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Das Joghurt? Der Joghurt?

Ortstermin: Wie in einem Hamburger Klassenzimmer türkische Gemeindevorsteher Deutsch lernen
Von Ralf Hoppe
aus DER SPIEGEL 12/2007

Zehn Uhr, Pause, die Imame, voran die Herren Demirezen, Düzenli, Osman, aber auch Frau Demirci sowie Herr Özdogan, stürzen Richtung Klassenzimmertür, wo der elektrische Samowar bereits pufft und dampft, wo es Tee gibt, Çay, Plastikbecher werden verteilt, Herr Özdogan reicht fröhlich die Schachtel mit dem Würfelzucker herum.

Herr Bonus ist sitzen geblieben. Er ist der Lehrer, Manfred Bonus, graue Hose, grauer Pullover, graues Haar, Augenringe, müdes Gesicht. Bonus raschelt mit den Fotokopien.

»Ach, könnte wohl jemand frische Luft reinlassen?«, er deutet matt Richtung Fenster.

Keine Reaktion, am Samowar ist ein Streitgespräch entbrannt: »Ich will das Joghurt essen«, behauptet Herr Demirezen.

»Will den Joghurt essen«, widerspricht Herr Özdogan, nicht minder überzeugt.

»Das Joghurt essen!« - so schnell gibt Herr Demirezen nicht auf.

»Den Joghurt!« Herr Peken hat sich eingeschaltet, die Sache gewinnt an Schärfe. Und was meint der Lehrer? »Es geht beides«, sagt Bonus, blickt in verdutzte Gesichter, seufzt. »Ich will's mal so sagen, Sprache ist eben dynamisch, ich meine: immer in Bewegung.«

Worauf die Debatte am Samowar weitergeht, durchaus dynamisch, sogar laut, klingt wie »Ürre-gürre-bürr«, so kommt es Herrn Bonus vor, er wirkt milde betäubt.

Er schlurft zum Fenster, öffnet es, Autolärm brandet herein. Herr Özdogan stellt ihm einen Becher hin, strahlt: »Die Tee, bitte.«

Das türkische Gemeindezentrum Hamburg-Hamm, Borstelmannsweg 68, ist ein Backsteinbau mit senfgelber Metallblende, rechts ein Gemüseladen, ein Reisebüro, im Schaufenster neben Istanbul-Flügen, 118 Euro, auch eine verstaubte Wanduhr, 7 Euro. Gegenüber das mit griechischen Säulen dekorierte »Hellas Pizza House«. Grauer Himmel. Es nieselt.

Im ersten Stock des Gemeindehauses befindet sich das Klassenzimmer. Resopaltische, grüne Polsterstühle mit Brandlöchern - und genau hier, unter der gelbgerauchten Decke, sehr weit weg von hauptstädtischen Islam-Konferenzen und politischen Phraseologien, wird der Kampf um die Integration geführt. Es ist ein Grabenkrieg, und Männer wie Bonus sind die heimlichen Helden. Imame lernen Deutsch: ein Pilotprojekt, läuft seit einem Monat, elf Theologen sollen Mittler sein zwischen den Welten, Emissäre in den Parallelgesellschaften. Die Lehrer müssen bei null anfangen, obschon ihre Schüler seit Jahren hier leben.

Einer von ihnen ist Ali Özdogan, 39 Jahre alt, sitzt vorn links am Samowar, verheiratet, drei Kinder, stammt aus Afyon. Dort war er Stadtteil-Imam, anschließend studierte er zwei Jahre Theologie, ein netter Kerl, rundlich, bärtig.

Herr Özdogan, warum machen Sie diesen Kurs?

»Imam gut, wenn sprech.« Er merkt, dass der Satz noch wackelt, lacht ein bisschen über sich selbst, dann erzählt er auf Türkisch, wie er sich drei Jahre sprachlos gefühlt habe, wie unsichtbar. Und für seinen Seelsorger-Job wäre Deutsch eben hilfreich. Und er mag Deutschland. Und nächstes Jahr geht er zurück nach Afyon.

Aber kommt der Kurs nicht zu spät?

Er nickt, ja, schon, »aber ist egal«.

Manche Imame kommen aus Geesthacht, Winsen, Lauenburg, weite Wege mit Bus und S-Bahn - aber sie seien Musterschüler, sagt Bonus, Punkt 8.30 Uhr beugen sich die neun Männer und zwei Frauen über ihre Modalverben. Der Samowar wird jetzt ausgeschaltet, es geht weiter.

»Ich kann grillen, du kann grillen, er kann grillen«, sagt Herr Özdogan, »es heißt ,kannst'«, verbessert Lehrer Manfred Bonus.

Jetzt soll jeder sein Hobby erklären. Fünf nennen »Autofahren«, Klima hin, Klima her, zwei spezifizieren: »Autofahren auf Autobahn«.

Tatsächlich ist Deutschland ein Land mit seltsamen Hobbys, seltsamen Welten, die nebeneinander existieren.

Und die Imame? Nach einer Studie der Humboldt-Universität in Berlin haben die in Deutschland lebenden Vorbeter aus der Türkei und den arabischen Ländern vom Leben hier oft keine Ahnung.

Herr Özdogan, am Zeitungskiosk sehen Sie nackte Frauen, abends laufen Soft-Pornos im Fernsehen - wie halten Sie das aus?

Mag er nicht, diese Frage. Antwortet trotzdem.

»Anfangs, als wir herkamen, habe ich mich sehr geschämt. Männer und Frauen küssten sich im Park, ich wusste nicht, wohin schauen. Inzwischen geht es. Doch für Kinder und Jugendliche ist es gefährlich!«

Schätzungsweise zwischen 3000 und 4000 Imame leben in Deutschland, die meisten sind Türken. Viele kommen mit Frau und Kindern, hergeschickt und bezahlt aus Ankara, für vier Jahre, ansonsten bekämen sie einen »verfestigten Aufenthaltsstatus«. Sie sind Prediger, Hausmeister, Erziehungsberater, Leitfigur - und insofern war die Idee der Türkischen Gemeinde Hamburg so simpel wie einleuchtend: Wir besorgen Geld aus dem Europäischen Sozialfonds, holen uns Lehrer, schnappen uns die Multiplikatoren.

Elf Uhr, Unterrichtsende. Bonus verteilt Hausaufgaben.

Herr Özdogan, angenommen, ein türkisches Mädchen aus frommer Familie wollte zum Schwimmunterricht, würden Sie das erlauben oder verbieten?

Er zögert. »Es wäre eine Sünde.« Er denkt nach. »Aber ich würde es erlauben.«

Tatsächlich?

»Aber wenn das Mädchen wirklich aus frommer Familie wäre, würde es diesen sündigen Wunsch gar nicht verspüren!«

Er lacht, die Antwort war gut, die anderen gratulieren. Und dann müssen sie los, zurück nach Geesthacht, Norderstedt, zum Mittagsgebet. RALF HOPPE

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