Dänemark "Bis ich vom Thron falle"

Sie gibt gern den Ton an - auch in ihrer Ehe mit dem zurückhaltenden Prinz Henrik. Kaum eine Majestät ist in ihrer Heimat so beliebt wie Dänemarks Königin Margrethe II. Lesen Sie heute den fünften Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den schillernden Kampf der Königshäuser um Macht und Ansehen.


Ungleiche Rollenverteilung: Königin Margrethe II. und Prinz Henrik
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Ungleiche Rollenverteilung: Königin Margrethe II. und Prinz Henrik

Sie verkörperten das dänische Ideal von Ehe und Familie. Seit fast genau schon 35 Jahren verheiratet, ohne Affären, harmonisch nach außen, konfliktfrei nach innen - und das trotz beinahe ebenso langer Doppelbelastung in Ehe und Beruf. Dazu zwei ansehnliche Söhne und inzwischen auch ein Enkelkind - so etwa muss es wohl aussehen, was sich Deutschlands Nachbarn im Reich des Smørrebrød unter "den store kærlighed" (die große Liebe) vorstellen.

Und dann dies. Türen schlagend verlässt Henrik, für alle Beteiligten überraschend, die familiäre Wohnung und setzt sich ab ins ferne Ausland, klagt öffentlich über eine "Lebenskrise" und familiäre Benachteiligung. So weit, so normal, wäre Henrik nicht Prinz von Dänemark und seine Frau nicht Königin Margrethe II. Es war die wohl schwerste Krise der dänischen Monarchie in der Neuzeit, die vor wenigen Wochen das Land erschreckte.

Auch bei Königs kann der Haussegen schief hängen

Der Grund - vergleichsweise banal: Weil sich Majestät kurz vor dem Jahreswechsel zwei Rippen anbrach, konnte sie gerade noch die traditionelle Neujahrsansprache im dänischen Fernsehen halten, nicht aber am üblichen Neujahrsempfang Mitte Januar das Defilee der Diplomaten und Würdenträger abnehmen. Das tat an ihrer Stelle Kronprinz Frederik, 33, seinen Vater Henrik an der Seite. Was protokollarisch ein ganz normaler Vorgang war, brachte den französischen Edelmann schier aus der Fassung. Immer nur der Zweite zu sein, "degradiert und gedemütigt wie ein gleichgültiges Anhängsel", selbst wenn die Königin ausfällt, das verletzt die Ehre und nagt am Selbstwertgefühl. Schluss mit "meine taufrische Morgensonne", wie er seine königliche Gemahlin noch vor gar nicht allzu langer Zeit liebevoll und gar nicht heimlich umgarnte.

So berichteten dänische Zeitungen über Prinz Henriks "Flucht" in die französische Heimat
EPA/DPA

So berichteten dänische Zeitungen über Prinz Henriks "Flucht" in die französische Heimat

Henrik ging in sich und außer Landes, ins heimatliche Weingut im französischen Caix bei Cahors. Margrethe und Frederick mussten der Trauungszeremonie des niederländischen Thronfolgers, Prinz Willem-Alexander mit Prinzessin Máxima, allein die Ehre geben. Wie daheim bei Sørensens oder Christensens dann auch die Versöhnung. Erst tagte der "Krisenfamilienrat", dann reiste Margrethe ihrem Gatten hinterher, die Prinzen Frederick und Joachim im Geleit. Gemeinsam stellte man sich den Fotografen, demonstrativ leger gekleidet und locker - mit strahlendem Lächeln nach dem Motto: Seht her, bei Königs hängt der Haussegen nicht mehr schief.

Die aufgewühlte Nation lehnte sich erleichtert zurück. Denn "Dronning" Margrethe, 62, ist beliebt wie kaum eine andere der europäischen Majestäten bei ihren Untertanen. Weit über 90 Prozent der Dänen verehren ihre Königin und stehen vorbehaltlos hinter der dänischen Monarchie die - mit historischen Rückbesinnungen bis in die Wikingerzeit - gern als die älteste der Welt bezeichnet wird.

