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GLOBALISIERUNG Das Labor der Weißen

Die Dritte Welt verklagt die Erste Welt, es geht um neun Milliarden Dollar: Mitte der neunziger Jahre soll der US-Pharmakonzern Pfizer an ahnungslosen nigerianischen Kindern ein Medikament gegen Hirnhautentzündung getestet haben. Elf Kinder starben, viele blieben behindert. Von Hauke Goos
aus DER SPIEGEL 46/2007

Es gibt Tage, da hat Babatunde Irukera das Gefühl, dass eigentlich nichts mehr schiefgehen kann. Nicht angesichts der Beweise, die er zusammengetragen hat, der Briefe, Berichte und Protokolle, all der Zeugen. An solchen Tagen hält er es für möglich, dass es, nach elf langen Jahren, doch noch Gerechtigkeit geben könnte: für die Kinder von Kano, für sein Heimatland Nigeria, für Afrika.

An einem Morgen Anfang Oktober etwa sitzt Irukera in seinem Hotel beim Frühstück, als die Tür aufgeht und ein alter Mann hereinkommt. Irukera kennt ihn, sie haben sich am Tag zuvor im Gericht getroffen. Die Hand des Alten umklammert eine Plastiktüte.

Er zieht eine zerknitterte rosa Pappkarte aus seiner Tüte, die abgerissene Hälfte eines Aktendeckels. »Pfizer Meningitis Study«, liest Irukera oben links auf einem ehemals weißen Aufkleber, darunter eine Nummer: »Pf 0001«.

Patient 0001.

Babatunde Irukera ist Anwalt. Er vertritt das Land Nigeria und den nigerianischen Bundesstaat Kano gegen den amerikanischen Pharmakonzern Pfizer. 1996 waren Zehntausende Nigerianer an Hirnhautentzündung (Meningitis) erkrankt. Pfizer soll die Epidemie dazu benutzt haben, ein neues, nicht zugelassenes Medikament zu testen. Elf Kinder starben dabei, andere sind seither taub, blind oder geistig behindert. Der Fall wird nicht in den USA verhandelt, sondern in Kano und Abuja, Nigerias Hauptstadt.

Der alte Mann, ein ehemaliger Journalist, hatte zwei Jahre lang nach Teilnehmern jenes Medikamententests geforscht, irgendwann war er fündig geworden: in den Slums von Kano, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats im Norden Nigerias, dort, wo vor elf Jahren die Meningitis wütete.

Die rosa Karte gehört zu einem Kind, damals fünf Jahre alt, männlich, 25 Pfund schwer. Auf der Karte stehen nur seine Initialen: »A. M.«. Am 3. April 1996 war A. M. eingeliefert worden, drei Kontrolltermine sind mit schwarzem Filzstift auf der Karte vermerkt. Am 14. Mai sollte der Junge ein letztes Mal ins Krankenhaus kommen, zur abschließenden Untersuchung.

Irukera starrt auf die Karte. Patient 0001 müsste heute 16 Jahre alt sein. Ihn würde interessieren, sagt Irukera, ob der Junge an Spätschäden leide. In den Verfahren gegen Pfizer geht es um insgesamt über neun Milliarden Dollar Schadensersatz, Irukera muss strategisch denken.

Babatunde Irukera ist ein junger Anwalt, vor kurzem ist er 39 geworden. Er hatte bisher Fälle, in denen es um Einwandererrechte und Diskriminierung am Arbeitsplatz gegangen war. Pfizer ist das größte Pharmaunternehmen der Welt: 100 000 Beschäftigte, 48 Milliarden Dollar Umsatz - mehr als die Hälfte des nigerianischen Sozialprodukts.

Vier Verfahren gegen Pfizer sind es insgesamt, zwei in Kano und zwei in Abuja, jeweils ein zivilrechtliches und ein strafrechtliches. Für Irukera und sein Team von Anwälten wird es darauf ankommen, den Nummern der Pfizer-Patienten Namen zu geben und den Namen Gesichter, Schicksale. Pfizer habe die Patienten wie Labormäuse behandelt, hat der Anwalt in die Klageschrift geschrieben.

Pfizer hat geantwortet, dass der Einsatz in Nigeria eine »humanitäre Geste« war, man könnte auch sagen: ein Akt der Nächstenliebe.

Anfang 1996 war das, Nigeria wurde von der schlimmsten Meningitis-Epidemie der Geschichte heimgesucht. Am Ende zählten die Behörden über 11 000 Tote.

