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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Das Herz meines Feindes

Ein Israeli erhielt ein neues Herz - von einem Palästinenser.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Der Ort, an dem der Palästinenser Masan Dschulani zum Märtyrer wird, heißt »Friedensbillard«. Das ist ein Café im Ostteil Jerusalems, ein Freund hat es vor kurzem eröffnet. Dschulani will nur kurz vorbeischauen. Normalerweise verbringt er seine Abende lieber zu Hause bei der Großfamilie.

Es ist Anfang Juni, die Nacht zum Freitag, dem freien Tag der Muslime. Masan Dschulani und sein Freund spielen Karten, als gegen ein Uhr nachts plötzlich geschossen wird. Eine Kugel trifft Dschulanis Kopf.

Niemand sieht den Schützen, er entkommt unerkannt. Später erinnern sich Nachbarn an ein weißes Auto, das weggefahren ist. So eines, wie die israelischen Siedler es fahren. Ein Racheakt vielleicht: Kaum zwei Stunden zuvor hatte ein Selbstmordattentäter in Tel Aviv 20 junge Israelis in die Luft gejagt.

Die israelische Polizei sagt anfangs, Masan Dschulani sei einer Fehde zwischen Palästinensern zum Opfer gefallen. Doch dafür gibt es keinen Beleg, mittlerweile sagt die Polizei nur noch, sie wisse nicht, wer der Täter ist.

Die Dschulanis sind eine bekannte Familie in Ost-Jerusalem. Masan, 33, betrieb eine kleine Apotheke. Einer seiner Brüder war sein Buchhalter, der andere ist nierenkrank und kann nicht arbeiten. »Masan hatte keine Feinde«, sagt sein Vater.

Zwei Tage lang liegt der Sohn im israelischen Hadassa-Hospital im Koma, dann wird er für tot erklärt. Der Vater soll nun entscheiden, ob Masan als Organspender in Frage kommt.

Lutfi Dschulani, 71, denkt sofort an seinen nierenkranken Sohn. Er hofft, die Niere des Toten könne ihm helfen und stimmt zu. Die Ärzte fragen weiter: Ob auch andere Patienten, auch jüdische, Organe erhalten dürften? Der Vater willigt wieder ein, er hätte auch keine Wahl gehabt: Rechtlich ist es unmöglich, Organe auf jüdische oder arabische Patienten zu beschränken. Ein Ja gilt für alle.

Die Ärzte entnehmen Nieren, Bauchspeicheldrüse und das Herz. Sie untersuchen, ob der Bruder des Toten die Niere vertragen wird. Das Herz schicken sie nach Tel Aviv ins Sheba Medical Center.

Dort, auf der Intensivstation, liegt Jigal Cohen, ein Israeli. Er ist, so sagt sein Arzt, »buchstäblich im Begriff zu sterben«. Maximal vier Monate hat er noch.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Organe eines Arabers auf einen Israeli übergehen. Auch den umgekehrten Fall hat es schon gegeben. Normalerweise erfährt niemand, wer der Spender war. Aber dieses Herz ist das erste seit Beginn der Intifada vor acht Monaten.

Und so muss irgendjemand auf die Idee gekommen sein, dass der Vater des Spenders und der Empfänger des Herzens sich treffen sollten - und dass der Fall bekannt wird.

Bald umarmen sich Lutfi Dschulani und Jigal Cohen im Krankenzimmer. Beide weinen, vor Rührung, vor Glück, vor Trauer. Aus einer vergleichsweise normalen Herzoperation ist eine Geste der Versöhnung geworden. Masan Dschulani ist nicht mehr nur Märtyrer, weil er - für die Palästinenser - durch die Kugel eines Juden starb, sondern auch Held der Israelis, weil er einem Juden das Leben neu geschenkt hat.

Jigal Cohen wird nun bedrängt von Journalisten aus der ganzen Welt. Er soll erklären, wie es sich anfühlt, das Herz des Feindes in sich schlagen zu spüren. Aber was soll er da antworten? Er ist einfach froh, dass es ein gutes Herz ist: »Es zählt für mich nicht, von wem es stammt.« Wenn man eben noch dachte, man habe nur noch vier Monate, fehlt einem der Sinn für Symbolik.

Seit ein paar Wochen ist er wieder zu Hause. Es geht ihm gut, sagt er, er will aber nicht gestört werden. Dass er wieder gesund wird, ist ihm wichtiger als die Frage, wer der Mann war, dessen Herz nun in ihm schlägt und was das alles mit Krieg und Frieden zu tun haben soll.

Inzwischen glaubt er, dass es keine gute Idee war, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er habe das nur gemacht, sagt er, weil sein Arzt, Jacob Lavee vom Sheba Medical Center, ihn überredet habe. Lavee freut sich über das öffentliche Interesse. Das gibt ihm Gelegenheit, zu erzählen, dass er schon 190 Herztransplantationen durchgeführt hat. Seine Klinik ist berühmt. Er war der erste Chirurg, der - erfolglos - versucht hat, einem Patienten ein Kunstherz auf Dauer einzupflanzen.

Lavee sagt aber auch, nicht er, sondern der Vater des Toten habe auf dem Treffen mit der Presse bestanden. Doch der Vater behauptet, die Jerusalemer Klinik, in der sein Sohn starb, habe ihn nach Tel Aviv gedrängt.

Die Berichte in den Zeitungen haben Vater Dschulani Ärger eingebracht; in der Großfamilie kommt es zum Streit über die Spende an den Feind. Kunden seiner Apotheke beschweren sich. Der Vater sagt, er sei stolz, dass ein anderes Leben gerettet werden konnte. »Was zählt es da, ob es ein Jude oder ein Araber ist?« An die Tür der Apotheke lässt er sicherheitshalber einen Richtspruch des Muftis von Jerusalem hängen. Der Text besagt, dass die höchste religiöse Instanz der Muslime in Palästina die Organspende billige.

Für seinen kranken Bruder war Dschulanis Niere nicht geeignet. Der Bruder wurde vertröstet. Innerhalb eines Monats, so erinnert sich die Familie heute, sollte er eine Niere bekommen. Das hätte das Krankenhaus versprochen - was die Ärzte freilich bestreiten. Passiert ist jedenfalls bisher nichts: »Sie haben uns hängen lassen. Die Organspende haben sie gern genommen, doch wir gehen jetzt leer aus.« ANNETTE GROßBONGARDT,

ANSBERT KNEIP

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