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PLATTENBAUTEN »Da hilft nur noch Dynamit«

Abriss Ost statt Aufschwung Ost. Die Geschichte eines Stendaler Plattenbaus und seiner Mieter zeigt, warum in den einst begehrten Vierteln fast jede zweite Wohnung leer steht.
aus DER SPIEGEL 41/2000

Als Gerda Braun in den dritten Stock des Neubaus an der Friedrich-Ebert-Straße 27 zog, fühlte sie sich als von der Sonne beschienenes Kind des real existierenden Sozialismus. Vier Zimmer, Küche, Bad, Balkon: »Die Freude war riesig.«

Die Brauns gehörten vor 23 Jahren zu den Erstmietern des Stendaler Plattenbaugebiets »Stadtsee«. Die Siedlung galt als Inbegriff des Fortschritts im sozialistischen Wohnungsbau - Vier-Raum-Wohnungen, 71 Quadratmeter, tausendfach der gleiche Grundriss, Heizung und »Wasser aus der Wand«.

In der Friedrich-Ebert-Straße 27 erlebte Gerda Braun, 50, den rasanten Aufstieg der Stadt durch die Kernkraftwerk-Baustelle Arneburg, wo ihr Mann Hartmut, 52, als Bauarbeiter schaffte. Hier zog sie die Kinder Ines, heute 31, und die Zwillinge Doreen und Andreas, heute 27, groß, hier ließ sie sich von dem Mann scheiden, der schon nach wenigen Jahren Ehe zu viel trank, hier erlebte sie die Wende und das Ende des vergangenen Jahrtausends - nun muss sie raus.

Der Aufschwung Ost blieb aus, jetzt läuft der Abriss Ost. Die Demontage der Platte in der Friedrich-Ebert-Straße ist erst der Anfang. In den ehemals so schicken DDR-Wohnungen will heute kaum mehr einer leben. Dabei sollte, so sah es der ehrgeizige Generalbebauungsplan der Stadt aus den siebziger Jahren vor, am Ende außer der Kirche und dem Rathaus die gesamte Altstadt abgerissen, durch Plattenbauten ersetzt sein. Doch nun steht in Quartieren wie dem Stendaler Stadtteil Süd inzwischen jede zweite Wohnung leer.

Massenhaft fliehen die Ostdeutschen vor der Arbeitslosigkeit in den Westen. Hatte die Stadt zu Wendezeiten rund 50 000 Einwohner, zählt sie heute schon gut 10 000 weniger. Wie viele noch auf gepackten Koffern sitzen, weiß niemand. Die »reale Quote« der Beschäftigungslosen schätzt Stendals sozialdemokratischer Oberbürgermeister Volker Stephan auf über 40 Prozent.

Aber auch Wendegewinner ziehen fort. Sie bauen ein Haus im Grünen oder wohnen nun in der aufwendig sanierten Altstadt. Allein in Stendal sollen von den einst insgesamt 13 000 DDR-Neubauwohnungen langfristig 6000 platt gemacht werden - insgesamt sind es in den neuen Bundesländern etwa eine Million.

»Der Leerstand ist dramatisch, bald sind wir pleite«, sagt Helmut Swillims, 49, Geschäftsführer der Stendaler Wohnungsbaugesellschaft. In seinem Büro hängen bereits Pläne mit bunten Stickern, die jene Hochhäuser markieren, die weg sollen - es sind fast 50. Bis zu hundert Mieter laufen Swillims monatlich weg: »Da hilft irgendwann nur noch Dynamit.«

Die erste Platte fiel schon im April. Das Gebäude, in dem Gerda Braun wohnt, wird das nächste sein. Von ursprünglich 54 Familien, die hier einmal lebten, sind heute noch 16 da. Sobald der letzte Mieter draußen ist, rollt der Bagger.

