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22. Januar 2012, 11:06 Uhr

"Costa Concordia"

Kapitän macht Reederei für riskantes Manöver verantwortlich

Fuhr die "Costa Concordia" auf Weisung der Reederei zu nah an die Insel Giglio? Das behauptet der Kapitän des Unglücks-Kreuzers. Mit solchen Manövern habe man Werbung gemacht, so Francesco Schettino. Die Bergung am Wrack geht weiter - ein deutsches Todesopfer wurde identifiziert. 

Giglio - Der Kapitän des gekenterten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" hat die Reederei Costa Crociere für sein riskantes Manöver vor der Insel Giglio verantwortlich gemacht. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" vom Sonntag hat Francesco Schettino bei einer Anhörung vor Gericht am Dienstag erzählt, die sogenannte Verbeugung vor Giglio vom 13. Januar "wurde noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt".

Mit Routen, die nahe an der Küste entlang führen, "machen wir Werbung für uns", zitierte der "Corriere della Sera" den unter Hausarrest stehenden Kapitän der "Costa Concordia".

Manöver dieser Art habe es bereits "vor Capri, Sorrento, auf der ganzen Welt" gegeben, habe Schettino vor der Untersuchungsrichterin am vergangenen Dienstag weiter gesagt. Im Anschluss an seine Aussage war er aus der Haft in den Hausarrest entlassen worden.

Dagegen will die Staatsanwaltschaft Grosseto Widerspruch einlegen und hofft auf die Daten und aufgezeichneten Gespräche der in den vergangenen Tagen gefundenen Blackbox in dem vor Giglio leckgeschlagenen Schiff.

Schettino hatte dagegen schon in seiner Aussage vor Gericht erklärt, dass "das Backup der Sprachaufzeichnung seit 15 Tagen kaputt" gewesen sei. "Wir haben einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber das ist nicht passiert", so der Kapitän.

Ob dies nur die Tonaufzeichnung, oder auch die Bilder der Überwachungskameras betrifft ist bisher noch unklar. Taucher hatten am Samstag eine Festplatte mit Daten aus dem Wrack geborgen.

In seiner Aussage rechtfertigte der Kapitän zudem, den Notruf an die Küstenwache mehr als eine Stunde verzögert zu haben: "Aber wir mussten auf Nummer sicher gehen, denn ich wollte weder Passagiere ins Meer schicken noch Panik verbreiten, und es hätte unnötig Tote gegeben."

Bergungsarbeiten laufen wieder an

Die Bergungsmannschaften haben ihre Suche nach Vermissten auf der "Costa Concordia" inzwischen wieder aufgenommen. Wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, stiegen Spezialkräfte nach einigen Stunden Pause am Sonntagvormittag erneut in das Wrack des Kreuzfahrtschiffs vor der Insel Giglio.

Von den acht bisher identifizierten Leichen stammt eine aus Deutschland, sagte ein Carabinieri-Hauptmann bei einer Pressekonferenz am Sonntag auf Giglio. Zwölf Leichen wurden seither geborgen. Von den acht mittlerweile Identifizierten seien sieben Männer und eine Frau. Vier Tote stammten aus Frankreich und je ein Opfer komme aus Deutschland, Italien, Spanien und Ungarn.

Aus Sicherheitsgründen beschränkte sich die Suche am Sonntag zunächst auf die Teile des Schiffs, die aus dem Wasser ragen. Die Taucher müssten der "Concordia" weiter fern bleiben. In der Nacht waren die Arbeiten gestoppt worden, weil sich das auf Grund gelaufene Schiff leicht bewegt hatte.

Bergungsexperten warnen davor, dass das halb versunkene Schiff schon bald in tieferes Wasser abrutschen könnte. In einem solchen Fall würden die Rettungstaucher an Bord in Lebensgefahr geraten. Mindestens 20 Menschen gelten noch als vermisst. Unter ihnen sind nach jüngsten Angaben zwölf Deutsche. Laut den Behörden vor Ort sind die Vermissten "wahrscheinlich" noch an Bord des rund 290 Meter langen Schiffs. Daher werde die Suche fortgesetzt.

jok/dpa

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