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Das Geld der Indianer

Ortstermin: Das Euro-Info-Zelt der Bundesregierung in Schwedt
aus DER SPIEGEL 29/2001

Die Frau kommt langsam näher, kleine, tastende Schritte. Ihre Schultern sind hochgezogen. Dann bleibt sie stehen, ein Meter Abstand zu dem Tisch, wo die Broschüren liegen. Sie lüpft ihre Sonnenbrille, blinzelt, guckt. Sie ist um die 50, trägt einen Einkaufsbeutel, ihre Haare sind blondiert.

»Wollen Sie mal den Euro kennen lernen?«, fragt Angela Joosten und hält der Frau ein Blatt hin, auf dem die neuen Münzen und Scheine abgebildet sind. Die Frau macht einen halben Schritt zurück, schiebt aber Kinn und Nase vor, fixiert das Blatt. Ihre Schultern bleiben oben. Ein bisschen sieht sie jetzt aus wie eine Schildkröte, die unter ihrem Panzer hervorlugt.

»Uns hat man ja nicht gefragt«, sagt sie, lässt die Sonnenbrille zurück auf die Nase rutschen, dreht sich um und geht.

Es ist ein sehr schöner Sommertag, weiße Wolkenfetzen über Schwedt an der Oder. Zwischen »Centrum Kaufhaus« und Marktplatz steht ein kleines Zelt der Deutschen Bundesbank und der Aktionsgemeinschaft Euro, die im Auftrag von Bundesregierung, Europäischer Kommission und Europäischem Parlament für das neue Geld werben. Ab dem 1. Januar 2002 wird der Euro die Mark ersetzen, der bislang wichtigste Schritt zur europäischen Vereinigung.

Angela Joosten hat Sommersprossen und Haare so rot wie ein 5-Cent-Stück. Sie ist ein Wunder an Geduld und Freundlichkeit, und um elf Uhr morgens hat sie schon 50mal gesagt, der Euro sei gut, weil der Umtausch auf Reisen wegfalle und der Preisvergleich innerhalb Europas leichter würde.

»Wir reisen aber nich«, sagt ein Rentner, der eine Schirmmütze trägt. »Außer über die Oder rüber nach Polen«, ergänzt seine Frau, »aber die Polen ham nich den Euro.«

Der Euro, sagt Joosten, mache den Handel über die Grenzen hinweg leichter, mehr Wettbewerb, sinkende Preise.

»Davon profitiert nur die Großindustrie«, sagt der Rentner.

Ob er nicht am großen Euro-Preisausschreiben teilnehmen wolle, fragt Joosten, es gebe schöne Sachpreise. Beraten von seiner Frau, füllt der Rentner den Fragebogen aus.

Nachdem Joosten ein paar Jungs ausgeredet hat, der Euro sei leicht mit einem Farbkopierer zu fälschen, sieht sie sich einem mittelalten Mann gegenüber, der die Arme vor der Brust verschränkt hält und sie herausfordernd anblickt.

»Sieht mir so aus, als sei der Euro höher als die Mark«, sagt der Mann unter einem Schnurrbart hervor.

»Bitte?«, fragt Joosten.

»Na quadratischer.«

Es stellt sich heraus, dass der Mann den Verdacht hat, die neuen Geldscheine würden nicht in die Portemonnaies passen. Joosten sagt, es werde da keine Probleme geben.

Eine Frau schiebt ein Fahrrad heran und erzählt, ihre 90-jährige Mutter glaube, dass die 1000 Mark aus ihrem Sparstrumpf nach dem Umtausch nur noch die Hälfte wert seien.

»Erklären Sie ihr's so«, sagt Joosten, »wenn man einen Apfel halbiert, hat man genauso viel zu essen wie zuvor.«

Die Frau mit dem Fahrrad guckt, als sei sie nun selbst ein bisschen verwirrt.

Wieder baut sich der Mann mit dem Schnurrbart vor Joosten auf, die Arme verschränkt, das Lächeln noch eine Spur herausfordernder. »Wie issen das mit der Nickelverträglichkeit?«, fragt er.

Joosten erzählt, sie selbst sei allergisch gegen Nickel, habe aber bei ersten Kontakten mit den neuen Münzen keine Probleme gehabt.

»Hatten Sie die Euros mal 'ne Stunde in der Hand?«, fragt der Mann.

»Nein.«

»Sehn Se.«

Der Mann dreht sich um und geht davon, mit den großen, sicheren Schritten eines Siegers. Zurück bleibt ein kleines Zelt, und drinnen steht Angela Joosten wie ein Indianer, der nach einer großen Eroberung seines Stammes die Sympathien der Bevölkerung in den eroberten Gebieten gewinnen soll, aber sich schwer tut gegen die allgemeine Feindseligkeit.

Schon ist der nächste Rentner da und sagt, der Euro tauge nichts, weil er weniger wert sei als der Dollar.

Joosten beginnt längere Erläuterungen über Innenwert und Außenwert des Euro, aber am Ende sagt der Mann: »Nee, nee, der taugt nix, ich seh's jeden Tag im Fernsehen.«

Eine kleine Frau zupft Joosten am Ärmel. Sie hat schon zwei Anläufe gemacht, etwas zu sagen, drang aber nicht durch. Endlich findet sie Joostens Ohr und fragt: »Sagen Sie mal, werden die Euro-Münzen im Wasser eigentlich auch so gammelig?«

Und jetzt passiert es: Angela Joosten fällt nichts ein. Stumm steht sie da und sieht für einen Augenblick aus, als wollte sie das Zelt abbauen und sich geschlagen nach Brüssel zurückziehen. Als hätte sie den 2. Januar 2002 vor Augen, den Tag, an dem sich die Deutschen bei den Banken Euro-Münzen holen, sie zu Hause ins Wasserbad legen und zugucken, wie sie gammelig werden. Dann senken sie den Daumen, und der Euro ist gescheitert.

Aber ein Indianer gibt nicht auf. Joosten sammelt sich und sagt, die neuen Münzen seien von guter Qualität, und man solle doch vor allem daran denken, wie praktisch es sei, jetzt im Urlaub nicht mehr tauschen zu müssen und die schnellen Preisvergleiche und das große Symbol der europäischen Vereinigung und so weiter.

Die kleine Frau nickt hin und wieder, aber mehr aus Freundlichkeit. Als sie geht, sagt sie zu den anderen Besuchern des Zeltes: »Ich glaube, der wird gammelig.« DIRK KURBJUWEIT

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