Margrethe und Prinzgemahl Henrik nach der Versöhnung: Haussegen nicht mehr schief
AFP

Margrethe und Prinzgemahl Henrik nach der Versöhnung: Haussegen nicht mehr schief

Dazu beigetragen hat ihr vergleichsweise unprätentiöses und bürgernahes Auftreten. Die passionierte Kettenraucherin, die auch schon mal unfrisiert und im Schlafgewand am Fenster von Schloss Amalienborg in Kopenhagen erscheint, übersetzt und illustriert Bücher - zuletzt "mit wahnsinnigen Collagen" (Margrethe) einen durchaus erotischen Gedichtband ihres Mannes. Sie malt Plakate, entwirft Bühnenbilder und Silberbesteck. Und liebt ein deutliches Wort. "Ich bleibe auf dem Thron, bis ich runterfalle", ließ sie erst kürzlich ihre Untertanen öffentlich wissen.

Henrik ist einem guten Tropfen nicht abgeneigt

Etwas schwerer hat es da schon Königinnengemahl Henrik, geborener Graf Henri de Laborde de Monpezat. Der Diplomatensohn und Hobbyautor, zum Beispiel auch eines Kochbuches "Ikke altid gåselever" ("Nicht immer Gänseleber") scheint als Mann "hinter" der Königin mit seiner Rolle, die keinesfalls eine starke ist, mehr Probleme zu haben als mancher Schicksalsgefährte anderswo.

Der Thronfolger: Prinz Frederik
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Der Thronfolger: Prinz Frederik

Dazu beigetragen hat sicher, dass Henrik - ein Genießer, der einem guten Tropfen nicht abgeneigt ist - zwar ein "hundertprozentiger Däne" zu werden versprach, aber bis heute mit seinem französischen Akzent kämpft. Und mit Gattin Margrethe nicht nur eine hochgebildete, sondern auch starke Frau an seiner Seite hat.

Wenn es um Führung geht, wird gern das Beispiel der beiden königlichen Kurzhaardackel zitiert. Wenn die während einer Audienz kläffend rumnerven, kommt schon mal der knappe Befehl der Königin "kom til mor!" ("kommt zu Mutti"), und es ist Ruhe. Auch in ihrer Beziehung gibt sie den Ton an, und das nicht immer nur von Amts wegen.

Wenn etwa journalistische Besucher dem Königspaar auf Schloss Marselisborg, dem Sommersitz bei Århus, vorsprechen und sogar noch Fragen stellen dürfen, werden sie vom Hofmarschall eingehend instruiert. Dass man dem Prinzen vielleicht auch die eine oder andere Frage stellen möge, klingt fast schon wie ein Appell - offenbar in weiser Voraussicht, damit er sich nicht nur wieder als "Anhängsel" fühlen möge. Wenn Henrik dann, leise lächelnd und bisweilen mit aufgeräumter Ironie, zu einer Antwort anhebt, legt ihm seine Königin gerne mal die Hand auf den Oberschenkel - und bringt, bevor ein falscher Ton fällt, den Satz doch lieber selbst zu Ende.

Die Dänen und ihre "Dorfmentalität"

Dabei scheut sie sich durchaus nicht, klare Position zu beziehen, auch wenn ihr die staatsrechtlich in der Politik nicht unbedingt zusteht. Sie wehrt sich zum Beispiel beharrlich gegen jede Form fremdenfeindlicher Tendenzen in ihrer Heimat. Dann klagt sie über die "Kehrseite der dänischen Dorfmentalität": den "ziemlich beschränkten Horizont". Sie weiß, wovon sie spricht. Nicht nur ihr Mann ist Ausländer, sondern auch die Schwiegertochter und Mutter ihres geliebten Enkels Nikolai. Alexandra ist Halbchinesin und kommt aus Hongkong.



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