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FRAUEN Das Leiden der Betrogenen

Eine neue Art von Bekenntnisbüchern zieht international eine große Leserschaft in Bann: Autorinnen, deren Männer eine Geliebte haben, beschreiben ihr Eheunglück. Nun präsentiert eine Berliner Journalistin das Protokoll eines Liebesverrats.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Die Frau versteckt sich. Der dichte Pony hängt über den Rand ihrer Brille, deren Gläser die obere Gesichtshälfte abdecken. Von den Seiten ziehen sich Haarsträhnen wie ein Vorhang zu. Wenn sie das Kinn in die Hand stützt, verdecken ihre Finger den Mund. Dann ist die Frau, die sich Anita Lenz nennt, ganz verschwunden.

Anita Lenz ist ihr Künstlername, eine Tarnkappe über ihrer anderen Existenz als Berliner Journalistin und Sachbuch-Autorin. Wahrscheinlich braucht sie das Gefühl, unsichtbar zu sein, auch wenn es eine Selbsttäuschung ist - und sie wäre die Erste, die das zugeben würde. Denn Anita Lenz, 55, hat mit unerbittlicher Offenheit aufgeschrieben, was sie bei ihrer Recherche in sich selbst gefunden hat.

»Wer liebt, hat Recht« lautet der Titel ihres unlängst erschienenen Romans, der eigentlich eine Autobiografie ist und vom banalsten und dramatischsten Thema handelt, dem Liebesverrat: Sie entdeckt, dass ihr Mann nicht nur eine Geliebte hat, sondern seit kurzem mit dieser auch einen gemeinsamen Sohn.

Das Buch beginnt mit dem Satz: »Mein Mann betrügt mich, ich weiß es genau« - eine Feststellung, so einfach formuliert, dass die Zerstörungskraft ihrer Botschaft darüber fast verloren geht. Doch genau das macht die Faszination des Textes aus: Er ist ein radikales Protokoll von Eifersucht, Hass, Selbstanklage und dem Versuch, eine fast zerrissene Ehe wieder zusammenzuflicken.

Abrechnungen mit abtrünnigen Männern gelten derzeit auf dem Buchmarkt als Erfolgsgenre. In den letzten Monaten sind bereits zwei thematisch verblüffend ähnliche Bücher erschienen: In »Die erste Frau« erzählt die Pariser Schriftstellerin Françoise Chandernagor, 55, wie ihr Mann, der sie seit Jahren betrügt, sie zum Abendessen in ein teures Restaurant einlädt. Dort verkündet er ihr, dass er sie nun endgültig verlassen werde - wegen einer jüngeren Frau.

Die in New York lebende Französin Catherine Texier, 53, hat in »Geh weg, ich will dich« ihre Geschichte von Betrug und Trennung aufgeschrieben: Der Schriftsteller Joel Rose zieht nach qualvollen Wochen der Unentschiedenheit zu seiner Lektorin, die, wie er findet, mehr Glamour habe.

Chandernagor und Texier hatten zuvor Romane verfasst. Die autobiografischen Bekenntnisbücher aber wurden zu ihren größten Erfolgen: »Die erste Frau« stand auf Platz eins der französischen Bestsellerliste, »Geh weg, ich will dich« war ein Hit in den USA und wurde in zehn Länder verkauft.

Dabei sind die Ich-Erzählerinnen das Gegenteil jener patenten Heldinnen, welche die Frauenliteratur der neunziger Jahre zuhauf hervorgebracht hat. Die bekommen das Leben ohne Mann spielend leicht in den Griff, notfalls bringen sie die Macker, wie in Ingrid Nolls Kriminalroman »Die Häupter meiner Lieben«, eben um oder ruinieren - wie im Hollywood-Film »Die Teufelin« - die untreuen Ex-Gatten finanziell und gesellschaftlich.

Das Leben ist aber nicht so heiter, wie die Fiktion es vorgaukelt, vor allem ist es nicht so gerecht - und diese Erfahrung teilen offenbar Hunderttausende von Leserinnen mit den betrogenen und verlassenen Buch-Autorinnen.