Pfizer entwickelte damals gerade ein neues Antibiotikum, es hieß Trovan und sollte die Vermehrung von Bakterien hemmen.

Solche Medikamente werden vor allem in Krankenhäusern eingesetzt, hauptsächlich gegen Blutvergiftungen. Sie sind, wegen ihrer erheblichen Nebenwirkungen, für Kinder nicht geeignet. Zu groß ist die Gefahr von Knorpel- und Gelenkveränderungen, zu groß das Risiko, die Leber zu schädigen.

In der Regel werden solche Mittel direkt in die Vene gespritzt, weil sie nur so zuverlässig wirken. Erste Tests hatten bei Pfizer die Hoffnung geweckt, dass Trovan auch dann anschlagen könnte, wenn man es als Tablette schluckte - offenbar hoffte Pfizer, mit dieser Neuerung den Marktführer von Bayer übertreffen zu können. Trovan, hieß es, habe das Potential zu einem »Blockbuster«.

Aber Pfizer hatte ein Problem: Für die Zulassung durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA fehlte noch eine klinische Studie. Pfizer hoffte offenbar, mit dieser Studie zugleich den Nachweis erbringen zu können, dass das neue Medikament auch für Kinder verträglich sei. Für Pfizer kam die Meningitis-Epidemie in Nigeria deshalb wie gerufen.

Denn in den Industrieländern finden sich kaum Eltern, die bereit sind, ihre Kinder für einen klinischen Test zur Verfügung zu stellen. Die Konzerne weichen deshalb gern in die armen Länder der Erde aus: nach Indien etwa oder Südamerika, nach Bangladesch, Thailand - oder eben nach Afrika. Die Kranken sind hier so arm, dass es ihnen egal ist, ob die Medizin, die sie bekommen, zugelassen ist oder nicht. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Entwicklungsländer zu einem riesigen Versuchslabor entwickelt.

Irgendwann im Frühjahr 1996 bot Pfizer der nigerianischen Regierung seine Hilfe an. Ende März startete ein Ärzteteam Richtung Afrika.

In Kano angekommen, ließen die Amerikaner erkennen, dass es sich bei der humanitären Hilfe in Wahrheit um einen Medikamententest handelte. Ärzte wählten 200 kranke Kinder für den Versuch aus. Sie sollten mindestens drei Monate alt und jünger als 18 Jahre sein, sie durften nicht HIV-infiziert sein oder unterernährt. Ein Medikament wie Trovan zur Marktreife zu bringen kostet viel Geld, im Schnitt rund 900 Millionen Dollar. Pfizer wollte keinen Fehler machen. Die eine Hälfte der Kinder bekam Trovan, die andere Rocephin, ein

Konkurrenzprodukt des Schweizer Herstellers Hoffmann-La Roche.

Als der Versuch fünf Jahre später öffentlich wurde, begann ein Streit um grundsätzliche Fragen, auf die der Anwalt Irukera und die Firma Pfizer gegensätzliche Antworten geben: Ist es zulässig, inmitten einer tödlichen Epidemie ein Medikament auszuprobieren? Ist es vertretbar, Medikamente, die der Ersten Welt zugutekommen, in der Dritten Welt testen zu lassen, von Menschen, die sich diese Medikamente nie würden leisten können?

Arzneimittel, das ist unbestritten, müssen getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen, auch an Menschen; das Risiko ist ein integraler Bestandteil des Tests. Im Kern geht es um die Frage, wer das Risiko trägt, wessen Leben man bei diesen Versuchen aufs Spiel setzen darf.

An einem warmen Vormittag Anfang Oktober steht Babatunde Irukera in seinem Büro in Lagos am Fenster und blickt aus dem 9. Stock aufs Meer. Er hört das Gehupe von Mopeds, Taxis und Bussen, er sieht Lastwagen und Kleinhändler, die zwischen den Autos Bananen, Gartenscheren oder Telefonkarten anbieten.

Irukera trägt ein hellblaues Hemd mit makellos weißem Kragen, eine dazu passende Krawatte und einen dunklen Anzug; sollte dieser Fall verfilmt werden, wäre das eine perfekte Rolle für Denzel Washington.

In zwei Stunden will er zu einem wichtigen Gerichtstermin in dieser Sache nach Kano fliegen, dorthin, wo vor elf Jahren das Zentrum der Epidemie war. Er will die Klage gegen Pfizer erweitern. Es ist ein taktischer Antrag, ein Signal an Pfizer. »Damit sie verstehen, wie groß ihr Problem ist«, sagt er.

