Zur Ausgabe
Artikel 86 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Dada, Voodoo, nackte Nonnen

Wie Würzburger Tierschützer einen Theater-Mord verhindern
Von Ralf Hoppe
aus DER SPIEGEL 47/2002

Theater kriegen Subventionen, deshalb ist dort alles schöner als im richtigen Leben. Die Liebe strahlender, der Schurke abgründiger, das Blut Tomatensaft: Im Theater wird das Böse zur Kulisse für Kunst, Schönheit, Wahrheit. Nur in Würzburg nicht.

In Würzburg soll echtes Blut fließen, das Blut zweier Hühner, auf einer schwarzen Bühne tief unter der Stadt. Das Stück ist postdadaistisch, dazu dieser Voodoo, kein Wunder, dass Hass aufbricht in Würzburg.

Die »Werkstattbühne« liegt zwei Treppen unter der Rüdigerstraße. Ein Kellertheater, im Zuschauerraum riecht es muffig, man kann nie richtig lüften. Es ist Sonntagabend. Das Stück heißt »Zwei Hühner werden geschlachtet« und wird heute zum dritten Mal aufgeführt. Eine Textcollage, 1969 geschrieben, frei von Sinn und Handlung. Den avantgardistischen Autor, Alf Poss, kennt kein Mensch mehr, man kann es verstehen.

»Handlung«, deklamiert ein Mann in langer Unterhose, »wir brauchen Handlung, jawoll, eine nackte Nonne - das ist Handlung! Wir brauchen eine nackte Nonne!« Er stürmt davon, das Licht erlischt, Punkmusik scheppert, die zwei Hühner flattern hoch. Sie haben 2,50 Euro pro Stück gekostet und sitzen in einem mannshohen Käfig. Darin befinden sich außerdem ein gefüllter Futternapf, ein Hackklotz, eine Axt. Die Scheinwerfer flackern, rot, gelb, eine Frau mit Nonnenhaube betritt die Bühne, ansonsten trägt sie einen sehr schwarzen, sehr kurzen Lackrock, sie schwingt eine Peitsche. »Die armen, armen Hühner«, sagt sie und lächelt aasig.

In den Zuschauerraum der Werkstattbühne passen 60 Gäste, 17 sind gekommen. In der ersten Reihe sitzen drei Zuschauer, die zwölf Euro pro Karte bezahlt haben, obwohl sie das Stück hassen. Zwei Frauen, ein Mann: Sie sind Tierschützer. Sie sind leidensfähig, vegetarisch bis veganisch, bereit zum Kampf. Der Mann ist breitschultrig, er blickt finster, ballt die Fäuste - falls die verdammten Schauspieler den Hühnern etwas antun wollen.

Vier Reihen dahinter sitzt Dr. Wolfgang Schulz, 62 Jahre alt, groß, kräftig, der Intendant. Auch er blickt finster, fingert nach dem Pfefferspray in seiner Tasche - falls die Tierschützer den Schauspielern etwas antun wollen.

»Die Hühner«, sagt die Domina, »haben einen so seelenvollen Blick.« Sie öffnet die Käfigtür.

Die drei Tierrechtler sind sprungbereit. Besonders Heike Grauf, 42, eine zierliche Person. Rauf auf die Bühne, rein in den Käfig, den Schauspielern die Axt entreißen, Polizei rufen, Hühner retten: So lautet der Plan. So hat es Heike Grauf während der Premiere gemacht, eine Woche ist das jetzt her.

Schon vor der Premiere hatte es offene Briefe in den Tageszeitungen gegeben, Drohanrufe, Boykott-Aufrufe. Während der Premiere hielten vorm Eingang Tierbefreier ein Transparent in die Höhe, mit einem Albert-Schweitzer-Zitat. Drinnen, erste Reihe, saß Heike Grauf, erst war sie ängstlich, dann gereizt, irgendwann verlor sie die Geduld. Sie marschierte auf die Bühne, setzte sich zu den Hühnern auf den Boden. Die Schauspieler waren verwirrt. Die Zuschauer nicht; man weiß bei dieser Art von Stücken kaum, was dazugehört und was nicht. Die Aufführung rumpelte noch einen Moment lang weiter, erstarb dann. Was jetzt?

Theaterchef Schulz schickte zwei kräftige Kerle auf die Bühne, die die Verrückte da aus dem Käfig holen und rausschmeißen sollten. Heike Grauf erklärte dem Publikum inzwischen, dass Mitgeschöpfe vielleicht nicht sprechen, aber sehr wohl leiden könnten. Die kräftigen Kerle waren ratlos - sollten sie die kleine Frau mit Gewalt aus dem Käfig zerren, vor allen Leuten?

Außerdem kam Verstärkung. Die zweite Tierrechtlerin drängte sich in den Käfig. Es wurde allmählich eng: vier Menschen, zwei Hühner, die Menschen zankten, die Hühner gackerten, ein Käfig voller Gegensätze. Die Zuschauer lachten, buhten, manche drängten ebenfalls nach vorne, eine Stimmung wie in einer unbeaufsichtigten Schulklasse.

Nun hat Theaterchef Schulz Sinn für dramatische Momente, aber bitte nicht auf seine Kosten. Auch er sprang zum Käfig, brüllte was von Hausrecht.

»Ich hatte echt Angst«, sagt Grauf, »der Mann ist unberechenbar.« Die zwei Frauen ließen sich hinausführen, die Premiere ging weiter. Die Hühner wurden nicht geschlachtet.

Aber beim nächsten Mal, drohten die Theaterleute, da rollen Köpfe.

Weshalb die Würzburger Tierschützer sich schworen, von nun an in jeder Aufführung zu sitzen. Auch wenn sie dafür ihre Sonntagabende opfern, auch wenn sie alle 22 noch geplanten Aufführungen ertragen müssen. Sie spielen quasi mit, erbittert zwar, aber die Hühner überleben auch diesen Abend.

Das Stück soll eineinhalb Monate laufen, ein Zeitraum, in dem schätzungsweise 50 Millionen Hühner in Deutschland geschlachtet werden, erlöst von einem elenden Dasein.

Die zwei Theater-Hühner haben es vergleichsweise gut. Wieso also dieser Aufstand? Weil es um heilige Prinzipien geht. Schulz hat Anno 68 beschlossen, die Gesellschaft vom Theater aus zu revolutionieren. Die Tierrechtler wiederum sind ein Ableger der Friedensbewegung, der radikalste. So kann man in Würzburg ein Stück von der Schlachtung zweier Hühner sehen - und ein Stück inszenierter Wirklichkeit erleben, eine Tragikomödie vom spät-linken Kampf um eine bessere Welt. Die Rollen sind verteilt, Würzburg zittert. RALF HOPPE

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.