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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Da waren es nur noch sechs

Die misslungene Italien-Reise des afghanischen Nationalteams
aus DER SPIEGEL 18/2004

Zum ersten Mal hörten Mohammad Nader Alemil und all die anderen Spieler das magische Wort nach dem Nachmittagstraining. Sie sitzen müde auf dem sonnenverbrannten Rasen des Olympic-Stadions in Kabul und lockern ihre Oberschenkel.

Ali Asger Akbarzada, ihr Trainer, steht vor ihnen und gibt bekannt, dass sie, die Mitglieder der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft, bald ins Ausland reisen würden. 15 Mann, zu einem Trainingslager und zu ein paar Freundschaftsspielen.

Das Ziel der Reise sei Europa, genauer gesagt Italien, der Norden des Landes, in der Nähe eines Sees, der Garda heißt. Sie würden gegen eine Regionalauswahl spielen, dann werde ihr Gegner Hellas Verona sein, ein italienischer Zweitligist.

Mohammad Nader Alemils Müdigkeit verschwindet, als er das Wort »Europa« hört. In Europa gibt es gutes Essen, vernünftige Betten, die Straßen sind sauber, und sie sind sicher, sogar bei Nacht. In Europa gibt es vieles, was es in Kabul nicht gibt, vielleicht sogar eine Zukunft für einen alternden afghanischen Fußball-Nationalspieler.

Nader Alemil, 43, ist überzeugt, dass er etwas Besseres verdient als 50 Dollar Sozialhilfe im Monat vom Weltfußballverband Fifa und einen schlecht bezahlten Halbtagsjob bei der Militärverwaltung. Er ist der beste Torhüter Afghanistans, auch wenn internationale Kritiker seine Nationalmannschaft als »Stadtauswahl Kabuls« schmähen, weil fast alle Spieler in Kabul wohnen.

Sobald sie in Italien wären, sobald sich eine günstige Gelegenheit böte, so plant er es, würde er fliehen und ein neues Leben beginnen. Acht weitere Spieler haben dieselbe Hoffnung und denselben vagen Plan.

In der Woche vor Ostern erreichen sie Italien, ihr Hotel liegt am Gardasee, der Blick ist berauschend, das Frühstück ein Festmahl. Der Bus, der sie zum Training fährt, ist pünktlich und neu. Alles ist anders als während ihrer letzten Auslandsreise. Sie führte die Spieler nach Aschgabad, in die Hauptstadt Turkmenistans. 30 Stunden verbrachten sie in einem Bus, der kaum mehr war als ein fahrender Schrotthaufen, im Hotel mussten sie auf dem Fußboden schlafen, weil keine Zimmer reserviert worden waren, das Spiel am nächsten Tag verloren sie 0:11.

Nader Alemil sitzt im Hotel am Gardasee und weiß: Er will nicht zurück in diese Ecke der Welt.

Gleich nach der Ankunft absolviert Nader Alemil mit seiner Mannschaft ein Spiel gegen eine Regionalauswahl von Florenz, sie verlieren 1:3, ganz passabel. Aber Nader Alemil interessiert nur noch, wie er an seinen Pass kommt.

Ali Asger Akbarzada, ihr Trainer, hat die Pässe nach der Einreise eingesammelt. Angeblich, um sie sicher zu verwahren. In Wahrheit fürchtet Akbarzada, dass Mitglieder seiner Mannschaft türmen werden. Es wäre nicht das erste Mal. Akbarzada erinnert sich gut an das Jahr 1980, als die Mehrheit der Nationalspieler spurlos verschwand und in Paderborn wieder auftauchte, wo viele von ihnen auch heute noch leben.

Deutschland ist auch das Ziel von Nader Alemil, und weil er keine Möglichkeit findet, an seinen Pass zu kommen, versucht er es eben ohne. Als Akbarzada, der Trainer, am Ostersonntag den Frühstücksraum im Hotel am Gardasee betritt, muss er feststellen, dass Nader Alemil und acht weitere Spieler fehlen. Vielleicht bedeutet das nichts, sagt sich Akbarzada, vielleicht haben die Jungs nur nicht wieder ins Hotel gefunden nach einer anstrengenden Nacht in einer Disco.

Akbarzada befragt den kümmerlichen Rest seines Kaders, er sieht in sechs ahnungslose Gesichter.

Der Sonntag vergeht, die neun bleiben verschwunden. Akbarzada beginnt zu telefonieren.

Er braucht dringend neue Fußballer für das Spiel am Dienstag gegen Hellas Verona, der Erlös ist für Krankenhäuser in Afghanistan bestimmt, die Tickets sind verkauft.

Akbarzada findet neue Spieler in Hamburg, sie setzen sich ins Auto, erreichen das Stadion vor dem Anpfiff, verlieren 0:5 gegen Hellas Verona und fahren wieder zurück. In der Nähe von München stoppt eine Polizeistreife den Wagen voller Ausländer, die Beamten überprüfen die Personalien und stellen fest, drei der fünf Afghanen sind Asylbewerber, die Hamburg nicht hätten verlassen dürfen.

Akbarzada erfährt davon, aber er kann es nicht ändern. Während er mit den übrig gebliebenen Spielern auf dem Rückweg nach Kabul ist, werden sechs der neun Geflohenen gefasst.

Einer von ihnen ist Mohammad Nader Alemil. Polizisten nehmen ihn in einem Eurocity in der Nähe von Kiefersfelden fest, weil er sich nicht ausweisen kann. Er wird nach Italien abgeschoben werden wie seine drei Mitspieler, die mit ihm im Zug saßen, und von dort ebenfalls zurück nach Kabul fliegen. Ein fünfter Spieler wird an der italienisch-schweizerischen Grenze festgenommen, und ein weiterer soll es bis in den Iran geschafft haben und dort in einer Zelle sitzen.

Drei Spieler sind immer noch verschwunden.

Für ihre Vereine und für die afghanische Nationalmannschaft wird keiner der Geflohenen jemals wieder spielen. Der afghanische Fußballverband belegte sie mit lebenslangen Sperren, die Nationalmannschaft lösten die Bosse des Verbandes gleich mit auf.

Eine neue Mannschaft soll im Sommer berufen werden. UWE BUSE

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