Vor elf Jahren hat Irukera sein Heimatland Nigeria verlassen. Er war seiner Frau in die USA gefolgt, die dort eine Ausbildung begann, heute ist er Partner einer Kanzlei in Chicago. Im Taxi zum Flughafen hält er in der linken Hand ein Handy und in der rechten seinen Blackberry. Es ist halb drei am Nachmittag, aus Chicago treffen die ersten Mails ein. Irukera besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Er kämpft für seine alte Heimat, gegen die neue.

Trovan war vor 1996 noch nie oral an Kindern getestet worden, die an Meningitis erkrankt waren. Meningitis-Patienten leiden häufig unter Übelkeit, die Gefahr ist groß, dass sie das Medikament erbrechen, bevor es wirkt. Dem Arzt bleibt bei der Behandlung wenig Zeit, um Hirnschäden zu verhindern; nur die Injektion gibt ihm die Sicherheit, dass das Medikament schnell wirkt. Wie konnte man diesen Kindern Trovan oral geben?, fragte sich Irukera. Ihm wurde klar, dass es der Fall seines Lebens werden könnte.

Offenbar hatte das Pfizer-Team gleich gegen mehrere Grundregeln verstoßen. Patientin 0069 etwa, ein kleines Mädchen, hatte am ersten Behandlungstag 56 Milligramm Trovan bekommen. Obwohl sich ihr Zustand deutlich verschlechterte, blieben die Ärzte bei dieser Dosis. Am dritten Tag starb das Mädchen. Internationale Richtlinien für klinische Studien schreiben vor, dass Patienten, die auf das Testmedikament nicht reagieren, sofort aus der Studie genommen werden müssen - zumal mit Rocephin ein bewährtes Mittel zur Hand gewesen wäre.

Er habe lange überlegt, was für Pfizer sprechen könnte, sagt Irukera und macht eine kleine Pause. »Mir ist nichts eingefallen.«

Anfang Mai 2007 reichte Nigeria Klage gegen Pfizer ein. Die Klageschrift enthält 85 Punkte, die Vorwürfe umfassen Arglist, Täuschung und Betrug. Irukera glaubt, dass er nichts vergessen hat. Die Prozesse befinden sich noch in der Vorbereitungsphase; im Moment sieht es so aus, als ginge es vor allem für Pfizer darum, Zeit zu gewinnen.

Am nächsten Morgen, vor dem Gerichtsgebäude in Kano, wartet ein Vertreter der Staatsanwaltschaft auf Irukera. Der Staatsanwalt hat sich entschlossen, die Anklage gegen Pfizer um den Punkt »Totschlag« zu erweitern. Irukera lächelt.

Er trägt jetzt eine Robe, Stehkragen und Perücke. Erst im Gerichtssaal steckt er seinen Blackberry in die Tasche seiner Weste. Während er seine Sache vorträgt, bietet ihm der Pfizer-Anwalt, der neben ihm sitzt, plötzlich einen Deal an. Wenn Irukera seinen Antrag zurückziehe, flüstert er, verzichte Pfizer auf seinen eigenen Antrag, der fertig auf dem Tisch liegt. Irukera macht eine kurze Pause, beugt sich zu dem Kollegen hinunter, die beiden tuscheln. Dann richtet Irukera sich wieder auf. Er strafft sich, dann fährt er mit seinem Antrag fort, als hätte es die Unterbrechung nicht gegeben.

Als er nach der Verhandlung aus dem Gerichtssaal tritt, redet draußen gerade ein Abgeordneter der People's Salvation Party auf die versammelten Journalisten ein, er trägt eine Kappe und ein weites, traditionelles afrikanisches Gewand. Der Prozess werde ewig dauern, ruft er, die Amerikaner hätten einen Haufen Anwälte, sie beherrschten alle Tricks. »Wir als Afrikaner haben keine Chance.« Amerikanische Firmen seien ohne Mitleid, »denen ist es egal, ob bei uns 20 000 sterben, solange sie Gewinn machen«.

