Das Desaster von Duisburg Im Tunnel des Todes

Der Horror steht den Ravern von Duisburg ins Gesicht geschrieben. Sie wollten feiern - dann durchlitten sie Todesangst, sahen Menschen sterben. Nach der Massenpanik auf der Love Parade mit mindestens 19 Toten und mehr als 300 Verletzten werden Fragen laut. Viele aus dem Tunnel sind traumatisiert.
Das Desaster von Duisburg: Im Tunnel des Todes

Das Desaster von Duisburg: Im Tunnel des Todes

Foto: Erik Wiffers/ dpa

Lena steht in der Ecke des Kiosks, Duisburg, Neudorfer Straße, nahe Hauptbahnhof. Über ihr Gesicht laufen Rinnsale schwarzer Wimperntusche, das zerrissene Oberteil hat sie notdürftig zusammengeknotet. Die 21-jährige Studentin aus Essen weint leise vor sich hin. Sie trägt keine Schuhe.

Die hat sie im Tunnel verloren.

Gestoßen und geschubst wurde sie. An Armen und Haaren haben Fremde an ihr gezerrt, bis sie irgendwie aus der Menschenmasse herauskam - hinweg über bewusstlose, schwer verletzte Menschen. "Zum Teil lagen fünf, sechs aufeinander", sagt sie. "Manche schrien fürchterlich um Hilfe, andere taten keinen Mucks mehr."

Lena war zum ersten Mal bei einer Love Parade. Lena hat zum ersten Mal einen toten Menschen gesehen.

Eine junge Frau in einem Top, das Dekolleté mit Glitzer-Make-Up verziert, so erinnert sie sich an die Tote. Um den Hals eine Kette aus Plastikblumen. Gestorben auf der Love Parade in Duisburg, die eine Millionenparty werden sollte und an diesem Samstagnachmittag in einem Fiasko endete. 19 Menschen starben bei der Katastrophe am Alten Güterbahnhof in Duisburg, drei von ihnen erst im Krankenhaus. Viele andere mussten wiederbelebt werden. Mehr als 340 Teilnehmer wurden laut einem Polizeisprecher als verletzt gemeldet, wie schwer, konnte er am frühen Sonntagmorgen noch nicht sagen.

Zeugen im Wortlaut

Stunden nach der Katastrophe ist der Unglücksort weiträumig abgesperrt. Die Polizei lässt vorerst niemanden zum Tatort, aber schon auf dem Weg dorthin zeigt sich ein Schlachtfeld. Zertretene Absperrungen, Unmengen Müll, dazwischen betrunkene, mit Drogen vollgepumpte Menschen, manche von ihnen in goldene Erste-Hilfe-Decken gehüllt. Durchweg heulen die Sirenen von Polizei- und Rettungswagen.

Menschenmengen drücken sich durch noch so kleine Straßen. Wer in keiner "hilflosen Lage" sei, werde sich selbst überlassen, sagt ein Polizist. "Jeden Betäubten mit auf die Wache nehmen? Da hätten wir vor der großen Party noch anbauen müssen."

Es ist eine laue Sommernacht in Duisburg. "Erfrieren wird also keiner."

Die Hilfskräfte, denen man an den Straßensperrungen begegnet, sind allesamt ortsfremd und restlos mit der Situation überfordert. Sämtliche Autobahnabfahrten nach Duisburg sind noch in der Nacht gesperrt, Blechkarawanen schlängeln sich von Vollsperrung zu Vollsperrung durch das Ruhrgebiet.

Nachdem Zehntausende den Duisburger Hauptbahnhof bestürmt haben, der gut zwei Kilometer nördlich des Festivalgeländes liegt, wurden Busse zum Abtransport der Massen angefordert. Nach ein Uhr nachts hat sich der Tumult am Bahnhof entzerrt, so dass mehr als 15 leere Omnibusse eine der Hauptstraßen versperren und nicht wissen, wohin. Einen Fahrplan für die nächsten Stunden gibt es nicht. Es ist Chaos in der Stadt. In der Eile scheint nur eine Order zu gelten: Menschenaufläufe verhindern. Mehr nicht.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Lena ist in Gedanken bei der toten Frau. "Ob ich ihren starren Blick je wieder vergessen werde?", sagt sie, sie stammelt, "und die Schreie der anderen in Todesangst?" Ihr Freund Tim hält ihre Hand.

