Covid-19-Folgeschäden Jede Treppe ein Marathon

Für Patienten, die eine schwere Corona-Infektion überstanden haben, gibt es keine Standardtherapie. In einer Rehaklinik an der Ostsee beginnt für viele "Überlebende" der Weg zurück in ein normales Leben.
Aus Heiligendamm berichtet Lisa Duhm
Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: "Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?"

Patientin Vera Bretung* in Heiligendamm: "Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?"

Foto: Lisa Duhm/ DER SPIEGEL

Am Rande des Klinikgeländes liegt eine Pforte, die nur ausgewählte Personen passieren dürfen. Sie ist all jenen vorbehalten, die nicht all zu lange laufen können, denen das Atmen schwerfällt, die schlecht Luft bekommen. Die Sonne scheint durch die rauschenden Linden des Klinikparks, der Weg führt vorbei an einem kleinen Teich und manikürten Rasenflächen. Mit einer Chipkarte lässt sich das Tor öffnen, es ist der kürzeste Weg zum Strand. Alle Covid-19-Patienten dürfen diese Pforte nutzen, jeder zusätzliche Schritt ist für viele von ihnen noch immer einer zu viel.

In der Median-Klinik in Heiligendamm treffen seit Wochen immer mehr Menschen ein, die eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben. Viele fühlen sich als "Überlebende".

Die Ärzte in der Reha-Einrichtung sind spezialisiert auf Lungenkrankheiten, man kennt sich hier aus mit schwierigen Fällen. Und doch ist die Situation eine neue. Denn die meisten der Corona-Patienten, die nun hier therapiert werden, standen bis vor wenigen Wochen mitten im Leben. Dann erkrankten sie an Covid-19 und dachten, sie müssten sterben, auf einer Intensivstation, angeschlossen an ein Beatmungsgerät. Nun sitzen sie in der Sonne im Park, nehmen an Therapiesitzungen teil. Und gehen durch die Pforte zum Strand.

Jördis Frommhold - raspelkurzes, schwarzes Haar, direkter Blick - ist zuständig für die Genesung der Corona-Patienten. Die 38-Jährige durchschreitet in Ledermokassins und Arztkittel die Eingangshalle der Klinik, gerade noch hat sie einen Vortrag gehalten, jetzt muss sie zu ihrem nächsten Termin. Die Chefärztin spricht schnell, sie hat es eilig. Am Dienstag nach Ostern nahm Frommhold den ersten Covid-Überlebenden in ihrer Klinik auf. Seitdem steht ihr Handy kaum noch still.

Chefärztin Jördis Frommhold

Chefärztin Jördis Frommhold

Foto: Lisa Duhm/ DER SPIEGEL

Die Nachfragen kommen von allen Seiten: Gesundheitsämter erkundigen sich nach Behandlungsplänen mit dem größten Erfolg. Ärzte wollen wissen, was sie ihren Patienten empfehlen sollten. Erkrankte hoffen auf einen freien Platz in der Klinik.

Frommhold ist ungewollt zu einer Expertin für "Post-Corona-Patienten" geworden, wie sie ihre Klientel nennt. Doch allzu oft kann auch Frommhold keine definitive Antwort auf diese Fragen geben.

Neulich erst habe ihr eine Patientin bei einer Visite von Kribbeln und Taubheitsgefühlen im Bein berichtet. Ob das auch wegen Corona sei? "Ich hatte keine zufriedenstellende Antwort für sie", gibt Frommhold zu. Dann hätten ihr zwei weitere Patienten von eben jenem Symptom erzählt. "Wir beobachten das jetzt."

"Wir wissen bisher noch sehr wenig über das Virus"

Jördis Frommhold, Chefärztin an der Median-Klinik Heiligendamm

Mediziner beginnen erst langsam zu verstehen, welche Schäden eine schwere Corona-Infektion langfristig im Körper anrichtet. Es mehren sich Berichte über ungewöhnliche Nachwirkungen - neurologische Störungen und eine Schädigung des Herzens etwa scheinen in Verbindung mit der Erkrankung zu stehen.

"Wir wissen bisher noch sehr wenig über das Virus", sagt Frommhold. Die Folgen einer schweren Infektion sind noch immer schwer abzusehen. Nur eines scheint klar: Überlebt heißt nicht überstanden. Genesen ist nicht gesund.

Median-Klinik in Heiligendamm

Median-Klinik in Heiligendamm

Foto: MEDIAN

Eine von Frommholds Patientinnen ist Vera Bretung*. Bevor die 54-Jährige an Covid-19 erkrankte, war sie alles andere als eine Risikopatientin. Mehrmals in der Woche trieb sie Sport, hatte keine Vorerkrankungen. Jetzt stellt die Überwindung jeder Treppe für Bretung einen Marathon dar. Ihr Atem rasselt dann, der Brustkorb bebt vor Anstrengung. "Manchmal frage ich mich schon: Warum ich?", sagt sie. Sieben Wochen lang musste Bretung auf der Intensivstation beatmet werden. An einigen Tagen konnten die Ärzte ihrem Mann und den beiden Kindern nicht versprechen, dass sie überleben würde.

Bretung ist von der Infektion schwer gezeichnet: Dort, wo der Beatmungsschlauch in ihre Luftröhre führte, klebt ein Pflaster. Die Wunde muss noch heilen. Vom langen Liegen hat Bretung Druckstellen im Gesicht. Nachts schläft sie schlecht, hat Angst, dass die Albträume von der Intensivstation zurückkommen. Manchmal wird ihr plötzlich schwindelig. Ihre Hände zittern oft so stark, dass sie keinen Stift greifen kann.