Nach dem Gerichtstermin gibt der Staatsanwalt eine kurze Pressekonferenz. Es sei gelungen, sagt er, einige der Nummern und Initialen auf den Patientenlisten zu identifizieren. »Wir sind keine Nummern«, sagt er. »Wir sind menschliche Wesen.«

Am nächsten Morgen fliegt Irukera in die Hauptstadt Abuja, 40 Flugminuten von Kano entfernt. Er ist mit Idris Mohammed verabredet, seinem womöglich wichtigsten Zeugen. Mohammed, 65 Jahre alt, ist Medizinprofessor, ein untersetzter, freundlicher Herr, der damals im Auftrag der Regierung die Hilfsmaßnahmen koordinierte. Neben der Meningitis kämpften die Helfer auch noch gegen Masern und Cholera; es sei, sagt Mohammed mit feinem Lächeln, keine besonders gute Gemengelage gewesen, um ein neues Medikament auszuprobieren. Mohammed war derjenige, der damals von Pfizer Genehmigungsschreiben verlangte und, als er sie nicht bekam, die Einstellung des Tests anordnete.

Das Team des US-Konzerns bezog seinerzeit im Hospital in Kano Quartier,

direkt neben den »Ärzten ohne Grenzen«. Die Eltern der kranken Kinder glaubten offenbar, die Pfizer-Leute seien Mitarbeiter der Hilfsorganisation. Erst als die »Ärzte ohne Grenzen« mit der Abreise drohten, bezog Pfizer zwei Räume in einem Trakt, der sich etwas abseits befand, einem eingeschossigen Bau mit vergitterten Fenstern. Eine Gittertür schirmte das Team gegen die Kranken ab, die sich im Innenhof drängten. Die Pfizer-Ärzte verhängten die Tür zusätzlich mit einem Sichtschutz.

Gleich zu Beginn habe er den Chef der Amerikaner getroffen, sagt Mohammed. Für wen das Medikament gedacht sei, habe er wissen wollen, niemand in Afrika könne es sich leisten. Nein, habe der Arzt geantwortet, es sei für die USA und die reichen Länder in Europa entwickelt worden.

Einmal, sagt Mohammed, habe er gesehen, wie ein junger Pfizer-Arzt einem etwa vier Jahre alten Kind Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnahm. Für die Diagnose der Meningitis reichen drei, höchstens vier Tropfen; er habe jedoch beobachtet, sagt Mohammed, dass der Arzt mehr als 50 Tropfen entnommen habe.

Mohammed befürchtete, dass das Leben des Kindes in Gefahr war. Hirnflüssigkeit schützt das Gehirn vor Erschütterungen, sie wirkt wie ein Polster; ein Erwachsener hat etwa 120 bis 200 Milliliter davon, ein Kleinkind deutlich weniger. Entnimmt man zu viel, besteht das Risiko, dass das Stammhirn in die Öffnung des Rückenmarkkanals gedrückt wird. Lebenswichtige Zentren im Stammhirn können dadurch geschädigt werden, im schlimmsten Fall drohen Lähmung oder Tod.

»Was glauben Sie, wie viel Hirnflüssigkeit in so einem Kind ist?«, fragte Mohammed den Arzt.

»Eine Menge«, sagte der Arzt.

»Wie viel ist ,eine Menge' für Sie?«

»Mehr als ein Liter.«

Eine Stunde später starb das Kind.

Pfizer hatte Mohammeds Anweisung, den Test einzustellen, ignoriert. Erst Mitte April, nachdem das 200. Kind behandelt worden sei, sagt Mohammed, habe das Team seine Sachen gepackt und sei nach Hause geflogen. »Die ,humanitäre Geste' endete, als die Epidemie ihren Höhepunkt erreichte.«

Die Slums, von denen aus sich die Meningitis damals ausbreitete, liegen in den Außenbezirken von Kano, die Fahrt geht über Staubpisten mit tiefen Schlaglöchern, vorbei an Obsthändlern, Müllsammlern und Moscheen. Männer dösen im Schatten dürrer Bäume, auf einer Tankstelle weiden Ziegen. Auf Reklametafeln wirbt eine Sportartikelfirma mit dem Slogan: »Celebrate. Success.«

Irgendwo hier, in einer kleinen, engen Gasse, wohnt Zaharadeen Abdullah. Er ist heute 18 Jahre alt. Er war sieben, als er an Meningitis erkrankte. Zaharadeen ist das sechste von zehn Kindern, seine Eltern können weder lesen noch schreiben.