Die Versprechen der Emanzipationsbewegung haben sich nicht erfüllt, die sexuelle Befreiung hat vor allem den Männern das Recht auf Hedonismus verschafft. Frauen jenseits der Menopause müssen immer noch zusehen, wie Männer in der Midlife Crisis mit einer Jüngeren ein neues Leben anfangen, mit oder ohne Kinder, aber immer in der Illusion, Alter und Tod noch mal hinausschieben zu können. Den »Machostolz, mit 55 Jahren noch mitgespielt zu haben«, diagnostiziert Lenz in ihrem Buch und wirft dem untreuen Mann und Jung-Vater vor: »Du hast mich alt gemacht.«

Chandernagors Buch ist voll von lautem Jammern, Selbstmitleid, Selbstgerechtigkeit und dem unverständlichen Festhalten an einem Mann, der ein Monster zu sein scheint; und auch Texier erschöpft sich in Vorwürfen, ohne je das eigene Versagen zu erkunden. Dagegen gräbt sich Lenz tief in die eigene Psyche und schaufelt hervor, was in 28 Ehejahren dort vergraben wurde.

Lenz und ihr Mann Helmut, ein Literaturprofessor, führen eine Fernehe: Sie wohnt bequem mit dem Hund in der großen Berliner Altbauwohnung, er reist am Wochenende aus Tübingen an. Seit Jahren geht das so, und sie denkt, er sei zufrieden mit der Lösung, weil sie es ist.

Als sie ihn kurz nach einem gemeinsamen Italien-Urlaub anrufen will, ist er nicht zu erreichen. Lenz schöpft Verdacht, wühlt später in seinen Quittungen herum und stellt ihn zur Rede. Erst gesteht er der misstrauischen Ehefrau die halbe, schließlich die ganze Wahrheit: Er hat eine 46jährige französische Geliebte und mit dieser seit ein paar Wochen einen Sohn, Michael. Lenz habe ihn »als Liebhaber ignoriert«, und deshalb »sei es einfach geschehen«.

Die Betrogene ist von diesem Moment an zerrissen zwischen dem Wunsch, ihren Mann zum Teufel zu jagen, und der Angst, ihn zu verlieren. Helmut bietet an, seine Geliebte und den Sohn zu verlassen, und in der gemeinsamen Verzweiflung dient dem Paar Sex plötzlich als Trost und Vergewisserung, aber auch zur Selbsttäuschung. Denn als Lenz mehr über Helmuts Liebschaft erfährt, wird ihr klar, dass die Geliebte nicht ungewollt schwanger wurde: Helmut hatte es darauf angelegt, mehr als die Frau sogar.

Lenz hat den Bericht einer Verlassenen, offenbar angetrieben von Zorn und Enttäuschung, innerhalb von nur sieben Wochen aufgeschrieben, zwischen dem 9. Dezember 1999 und 29. Januar 2000. Gedacht war er für sie selbst, für ihren Mann und für den gemeinsamen erwachsenen Sohn.

Wahrscheinlich erklärt die Tour de Force, in der »Wer liebt, hat Recht« entstand, die irritierende und faszinierende Distanzlosigkeit, mit der Lenz ihre widersprüchlichen Gefühle, ihre Liebe und ihre Eifersucht, ihren Selbsthass und ihre Selbstgerechtigkeit aufgeschrieben hat.

Auch das Pathos, mit dem Lenz ihr Liebesdrama beschreibt, ist unzensiert geblieben: »Hörst du nicht die Grillen in meiner Brust, lauter als alle Zikaden in den Pinien von Marseille«, schreibt sie. Und weiter: »Helmut hilf mir! Bitte. Bitte. Bleib bei mir und lass Frau und Kind im Stich, oder alles ist zu Ende.«

Die Schonungslosigkeit, mit der Anita Lenz sich betrachtet, wirkt dann fast erlösend - wenn sie etwa zugibt, ihr Leben lang keinen einzigen Orgasmus gehabt zu haben. Sie wirft sich auch vor, dass sie die Bedürfnisse ihres Mannes ignoriert habe: nach einer schönen Wohnung, nach den netten Bekannten, die sie in Berlin spontan einladen konnte, während er sein Sozialleben ausschließlich aufs Wochenende verlegen musste.

