Prozent. Die Daten bestätigen, was ausgewählte Bilder dieser Tage auch zeigen: die Innenstädte sind weitgehend leer.

Herrscht wirklich weniger Verkehr auf den Straßen?

Der Straßenverkehr in Deutschland lässt sich mittels Daten von Navigationsgeräten detailliert vermessen. Der hier verwendete TomTom Traffic Index zeigt dabei das Stau-Level in ausgewählten Großstädten. Die prozentualen Werte geben an, wie viel länger Fahrten durchschnittlich dauern gegenüber Zeiträumen, in denen der Verkehr frei fließt.

Auch hier zeigen sich über alle Städte hinweg ähnliche Tendenzen. Das Stau-Level insgesamt lag in der vergangenen Woche deutlich unter dem Jahresdurchschnitt für 2019 und die Rushhour morgens und abends scheint nahezu vollständig verschwunden zu sein. Der Wechsel vieler Arbeitnehmer ins Homeoffice hat den Straßenverkehr deutlich entlastet. Zudem zeigt sich auch innerhalb der vergangenen Tage ein klarer Trend: Von Tag zu Tag nimmt der Verkehr ab. Lediglich die Werte für Montag lagen über dem, auch normalerweise, ruhigeren Wochenende. Da es bei Autofahrten gegenüber dem ÖPNV nicht zu engen Kontakten kommt, dürften viele ihre Fahrten eher aufs Auto verlegt haben. Der dennoch starke Rückgang zeigt: Die Menschen bleiben vermehrt zu Hause, sparen sich nicht notwendige Wege.

Fahren jetzt mehr Leute Fahrrad?

In zahlreichen deutschen Städten gibt es ein oder mehrere Messgeräte für die Anzahl vorbeifahrender Radfahrer. Die Daten werden rund um die Uhr erfasst und dienen eigentlich der Messung und Verbesserung der Fahrradinfrastruktur. Wirft man einen Blick auf die Tageswerte der letzten 30 Tage, erkennt man ganz unterschiedliche Auswirkungen der Corona-Maßnahmen. 

In den Studentenstädten Göttingen und Münster sieht man deutlich eine Abnahme der Radfahrer, nachdem am 13. beziehungsweise 16. März bekannt gegeben wurde, dass der Beginn des Sommersemesters nach hinten verschoben wird. Zeitgleich wurden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zudem flächendeckend die Schulen geschlossen

Wer nicht auf Fortbewegung verzichten wollte, ist vor allem in der vergangenen Woche auf das Rad umgestiegen. Mutmaßlich auch, um Fahrten im ÖPNV zu vermeiden. Die Zahlen in Offenbach, Oberhausen, München und Stuttgart zeigen aber auch, dass die strengeren Ausgangsbeschränkungen ihre Wirkung zeigen. Die Zahl der Fahrradfahrer ist am Wochenende stark zurückgegangen, mehr Menschen bleiben mutmaßlich ganz zu Hause. 

Wer fährt noch ÖPNV?

In Baden-Württemberg ging bereits vergangene Woche die Auslastung des Regionalverkehrs bis auf 25 Prozent zurück. Die Bundesländer wurden seitdem aufgerufen, reduzierte Sonderfahrpläne zu erstellen. Einheitliche, bundesweit erfasste Daten zum Passagieraufkommen in einzelnen Städten liegen leider nicht vor. Der Mobilitätsinformationsdienst NahverkehrHamburg.de zeichnet mittels diverser Pressemeldungen folgendes Bild : In der vergangenen Woche sind die Fahrgastzahlen in Berlin um 40 bis 50 Prozent zurückgegangen. In Halle um rund 50 Prozent, in Freiburg um mindestens 60 und in Augsburg um 80 Prozent und mehr. Diese Werte dürften sich in den vergangenen Tagen eher noch erhöht haben.

Die Daten zur Passantenfrequenz stammen von hystreet.com . Mittels an Häuserfassaden angebrachten Laserscannern, ermittelt hystreet kontinuierlich die Anzahl der Menschen, die sich in Deutschlands Einkaufsstraßen bewegen. Personenbezogene Daten werden dabei nicht erhoben (mehr zur Methode hier ). Abgerufen wurden die Zählerdaten der vergangenen zwei Wochen mittels des R-Packages hystReet .

Für das Staulevel wurde der TomTom Traffic Index  verwendet. Die niederländische Firma nutzt hierfür Daten aus Navigationssystemen und Handy-Apps um die real auf einem Straßenabschnitt gefahrene Geschwindigkeit zu ermitteln. Aus der Abweichung zwischen potentiell fahrbarer und real gefahrener Geschwindigkeit ergibt sich das Staulevel.

Die Daten der Fahrradfahrer stammen von Eco-Counter , einem Hersteller für Personen- und Fahrradzähler. Für die Datenerfassung kommen verschiedene Techniken zum Einsatz, unter anderem Induktionsschleifen. Die Tageswerte der vergangenen 14 Tage wurden skriptbasiert von dieser Übersichtsseite  abgerufen.

Fazit

Die aktuell gültigen Maßnahmen haben zu einer klaren Reduktion der Bewegungen im öffentlichen Raum geführt. Die Notwendigkeit der Kontaktvermeidung scheint zu vielen Bürgern durchgedrungen zu sein.

Die in Deutschland getroffenen Maßnahmen sind dabei immer noch weniger restriktiv als die Ausgangssperren in China, Italien oder Spanien. Ob der eingeschlagene Pfad ausreichen wird, um die Ausbreitung des hochansteckenden Coronavirus in Deutschland auszubremsen, wird aber erst die Entwicklung in den kommenden Tagen zeigen.

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