Pharmaunternehmen müssen, bevor sie ein Medikament an Kindern testen, das Einverständnis der Eltern einholen, auch in der Dritten Welt. Sie müssen den Eltern klarmachen, dass es um ein Medikament in der Erprobung geht, dass Sicherheit und Wirksamkeit also nicht bekannt sind. Die Eltern müssen darüber aufgeklärt werden, dass es alternative, bereits erprobte Medikamente gibt. Und sie müssen wissen, dass sie das Recht haben, den Test jederzeit zu verlassen.

Sie hätten von der Hilfe der weißen Ärzte aus dem Radio erfahren, sagt Zaharadeens Mutter. Was haben die weißen Ärzte ihr erzählt? »Nichts«, sagt sie. »Sie schrieben Zaharadeens Namen auf, dann gaben sie ihm eine Tablette. Danach gingen wir heim.«

Zaharadeen litt von Anfang an unter Lähmungserscheinungen, die Muskeln in seinen Beinen fühlten sich heiß an, sagt er. Noch heute sind die Schmerzen manchmal so groß, dass er wochenlang auf einer Matratze liegen muss.

Nur eine Straße weiter lebt Safiya Sani Isa, deren Sohn den Test nicht überlebte.

Haben sich die Ärzte als Pfizer-Mitarbeiter vorgestellt?

Nein, sagt sie. »Wir dachten, sie seien gekommen, unseren Kindern zu helfen. Wir wussten nicht, dass wir die Wahl hatten zwischen ihnen und den ,Ärzten ohne Grenzen'.«

Pfizer hat lange zu den Vorwürfen geschwiegen. Im Jahr 2001 versicherten seine Mitarbeiter vor einer nigerianischen Untersuchungskommission, der Test sei »frei von jedem kommerziellen Unterton« gewesen.

Weltweit bekannt war der Konzern in den vergangenen Jahren mit seinem Potenzmittel Viagra geworden. Pfizers Geschichte war eine Geschichte des Erfolgs gewesen, der Börsenwert des Unternehmens war innerhalb von drei Jahren von 66 auf 293 Milliarden Dollar gestiegen, es war nicht die Zeit, auf unbequeme Fragen zu antworten.

Doch jetzt, wo der Prozess bevorsteht, hat Pfizer seine Strategie geändert. Die Amerikaner wollen die Kontrolle zurückgewinnen.

Den Kontakt zur Konzernzentrale in New York organisiert eine Frau, die sich nur mit ihrem Vornamen meldet, Sharon. Sie fragt, was der Anrufer wissen wolle, mit wem er bereits gesprochen habe in Nigeria, wen er noch treffen werde. Zwei Tage später meldet sich Dr. Jack Watters aus dem New Yorker Hauptquartier, er ist Vice President for International External Medical Affairs, zuständig für »Corporate Responsibility« und »Human Rights«.

Watters hat einen britischen Akzent und eine angenehme Stimme; er verspricht, er werde sich Mühe geben, jede Frage zu beantworten.

Selbstverständlich, sagt Watters, hätten die Eltern ihr Einverständnis gegeben, allerdings mündlich; eine autorisierte Krankenschwester habe die Einverständniserklärung dann in ihrem Namen unterzeichnet.

Und die Nebenwirkungen? Die Gefahr für Knochen, Gelenke und Leber, gerade bei Kindern?

Seien damals nicht bekannt gewesen, sagt Watters. »Von den Nebenwirkungen

erfuhren wir erst, als Trovan auf den Markt kam, zwei Jahre nach dem klinischen Test.«

Watters ist seit 1994 bei Pfizer, er müsste es eigentlich besser wissen. Er müsste wissen, dass die Nebenwirkungen der Medikamentengruppe, zu der Trovan gehört, seit spätestens 1992 bekannt sind. Zudem verzeichneten die Pfizer-Leute in ihrem eigenen Test-Protokoll 1996 in Kano eine deutlich höhere Rate von Gelenkbeschwerden bei jenen Kindern, die mit Trovan behandelt worden waren. 15 Prozent der Versuchspatienten klagten über Schmerzen, notierten die Pfizer-Wissenschaftler, dreimal mehr als beim Vergleichsmedikament.

»Und Patientin 0069? Das Mädchen, an dem weiter experimentiert wurde, obwohl es ihr schlechter ging? Woran ist sie gestorben?«

Er sei mit den Einzelheiten dieses Falls nicht vertraut, sagt Watters, sorry.

Auch auf Anfrage wollte sich Pfizer zu den Einzelfällen nicht äußern.

