Zur Ausgabe
Artikel 36 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DEBATTE Das Schluchzen des weißen Mannes

Sind die Gegner der Globalisierung, wie einst die 68er, »Kinder von Marx und Coca-Cola«? Eine neue Linke? Vordenker wie Kritiker der Bewegung erkennen eher eine diffuse »Gegenreformation«, einen bunten Mix aus Wut aufs Ganze und Sehnsucht nach Sinn. Von Reinhard Mohr
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 31/2001

Der erschossene Demonstrant Carlo Giuliani ist begraben, die rauchenden Trümmer in Genuas Innenstadt sind weggeräumt, und nicht wenige Protestler wie Staatsmänner sind gleich an die Urlaubsküsten Italiens weitergereist. Wäre da nicht der anhaltende Streit über den brutalen Polizeieinsatz in einem Nachtlager von Globalisierungsgegnern, dann könnte eine Woche nach dem gewalttätigsten G-8-Gipfel, den es je gab, das Geschehen wie ein böser Spuk erscheinen. Was war das eigentlich?

Eben noch galten all jene Zeitgenossen als mega-uncool und hoffnungslos vorgestrig, die nicht in irgendeinem weiß getünchten Start-up-Hinterhofbüro in Berlin-Mitte bis tief in die Nacht vor ihrer Website saßen, gleichzeitig online an der Börse spekulierten, Nasdaq wie Nemax im Auge behielten und sich per Internet über die weltweiten Kapitalströme auf dem Laufenden hielten: Das große Abenteuerspiel der New Economy segelte hart am Wind des Zeitgeists, und wer beim E-Commerce Webmaster-mäßig nicht richtig durchstartete, der hatte es nicht einmal verdient, das neue Tommy-Hilfiger-Shirt zu tragen.

Nun aber, schön parallel zum Niedergang von Aktienmarkt und E-Business, heißt es mit dem Bestsellertitel von Naomi Klein: »No Logo« - nieder mit dem Markenfetischismus von Nike, Gucci und Ferrari. Weg mit Werbung und Karriere, Kampf dem »Terror der Ökonomie«. Herbert Marcuse hätte seine Freude. Die »Große Verweigerung« lässt grüßen. Die »Kinder von Marx und Coca-Cola« sind wieder da.

Erfolg haben und »gut drauf sein« - das war gestern. Jetzt heißt es wieder: »Gut sein und darüber reden«. Mitten in der Spaßgesellschaft steht plötzlich das Elend der Welt auf der Tagesordnung - wie vor über dreissig Jahren, als die 68er gegen das Wüten des »US-Imperialismus« Sturm liefen. Ob Modeschöpfer Giorgio Armani oder PDS-Vize Diether Dehm, ob Subcomandante Marcos, abgehalfterte Greenpeace-Chefs, Talkshow-Moderatoren oder der Papst - immer länger wird die Liste der zumindest moralischen Unterstützer des Protests gegen den »nackten Ökonomismus« der neuen Weltherrscher.

Ein neues, globalgutes Gemeinschaftsgefühl breitet sich aus. Anders als '68: von E-Mail zu E-Mail, von Homepage zu Homepage, von Gipfel zu Gipfel. »Neoliberalismus« und »Globalisierung« lauten die modischen Zauberworte des Schreckens - doch sie sind nur die aktuellen Synonyme für den »Kapitalismus«, ein Begriff, der seit den achtziger Jahren ziemlich außer Mode kam.

Ein neuer Vulgärmarxismus, computergerüstet und medienfit, saugt soziale Ängste und Verliererressentiments gegen die scheinbar Mächtigen auf, die geradezu als präfaschistische Despoten abgemalt werden. Dabei verbinden sich zutreffende Problembeschreibungen mit selbstgerechtem Moralismus.