Die Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 ist nicht irgendein Haus. Hier lebten früher fast ausschließlich privilegierte Mitarbeiter der Kernkraftwerk-Baustelle und des Ausbesserungswerks der DDR-Reichsbahn. Manche hatten, wie Ulrich Krause aus dem fünften Stock, bis zu drei Jahren gewartet, um in das damals so begehrte Heim ziehen zu können: »Wir waren heilfroh, als es endlich klappte«, sagt seine Frau.

Berühmt ist die Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 vor allem wegen der legendären HO-Gaststätte Turek-Club, benannt nach der Stendaler Schriftstellergröße Ludwig Turek, der in seinem Werk »Ein Prolet erzählt« Hunger, Krieg und Armut am Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb. Das Lokal zog sich durchs gesamte Parterre des sechs Eingänge zählenden Gebäudes und war meist schon am frühen Morgen brechend voll mit Bau-, Montage- und Energiearbeitern. »Wenn die Leute um sechs Uhr von der Schicht kamen, haben wir die erst mal dichtgeschossen«, sagt Schankwirt Andreas Müller, 33, der hier seit zwölf Jahren hinterm Tresen steht. »Dichtgeschossen« heißt in Stendal, dass in den angetrunkenen Gast kein einziges Glas mehr reinpasst.

Damals waren die Wände mit Holzpaneelen und braunem Stoff dekoriert, Stahlrohrmöbel dienten als Stühle, und auf dem Boden lag pflegeleichtes Linoleum.

In den Vereinsräumen des Clubs hielten die »Aquarianer« exotische Fische und die »Terrarianer« Lurche, Schlangen und Spinnen. Es gab so genannte Textilzirkel, in denen gestickt und gehäkelt wurde, und einen »Fotozirkel« für Hobbyfotografen. Das Haus organisierte Kulturveranstaltungen mit DDR-Schlagergrößen wie Frank Schöbel und Roland Neudert.

Mit der Wende lösten sich die Gemeinsamkeiten schnell auf. Die Fische wurden aufgeteilt, die Kursangebote gestrichen. »Jeder war damit beschäftigt, seinen Hintern zu retten«, sagt Monika Trapp, 49, ehemals Veranstaltungsorganisatorin im Club, die nun als Notarsgehilfin arbeitet.

Heute ist der Turek-Club eine normale Pinte, in der süddeutsche Heimeligkeit dominiert: rot-weiße Volantgardinen, die Gäste sitzen auf gedrechselten Eichenholzstühlen, an den Wänden hängen Billigdrucke von Heidelandschaften und Bergen. Die Inhaber des »Bierpasses« trinken zehn Gläser, um das elfte nicht bezahlen zu müssen. An die sozialistischen Zeiten erinnern nur noch »Soljanka mit Toast« zu 4 Mark und »Ragout fin« zu 4,90 Mark, früher als »Würzfleisch« heiß begehrt.

Seit der Wende schlagen sich die Bewohner der Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 mehr schlecht als recht durch. Das Haus ist inzwischen heruntergekommen, die Gegensprechanlagen sind herausgerissen, die Flure verlassen. Die gardinenlosen Fenster sehen aus wie dunkle Höhlen.

Im Haus von Ingrid Maahs, 42, wohnten früher zehn Familien, heute sind es noch drei. Jeden Morgen steht die Kaltmamsell eines Catering-Service um halb vier Uhr auf, um fünf ist Dienstbeginn. Bis um acht schmiert sie 60 Baguettebrötchen und noch mal so viele Stullen, dann beginnen die Vorbereitungen für den Mittagstisch - für 1300 Mark netto im Monat. Maahs ist froh, dass sie überhaupt Arbeit hat.