Auch das Ehepaar Kandziora, beide 68, ist in der Klinik in Heiligendamm in Behandlung. Die Kandzioras steckten sich auf einer Kreuzfahrt in die Karibik an. Gemeinsam kamen sie ins Krankenhaus, dann wurde Marianne Kandziora auf die Intensivstation verlegt. "Das war die Hölle", sagt Konrad Kandziora. Beide überlebten, doch die Folgen der Erkrankung spürt das Ehepaar auch nach fünf Wochen Reha-Aufenthalt.

Marianne und Konrad Kandziora

Marianne und Konrad Kandziora

Foto: Lisa Duhm/ DER SPIEGEL

In der Rehaklinik riet ihnen eine Therapeutin in der ersten Sitzung, möglichst viel spazieren zu gehen. Die Kandzioras sind ehrgeizig, sie schafften drei Kilometer. "Das dauerte ewig, weil wir uns auf jede Bank setzen mussten, an der wir vorbeikamen, um eine Pause zu machen", sagt Konrad Kandziora. Das Sportprogramm von vorher, so sagen sie, schaffen sie auch jetzt, nach Wochen in der Klinik, nicht wieder.

Auch im Leben von Jens Rückert* ist seit der Corona-Infektion nichts mehr wie es war. Jeder Atemzug ist für den 41-Jährigen noch immer mit Schmerzen verbunden, schon dreimal musste sein Reha-Aufenthalt verlängert werden. Das einst geliebte Ju-Jutsu-Training mit seinem kleinen Sohn? Undenkbar. Rückert hat jetzt einen Antrag auf Schwerbehinderung gestellt.

Doch das ist für ihn nicht das Schlimmste. "Ich habe meinen Vati an Corona verloren", erzählt Rückert. Der Vater steckte sich wohl beim Pflegedienst an, noch immer fällt es dem Sohn schwer, über den Verlust zu sprechen. Während Rückert selbst mit Atemnot im Bett lag, verschlechterte sich der Zustand des 81-Jährigen dramatisch. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts begleitete Rückert in Vollschutz zum Fenster der Intensivstation, so konnte er seinem Vater ein letztes Mal zuwinken.

Atemtherapie im Klinikpark: "Und jetzt alle mal tief durchatmen!"

Atemtherapie im Klinikpark: "Und jetzt alle mal tief durchatmen!"

Foto: Lisa Duhm/ DER SPIEGEL

"Wirklich verabschieden konnte ich mich nicht", sagt Rückert. Die Erlebnisse der vergangenen Wochen haben bei ihm eine Depression ausgelöst, auch deswegen ist er nun in Behandlung.

Bevor Chefärztin Jördis Frommhold an die Rehaklinik nach Heiligendamm kam, leitete sie eine Notfallambulanz. Sie habe sich gefragt, wie das werden solle, sagt sie, und sich ein wenig vor Langeweile gefürchtet. Leben retten unter Zeitdruck da, hustende Reha-Patienten hier. Dann kam Corona. Frommhold lächelt kurz und schüttelt den Kopf, als wundere sie sich selbst über die eigene Naivität.

Auch Michael Pfeifer sieht bei seiner täglichen Arbeit im Hochrisikogebiet, dass dieses Virus anders ist. Pfeifer ist Leiter der Pneumologie am Universitätsklinikum Regensburg, er versorgt mit seinem Team rund 30 Intensivpatienten mit schwerem Corona-Verlauf. "Die Behandelten leiden deutlich länger an Symptomen als bei vergleichbaren Lungenentzündungen", erklärt Pfeifer.

Die Unsicherheit über das richtige Vorgehen sei das Schlimmste. Eine Standardtherapie gibt es nicht. Täglich überprüft Pfeifer, welche neuen Publikationen zu dem Thema erschienen sind. Gerade erst veröffentlichten Kollegen von der Universität Witten-Herdecke eine Studie zu Obduktionsergebnissen von verstorbenen Corona-Patienten - sie hatten festgestellt, dass Covid-19 die Lungenbläschen offenbar anders schädigt als etwa ein Influenzavirus. "Vielleicht stellen wir in einem halben Jahr fest, dass wir anders hätten behandeln müssen oder können", sagt Pfeifer.

"Vielleicht stellen wir in einem halben Jahr fest, dass wir anders hätten behandeln müssen oder können"

Michael Pfeifer, Leiter Pneumologie am Universitätsklinikum Regensburg

In der Klinik in Heiligendamm findet die Atemtherapie an diesem Freitag im Mai draußen statt. Der Alltag der Patienten ist straff organisiert, sieben bis acht Therapieeinheiten absolvieren Rückert, das Ehepaar Kandziora und die anderen Corona-Überlebenden jeden Tag.

Auf einer Wiese hinter dem Klinikgebäude stellt sich die Gruppe in Trainingskleidung auf, es ist so warm, dass sie sich für den Halbschatten entscheiden. Alles fühlt sich ein bisschen nach Urlaub an, der Geruch von Sonnencreme liegt in der Luft.

Der Therapeut ruft der Gruppe Anweisungen zu. Einige von ihnen, so wie Vera Bretung, mussten das Atmen nach Wochen im künstlichen Koma erst wieder lernen. Manche, wie Jens Rückert, haben mit psychischen Folgen zu kämpfen. Für keinen von ihnen gibt es derzeit eine gesicherte Prognose, ob und wann er wieder vollständig gesunden wird. Trotzdem beginnt in Heiligendamm für sie alle der Weg zurück ins Leben. Von vorn ruft der Therapeut: "Und jetzt alle mal tief durchatmen!"

*Name geändert