Sicherlich hat Lenz schon beim Schreiben mit dem Gedanken gespielt, ihre Szenen einer Ehe zu veröffentlichen. Als sie ihrem Verlagslektor gestand, sie könne das vereinbarte Sachbuch über einen SS-Hochstapler nicht termingerecht abliefern, gab sie ihm stattdessen das Ehe-Protokoll. Er las es und schlug sofort vor, daraus ein Buch zu machen.

»Mein Mann hat ein Baby bekommen, ich habe eine Kopfgeburt produziert«, sagt Lenz, »es gibt mir meine Selbstachtung und meine Würde zurück.« Sie wolle kein Opfer sein, sondern mit ihrem Mann gleichziehen, auch wenn sein Kind nach 18 Jahren immer noch da sei und ihr Buch, so prognostiziert sie, bestenfalls in der Bibliothek verstauben werde.

Schon deshalb möchte Lenz, dass »Wer liebt, hat Recht« auch als Roman bestehen kann. Aber so eindringlich das Buch als Fiktion auch wäre - seine Wucht und Überzeugungskraft gewinnt es aus dem Exhibitionismus der Autorin und aus der Tatsache, dass sich der Verrat tatsächlich so abgespielt hat.

Noch vor der Veröffentlichung des Buchs hatte Iris Berben Interesse angemeldet, in einer Verfilmung die Hauptrolle zu spielen. Inzwischen hat ihr Sohn Oliver den Stoff für seine Filmproduktionsfirma gekauft, die Regie wird Matti Geschonneck übernehmen.

Wo so viele Leserinnen und Leser sich für die Lebenskrise der Mittfünfziger interessieren, sind auch die Zuschauermassen nicht weit. Demnächst geht Iris Berben erst einmal mit dem Buch auf Lesereise, sie wird es auf CD lesen, und sie wirbt in Anzeigen.

Lenz selbst will nicht öffentlich auftreten. Sie hat vertraglich festgelegt, dass sie zu keiner Talkshow geht, und Lesungen kommen für sie höchstens irgendwo in der Provinz in Frage. »Ich will mein Privatleben schützen«, sagt sie. Ihr Buch endet am 1. Januar 2000, »und was danach passiert ist, bleibt meine Sache«.

Jedenfalls, solange es ihr gelingt, sich hinter dem Pseudonym Anita Lenz zu verstecken. MARIANNE WELLERSHOFF

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BÜCHER ZUM THEMA

Catherine Texier: »Geh weg, ich will dich«. Droemer Verlag, München; 232 Seiten; 34,90 Mark.

18 Jahre Ehe, zwei Töchter, die Protagonistin ist glücklich. Doch eines Tages erklärt ihr Mann mit kühlen Worten, dass er sie nicht mehr liebe - »du hast mich erstklassig angeschmiert«, schreibt Texier in ihrem so wütenden wie traurigen Bericht.

Anita Lenz: »Wer liebt, hat Recht«. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 188 Seiten; 16,90 Mark.

Die Ich-Erzählerin freut sich auf die Geburt eines Enkelkindes, als sie durch Zufall erfährt, dass ihr Mann gerade Vater geworden ist - er hat ein Kind mit einer anderen. Lenz schildert, wie sich Eifersucht mit einem verzweifelten Rest Liebe zu dem Betrüger mischt.

Françoise Chandernagor: »Die erste Frau«. Piper Verlag, München; 320 Seiten; 39,80 Mark.

Das Paar in diesem autobiografischen Roman führt eine so genannte offene Beziehung; lange glaubt die Frau, dass das gut für beide ist. Am Ende jedoch muss sie erkennen, dass dieses Modell »nur theoretisch funktioniert«. Der Mann verlässt sie - wegen einer Jüngeren.

* »Die Häupter meiner Lieben« (1999) mit Heike Makatsch, AndreaEckert, Christiane Paul.

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