Die Techno-Party sei schon am frühen Nachmittag "gnadenlos überlaufen gewesen", erzählt er. "Der einzige Zugang war der Tunnel, anders konnte man nicht aufs Gelände." Anfangs sei das Geschubse "fast noch animierend" gewesen. Man habe gemeinsam Lieder gesungen und skandiert. Die Stimmung sei friedlich und entspannt gewesen. "Das ist ja auch der Sinn der Love Parade, oder?"

Dann sei das Gerangel aggressiver geworden. "Es war eng, heiß, unerträglich, und die Leute wollten entweder zur Party - oder eben weg." Einige suchten ihre eigenen Wege, hangelten sich an einem Mast hoch oder kletterten ein schmales Treppchen hoch. Dehydrierte, entkräftete Raver wurden über den Köpfen der anderen nach draußen befördert. Einige stürzten ab. Als das passierte, sagt die Polizei, brach die Massenpanik aus. Vor dem Eingang, im Tunnel, überall wurde gedrängt, gequetscht, am Ende waren 19 Menschen tot.

Stunden später sitzen Lena und Tim am Boden, neben dem überfüllten Mülleimer des Kiosks, und bekommen nicht mehr mit, was um sie herum geschieht. Immer noch kreisen Hubschrauber, grölen zugedröhnte Parade-Teilnehmer, Blaulicht überall, Streifen- und Rettungswagen donnern an ihnen vorbei. Lena und Tim wollen das nicht mehr sehen. Sie warten auf Lenas Vater, sie wollen nur noch heim.

"Oh Gott, wir haben noch gebuht und gepfiffen"

Martin, 24, angehender Jurist aus München, kauert mit seiner Clique auf dem Asphalt vor einer Bushaltestelle. Er wollte die Nacht durchmachen, jetzt hockt er verstört neben seinen Kumpels, will sich nicht vom Fleck bewegen. Sie haben seit vormittags getrunken, gefeiert, getanzt - und nicht mitbekommen, dass Hunderte Meter weiter von ihnen Menschen um ihr Leben gekämpft und verloren haben.

Er erinnert sich an eine "lapidare Durchsage" gegen 23 Uhr, in etwa: Bitte geht langsam nach Hause, es war ein schöner Tag mit euch!

Die Love Parade war nicht überstürzt abgebrochen worden, um einen weiteren Massenauflauf zu vermeiden. Die Menschen tanzten immer weiter, zu wummernden Bässen, als wäre nichts gewesen, als wäre nebenan nicht die größte Katastrophe seit vielen Jahren bei einem solchen Großereignis in Deutschland geschehen.

Viele bekamen Nachrichten auf ihre Handys, viele gingen heim, aber Martin und seine Freunde schauten nicht aufs Telefon. Sie wunderten sich, dass Haupt-DJ David Guetta nicht auftrat. "Oh Gott", sagt Martin, "wir haben noch gebuht und gepfiffen und nur an unseren Spaß gedacht." Erst als sie vom Gelände gingen, hätten sie Nachrichten von besorgten Verwandten und Freunden auf ihren Handys gesehen. "Meine Schwester weinte. Sie hatte seit Stunden versucht, mich oder diese Hotline für Angehörige zu erreichen."

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach

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In einem Fastfood-Restaurant sitzen zwei Beamte der Bundespolizei. Mehr als 15 Stunden hatten sie Dienst, sie sind erschöpft. Einer war an der Unglücksstelle im Einsatz. Mit Kollegen habe er Raver aus dem Gedränge gezogen. "Diese Menschen sind bestens gelaunt zu der Veranstaltung", sagt er, "und auf einmal durchleben sie Todesangst." Er sagt, jetzt müsse man sehr ernsthaft ermitteln, wer die Verantwortung trägt für den Tod von 19 jungen Menschen.

Es gibt so viele Fragen. Wieso galt der Tunnel als sichere Variante, wie konnte er zu einem solchen Nadelöhr werden, wieso gab es keine Notfallausgänge? War das Sicherheitskonzept unterdimensioniert? Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ging die Einsatzleitung der Polizei stets von höchstens 500.000 Ravern auf dem Partygelände am Alten Güterbahnhof aus, doch es war wohl mehr als eine Million Menschen da. Bei 1200 Polizisten. Über allem steht eine Frage, die einem Vorwurf gleichkommt: War die Chance, im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 eine Love Parade abzuhalten, für Duisburg wichtiger als die Sicherheitsdetails? Der Bürgermeister verteidigt das Sicherheitskonzept, die Debatte beginnt (mehr dazu...)

Als Lenas Vater an dem Kiosk in der Neudorfer Straße aus seinem Auto steigt und seine Tochter sieht, sagt er: "Schätzchen, du hast ja gar keine Schuhe an."