Stefan Weigel

Gefährdeter Dänemark-Urlaub "Ein Teil von mir ist schon bei Euch"

Stefan Weigel
Ein Brandbrief von Stefan Weigel
Warum will die dänische Regierung keine Urlauber einreisen lassen? Sogar solche, die wirklich gern kommen würden und sogar schon bezahlt haben? Könnte man da keine Ausnahme machen?

Liebe Däninnen und Dänen,

ich habe Euch noch nie einen Brief geschrieben, aber ich bin verzweifelt und weiß keinen anderen Ausweg mehr. Euer Justizminister sagt, er will die Grenze nicht für Touristen öffnen. Er hat Angst vor den Deutschen. Sie könnten Corona einschleppen. Die Deutschen. Also wir. Genau genommen ich.

Nun ist mir die Angst Eures Justizministers vor den Deutschen eigentlich schnuppe. Daran ist man als deutscher Tourist gewöhnt. Schließlich haben wir in der Vergangenheit auch wirklich viele Sachen in unsere Nachbarländer geschleppt, die dort niemand haben wollte. Ich will auch gar nicht vorschützen, dass mir die europäische Sache wahnsinnig wichtig ist und ich einen Rückfall in Zeiten geschlossener Grenzen schrecklich finde (selbst wenn das so ist).

Ich schreibe Euch vielmehr, weil ich selbst betroffen bin: Am 16. Mai möchte ich mit meiner Familie zu Euch kommen. Seit 20 Jahren fahren wir jedes Jahr im Mai in die Jammerbucht, das ist auf der Karte oben links, an der Nordseeküste - falls Ihr das selbst nicht so genau wisst. Da ist es sehr, sehr schön. Dünen, Strand, Meer, Ferienhäuser und ein paar Geschäfte mit Gedöns für deutsche Touristen. Das war's. Kein Aquavit-Saufen aus Eimern, keine Strandpartys mit jungen Menschen, die ihre schwitzenden Körper aneinander reiben. Schon mangels schwitzen. Ist kühl bei Euch und nicht viel los. Gar nicht leicht, näher als 1,5 Meter an einen Einheimischen ranzukommen.

Dänischer Strand (Archivbild): Gar nicht leicht, näher als 1,5 Meter an einen Einheimischen ranzukommen.

Dänischer Strand (Archivbild): Gar nicht leicht, näher als 1,5 Meter an einen Einheimischen ranzukommen.

Foto: Anke Scheibe/ imago images/Westend61

Wir würden uns ins Auto setzen, nach Saltum fahren (ohne zwischendurch das Fenster zu öffnen, es sei denn, Ihr verlangt das an der Grenze von uns), den Schlüssel für unser Ferienhaus aus dem Kasten bei der Vermietung nehmen und zwei Wochen bei Euch verbringen. Ich würde an Eurem wahnsinnig breiten und leeren Strand joggen gehen, mich freuen, dass so wenig Menschen da sind und abends mit meiner Frau, meinen Kindern und Carlsberg den Sonnenuntergang anschauen. Im Supermarkt könnte ich mir eine Maske aufsetzen, wenn Ihr das wollt, das schaffe ich hier auch.

Es wäre ganz, ganz toll, wenn das klappen könnte. Die Zeit bei Euch ist für mich die schönste des ganzen Jahres. Und wisst Ihr was, liebe Dänen? Ich glaube, Ihr freut Euch auch, wenn ich Euch besuche. Jedenfalls hat Eure Ferienhausvermittlung mir das geschrieben. Am 2. April, zum Höhepunkt der Corona-Infektionen in Deutschland. Und am 6. April habt Ihr dann die zweite Rate abgebucht, 1012 Euro. Ein Teil von mir ist also schon bei Euch. Trotz Corona und geschlossener Grenze.

Allerdings würde ich wahrscheinlich nicht allein kommen, sondern noch ein paar andere deutsche Touristen mitbringen. Aber die wollen auch nur in Ruhe vor Euren schönen Ferienhäusern sitzen, grillen und am Strand Drachen steigen lassen. Harmlos und mit Sicherheitsabstand. Könntet Ihr also bitte Eurem Justizminister sagen, er soll uns reinlassen? Ja? Ginge das? Ich würde mich sehr freuen.

Ganz liebe Grüße und mange tak
Euer Stefan

 

P.S.: Sollten Sie diesen Brief lesen, obwohl Sie kein Däne sind, und denken: "Typisch SPIEGEL-Journalist in seiner fetten Hamburger Luxus-Wohnung; Krieg, Flüchtlinge, Hunger, Armut und Klima ist ihm egal, aber wenn er selbst mal nicht in den Urlaub fahren darf, das Maul aufreißen. Da schreibe ich doch gleich mal eine wütende Mail!" Dann bitte gern direkt an stefan.weigel@spiegel.de .

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