Vor kurzem traf sich Babatunde Irukera, Nigerias Anklagevertreter, in London mit den Anwälten der Gegenseite zu Gesprächen. Danach hatte er das Gefühl, dass sie noch nicht einmal zur Hälfte begriffen hätten, um was es in diesem Prozess gehe. »Ich stellte ihnen eine Frage, und jede Antwort, die sie auf meine Frage gaben, machte die nächste Antwort schwieriger für sie«, sagt Irukera.

Er sitzt inzwischen auf dem Flughafen von Abuja, es ist später Nachmittag. Eine Maschine hat er verpasst, die nächste ist verspätet, ein Unwetter über Lagos. Aber Irukera ist ganz ruhig, fast heiter. Alles läuft nach Plan.

»Pfizer hat die Nigerianer in Kano behandelt, als ob das Leben eines schwarzen Kindes weniger wert wäre als das eines weißen Kindes«, sagt Irukera. Als er nach Chicago zog, vor elf Jahren, da bewunderte er die USA, ihr Selbstbewusstsein, ihre Größe. Je mehr er über den Trovan-Test herausfand, desto kleiner wurde das Land für ihn. »Plötzlich stellen die Amerikaner fest, dass sie es in Nigeria mit Schwarzen zu tun haben, die intelligent sind, niggers with brains«, sagt er und lacht.

»Warum macht ihr solche Versuche nicht mit Kindern aus Manhattan?«, hat er die Pfizer-Leute gefragt.

Pfizer bestreitet alle Vorwürfe. Es sei völlig unklar, ob die Kinder wegen des Tests gestorben seien oder an den Folgen der Meningitis; es sieht so aus, als würde der Konzern eine außergerichtliche Einigung bevorzugen. Wahrscheinlich wäre es auch eine juristische Sensation, wenn ein nigerianisches Gericht einen amerikanischen Konzern dazu verurteilen würde, Schadensersatz in Milliardenhöhe zu zahlen.

Möglicherweise ist alles eine Frage der Macht, nicht des Rechts, und kein Anwalt kann daran etwas ändern, kein Schriftstück und kein Opfer, das zufällig überlebt hat.

In einem Lehmhaus, mitten in einem der Slumviertel von Kano, lebt Anas Mohammed, Sohn von Mohammed Mustapha. Er ist 16 Jahre alt, das Haus ist ohne Strom und ohne fließendes Wasser; Anas teilt sich einen Verschlag mit seinen zwölf Brüdern.

Anas Mohammed, das ist A. M., Pfizers Patient 0001.

Sein Vater trug das kranke Kind damals zusammen mit seiner Frau ins Hospital, fünf Jahre alt, 25 Pfund schwer. Jetzt sitzen Vater und Sohn auf einer Schattenbank, der Himmel ist wolkenlos, bei 37 Grad.

Mohammed Mustapha, haben Ihnen die Ärzte im Krankenhaus damals irgendetwas erklärt?

»Nein.«

Hat Ihnen irgendjemand etwas erklärt?

»Nein.«

Haben Sie irgendetwas unterschreiben müssen?

»Nein.«

Haben Sie gewusst, dass die Ärzte nicht von »Ärzte ohne Grenzen« kamen, sondern von Pfizer, einem Pharmakonzern?

»Nein«, sagt Mohammed Mustapha und lächelt unsicher.

Er schiebt den Strohvorhang beiseite und wühlt in einer Kiste hinter seinem Bett, er sucht einen Ordner, in dem er Anas' Krankenkarte all die Jahre aufgehoben hat. Mit einem weißen Bürohefter in der Hand taucht er wieder auf, er hat jedes amtliche Schriftstück, das er in seinem Leben bekommen hat, aufbewahrt.

Er habe immer noch steife Knie, sagt Anas, sein Sohn. Lange war er in Behandlung deswegen, mit der Zeit ist es ein wenig besser geworden. Er hat die »humanitäre Geste« überlebt, aber richtig gesund wird er wohl nie wieder. Wenn er größere Strecken läuft, kommen sofort die Schmerzen zurück.

Anas geht in seinen Schlafraum, nach ein paar Minuten ist er zurück und hält eine Spritze aus rosa Plastik in der Hand. Oben an der Spritze befindet sich ein Rad; wenn man den Kolben hineindrückt, soll sich das Rad drehen und Funken sprühen.

Das Rad ist längst kaputt, aber Anas hat das Spielzeug aufgehoben, es ist sein einziges. Die Pfizer-Leute haben es ihm geschenkt, erzählt er, damals, nach der Abschlussuntersuchung, als Belohnung.

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