"Costa Concordia" Rettungskräfte bergen fünf Leichen aus Wrack

Bergungsexperten haben aus dem Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" fünf weitere Leichen geborgen. Noch werden zahlreiche Menschen vermisst, der Kapitän muss sich wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Dutzende Passagiere wollen jetzt gemeinsam den Reeder verklagen.


Hamburg - Die fünf Toten seien am Dienstag im überfluteten Heckteil des gekenterten Kreuzfahrtschiffs entdeckt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Nachmittag. Damit erhöht sich die Zahl der gefundenen Toten auf elf. Es würden noch 23 Menschen vermisst, hieß es. Über der Zahl der Gesuchten gibt es allerdings weiterhin widersprüchliche Angaben.

Der Gemeindesprecher von Giglio, Cristiano Pellegrini, bestätigte den Fund inzwischen. Ob es sich bei den Toten um Passagiere oder Besatzungsmitglieder handelte, konnte er nicht sagen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, der Krisenstab gehe weiter von zwölf deutschen Vermissten aus. Meldungen, wonach sich unter den "aufgefundenen identifizierten Toten auch ein Deutscher befinden soll" wollte Westerwelle zunächst nicht bestätigen. Er forderte, den Ursachen der Katastrophe nachzugehen und die Verantwortlichen für die Katastrophe "nach Recht und Gesetz" zur Verantwortung zu ziehen.

Tagesschau.de berichtete am Dienstag unter Berufung auf den Radiosender RAI, ein erstes deutsches Todesopfer des Schiffsunglücks sei inzwischen identifiziert worden. Dabei soll es sich um einen Mann handeln, der am Montag als sechstes Opfer geborgen worden sei.

Nachdem in der Nacht zum Dienstag die Sucharbeiten eingestellt worden waren, hatten Taucher am Vormittag vier Löcher in den Rumpf des auf der Seite liegenden Schiffs gesprengt, um besseren Zugang zum Wrack zu haben. Jetzt wurden sie fündig.

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Rettungsarbeiten an "Costa Concordia": Sprengen, tauchen, hoffen
Bei dem schweren Unglück in der Nacht zum Samstag kamen mindestens sechs Menschen ums Leben, noch immer werden offiziell 29 vermisst, darunter 14 Deutsche, sechs Italiener, vier Franzosen, zwei US-Bürger sowie ein Ungar, ein Peruaner und ein Inder.

Sammelklage gegen Reeder

Mit einer Sammelklage wollen rund 70 Passagiere der havarierten "Costa Concordia" gegen die Betreibergesellschaft Costa Crociere vorgehen. "Unser Ziel ist es, jedem Passagier eine Entschädigung von mindestens 10.000 Euro für den entstandenen materiellen Schaden, die ausgestandene Angst, die ruinierten Ferien und die ernsthaften Risiken zukommen zu lassen", erklärte der Chef des italienischen Verbraucherschutzverbands Codacons, Carlo Rienzi, am Dienstag. Der Verband hatte die Klage angestoßen.

Die Klage müsse nun von der Justiz zugelassen werden, dies könne einige Monate dauern, sagte der stellvertretende Codacons-Vorsitzende Marco Ramadori. Angesichts des offenkundigen Schadens sei er zuversichtlich, dass die Klage angenommen werde. Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere könne versuchen, eine außergerichtliche Einigung mit den Passagieren zu erzielen. Angesichts der "langsamen" italienischen Justiz sei eine solche Einigung zu bevorzugen, sagte Ramadori.

Auch ein französischer Überlebender der "Costa Concordia" hat bereits bekundet, Klage gegen die Reederei einreichen zu wollen. "Was geschehen ist, hätten niemals passieren dürfen", sagte Olivier Carrasco der Zeitung "Sud Ouest" aus Bordeaux. "Wir waren völlig auf uns selbst gestellt, es gab keine Organisation." Es habe auf dem Schiff eineinhalb Stunden gedauert, bis Alarm ausgelöst worden sei. "Niemand hat uns gesagt, dass wir in die Rettungsboote steigen sollen. Die Leuchte an meiner Rettungsweste funktionierte nicht." Eine Rettungsübung habe es nie gegeben.

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"Costa Concordia": Unterwasserfotos vom Wrack vor Giglio
In den Vereinigten Staaten gilt Schettino nach seinem offensichtlichen Fehlverhalten als der "Memmen-Kapitän", der Totengräber der "italienischen Titanic", der Mann der alle Eigenschaften auf sich vereint, die ein Schiffskommandant nicht haben sollte.

"Wenn ich mit dem Kapitän reden könnte, würde ich ihm sagen, dass er ein großer Feigling ist", sagte die 27-jährige Überlebende Emily Lau in der Talkrunde von "Good Morning America" des Senders ABC. "Er war verantwortlich für uns alle, aber er hat hunderte Personen einfach im Stich gelassen", pflichtete ihr Ehemann Benji Smith bei. Das Paar war auf Hochzeitsreise auf dem Kreuzfahrtschiff.

"Memmenkapitän" und "Totengräber"

Die Havarie des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" im Mittelmeer könnte sich nach Einschätzung von Analysten und Branchenexperten zum größten Versicherungsschaden in der Seefahrtsgeschichte auswachsen. Die bisherigen Angaben der Versicherer deuteten auf eine Summe zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar hin, schrieb Expertin Joy Ferneyhough von der Bank Espirito Santo in London am Montag in einer Analyse.

Als Hauptverantwortlicher für das Unglück gilt der Kapitän der "Costa Concordia", Francesco Schettino. Er soll eigenmächtig von der offiziellen Route abgewichen sein und nach dem Unglück viel zu spät die Evakuierung des Luxusliners angeordnet haben. Italienischen Medienberichten zufolge begann die Besatzung schließlich eigenmächtig mit der Evakuierung - 15 Minuten, bevor die Anweisung des Kapitäns kam.

Mittschnitte eines Telefonats zwischen Schettino und einem Offizier, der im Hafen der Insel Giglio Dienst hatte, erhärten den Verdacht, dass der Kapitän noch vor Ende der Evakuierung von Bord gegangen war.

Unterdessen wächst die Sorge vor Umweltschäden durch den im Schiff befindlichen Treibstoff. Es werde mindestens drei Wochen dauern, den Treibstoff abzupumpen, erklärte die Firma Royal Boskalis, deren niederländische Tochtergesellschaft Smit Salvage mit dem Abpumpen beauftragt wurde.

ala/AFP/dpa

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