Ihr Mann wurde nach der Wende Staubsaugervertreter und verließ seine Ehefrau kurz darauf für eine andere. Ingrid Maahs, die stets ein bisschen abgekämpft wirkt, konnte ihn sogar verstehen: »Die sah aus wie ein Audi, ich nur wie ein Trabi.«

Zwei Freundinnen gingen gleich in den Westen, eine dritte habe sich umgebracht, weil sie mit der neuen Situation nicht zurechtgekommen sei. Heute ringt Maahs mit Geldmangel, den widerspenstig gewordenen Söhnen und - trotz neuem Lebensgefährten, dem arbeitslosen Eisenflechter Andreas Müller - mit der Einsamkeit. Jetzt muss sie auch noch ausziehen: »Die rosarote Brille habe ich abgelegt.«

Im selben Block, drei Eingänge weiter, lebt Klaus Wulfänger, 53. Der ehemalige Lehrer des Ausbildungswerks der Reichsbahn wurde vor einem Jahr arbeitslos. Wulfänger ist überzeugt, dass das Haus sukzessive »leergezogen« wurde, damit das letzte Häufchen Mieter keinen Widerstand mehr gegen den Abriss leisten kann: »Nach ostdeutschen Gesetzen hätte es so was nicht gegeben.«

Wulfänger, ein korpulenter Mann im schlabbrigen Hausanzug mit der Aufschrift »Ocean sailing«, hat resigniert. An einer Debatte über die Zukunft des Viertels will er sich erst gar nicht beteiligen. Er denkt nur noch darüber nach, wie er an die »Prämie« kommt - 1000 Mark pro Zimmer, die ihm die Wohnungsbaugesellschaft als Umzugszuschuss zahlt, womöglich noch ein bisschen mehr für jene, die sofort ausziehen wollen.

Ein paar tausend Mark, das ist hier, wo fast alle mehr oder weniger ums Überleben kämpfen, viel Geld.

Davon könnte, wenigstens für eine kurze Zeit, auch Cornelia Weide, 36, profitieren. Die gelernte Sekretärin ließ sich zur Finanzkauffrau und zur Immobilienmaklerin umschulen - doch mehr als den Rat, »nach Hamburg« zu gehen, konnte ihr das Stendaler Arbeitsamt nicht bieten.

Im Mai vergangenen Jahres eröffnete sie im Haus einen Spätverkauf, eine Art Kiosk für die Dinge des täglichen Bedarfs, mit Sonderöffnungszeiten bis 21 Uhr. Verkaufsschlager sind der Magdeburger Klare und der Goldbrand, beides so genannte Starkstromgetränke, die 0,7-Liter-Flasche zu 10,95 Mark.

Unter den toten Fenstern der Friedrich-Ebert-Straße sammeln sich die Männer der Umgebung vor Weides Laden. Sie diskutieren die Trostlosigkeit bei Dosenbier und kleinen Schnäpsen. Weide, deren Charme im Viertel weit gerühmt wird, bewegte sich geschäftlich gerade auf die Gewinnzone zu, als die Nachricht vom bevorstehenden Abriss kam: »Das Glück macht einen großen Bogen um mich, das riecht, wenn ich komme.«

9 der 16 Familien, die noch in der Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 leben, sind Deutschrussen. Obwohl sie fast alle gut Deutsch sprechen, leben sie von den Einheimischen meist völlig isoliert.

Swetlana Rudi, 39, aus Kasachstan ist schon sechs Jahre hier. Sie und ihr Mann Viktor, 39, wollen alles tun, um ihren Kindern Sergej, 18, und Wladimir, 16, eine Zukunft bieten zu können. Beide arbeiten täglich bis zur Erschöpfung - er als Kraftfahrer, sie als Verkäuferin in einem Markt außerhalb der Stadt.

Der bevorstehende Umzug bedeutet zusätzlichen Stress. Doch sie wissen, dass ihr Haus keine Zukunft hat - unter und über ihnen sind die Nachbarn bereits ausgezogen.

Auf der anderen Straßenseite, dem todgeweihten Plattenbau genau gegenüber, reckt sich eine Miniaturausgabe der amerikanischen Freiheitsstatue in den verhangenen Stendaler Himmel. Sie ist das Markenzeichen des Schnellrestaurants »American Diner« der Jungunternehmerin Karola Walter, 31. Sie hat die Gesetze der neuen Zeit schnell erkannt und erwartet den Abriss mit Freuden: »Das bringt mir Bauarbeiter und Schaulustige, da klingelt die Kasse.« SUSANNE KOELBL

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