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05. August 2016, 17:51 Uhr

Erster Männerbeauftragter Deutschlands

"Auch Männer werden in Deutschland diskriminiert"

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Matthias Becker ist Deutschlands erster Männerbeauftragter. Der Sozialpädagoge erklärt, wo es Männer schwer haben in der Gesellschaft. Und warum sie als Opfer manchmal ignoriert werden.

Die Stadt Nürnberg hat seit Kurzem als wohl erste Kommune Deutschlands einen Männerbeauftragten. Matthias Becker nennt sich "Ansprechpartner für Männer" und arbeitet bisher sieben Stunden pro Woche. Von September an soll er befristet eine halbe Stelle bekommen.

Der 52-jährige Sozialpädagoge ist seit Jahren freiberuflich hauptsächlich in der Jungen- und Männerarbeit tätig und lehrt an Hochschulen über Männerfragen. In Nürnberg ist seine Stelle im Büro der Frauenbeauftragten angesiedelt. Im Interview erzählt er, warum Männer dort bisher nur selten anrufen.

SPIEGEL ONLINE: Warum braucht Nürnberg einen Männerbeauftragten?

Becker: Nicht nur Nürnberg braucht einen Männerbeauftragten, sondern jede größere Kommune in Deutschland. Frauen können sich an Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte wenden. Dieses Amt ist historisch gewachsen wegen der Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft. Natürlich können auch Männer sich jederzeit melden. Aber welcher Mann ruft bei der Frauenbeauftragten an?

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte er?

Becker: Auch Männer werden in Deutschland diskriminiert. Es existieren noch immer Rollenklischees, dazu zählt die Vorstellung von männlicher Stärke. Bei häuslicher Gewalt zum Beispiel denken wir in der Regel an Männer als Täter. Aber in immerhin 15 Prozent der Fälle sind Männer Opfer. Und nun stellen Sie sich einen Polizisten vor, der hört: "Meine Frau schlägt mich."

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun in diesem Fall?

Becker: Zunächst einmal geht es darum, den Mann ernst zu nehmen und zu unterstützen, zum Beispiel indem man eine Unterkunft besorgt und ihn zur Polizei begleitet. Zudem will ich ein öffentliches Bewusstsein für solche Fälle und Themen von Männern schaffen. Und dann wäre es zum Beispiel gut, auf dem Revier einen besonders geschulten Polizisten zu haben, der die Sache ernst nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Ihre tägliche Arbeit aussehen?

Becker: Ich werde Sprechstunden abhalten, Gespräche führen mit Jugendämtern, mit Gesundheitsämtern, mit der Politik. Es gibt viele Themen, zum Beispiel Vatersein. Wie klappt das mit dem Geld? Wie lässt sich erreichen, dass Männer nicht kritisch beäugt werden, wenn sie sich um Kinder kümmern? Viele sehen Erziehung ja noch immer als Aufgabe der Mutter und werten Männer damit ab.

SPIEGEL ONLINE: Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?

Becker: Die Stelle ist zunächst bis Mai befristet, dann muss die Stadt entscheiden, ob es weitergeht. Es gibt nicht das eine große Ziel. Ich würde gern Kooperationen anregen, mehr Angebote schaffen, zum Beispiel mehr psychologische Betreuung für Männer. Zurzeit bin ich damit beschäftigt, einen "Ratgeber für Männer" zu konzipieren. Der Flyer soll unbürokratisch Hilfe anbieten.

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