Es geht um den globalen Kapitalismus - was er freilich seit Jahrzehnten ist -, mehr noch, um den Untergang der zivilisierten Welt, Apocalypse now: »Will man verhindern, dass die Welt sich im 21. Jahrhundert endgültig in einen Dschungel verwandelt, in welchem die Räuber den Ton angeben, wird die Entwaffnung der Finanzmächte zur ersten Bürgerpflicht«, heißt es im inoffiziellen, recht kriegerischen Gründungsmanifest der französischen Gruppe Attac, die weltweit 50 000 Mitglieder zählen soll. Ihr Autor: Ignacio Ramonet von »Le Monde diplomatique«.

Doch halt: War es nicht die schwierigste - und schmerzhafteste - Übung der 68er-Linken gewesen, sich von der fundamentalen, marxistisch geprägten Kapitalismuskritik zu verabschieden, die sich nicht nur am historischen Exempel des osteuropäischen Sozialismus, sondern auch mit Blick auf die »Dritte Welt« als falsch herausgestellt hatte - von Europa ganz zu schweigen? Alles schon vergessen?

Gewiss geht nur eine Minderheit so weit wie die Wissenschaftsautoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch, die in ihrer neuesten Polemik gegen linkes Gutmenschentum ("Das Mephisto-Prinzip. Warum es besser ist, nicht gut zu sein") die Globalisierung als »einzige Alternative zu Armut und Unterentwicklung« beschreiben: »Globalisierung nützt der Umwelt, schafft Arbeitsplätze und führt zu fairem Handel zwischen armen und reichen Nationen.«

In den letzten 25 Jahren, so ihr Fazit, »konnten mehr Menschen der Armut entkommen als je zuvor in der Geschichte«. Kein Zweifel, die Demonstranten von Genua können dies nur als bösen Zynismus betrachten. Aber es ist ein Teil der Wahrheit.

Wird links wieder schick, Pardon, cool? Entsteht gar eine neue, antikapitalistische Massenbewegung, diesmal wirklich weltweit? Wird die Jugend, nach Technowahn und Partysucht, also wieder vernünftig, vulgo gesellschaftskritisch - Ende der oft beklagten Entpolitisierung?

Nichts wäre einfacher, als Ja zu sagen und von der Wiederkehr des Ewiggleichen zu sprechen, vom Yin und Yang des Zeitgeists, vom Auf und Ab zwischen Moral und Markt, Politik und Postmoderne, Protestbewegung und Spaßgesellschaft.

Doch Geschichte wiederholt sich nicht, und selbst da, wo im Rucksack-Outfit und in der pseudorevolutionären Rhetorik die Farce aufscheint, geht es nicht um ein Revival der Siebziger, des »roten Jahrzehnts«. Sicher, da ist wie einst vom »zivilen Ungehorsam« die Rede, von Widerstand und von jener »strukturellen« Gewalt, gegen die Steine und Molotow-Cocktails geradezu lächerlich und jedenfalls moralisch vernachlässigenswert erscheinen. Es gibt die weltweite Mimikry des Protests. Und es gibt das alarmistische Pathos der Weltrettung und des Rechthabens, den immergrünen Manichäismus von Gut und Böse.

Viel stärker aber, wie mächtige Katalysatoren jeder radikalen Abschaffungsutopie, wirken letztlich die gesellschaftliche Komplexität und ihre Ungleichzeitigkeiten, in die auch derjenige eingebunden ist, der das Ganze in Frage stellt.

Während in Genua der No-Globo-Kampf um die »rote Zone« tobte, feierten Hunderttausende Kinder der Globalisierung in Berlin die Love Parade. Während der deutsche Staat, rot-grün regiert, die Homo-Ehe gesetzlich einführt, wird Kanzler Schröder als Feind der Menschheit gebrandmarkt, als einer von acht Weltherrschern über sechs Milliarden Menschen.

Während die »Partei des Demokratischen Sozialismus«, die Ex-SED, ehemalige Staatspartei der DDR, beinah im Wochenrhythmus zumindest wahltaktisch altkommunistisches Gepäck abwirft, rüsten die vereinten Anarchos, Ökos, Protestanten, Zapatisten und Pazifisten linksideologisch auf.

»Genua, das war Mord, Widerstand an jedem Ort!« riefen Berliner Demonstranten vergangenen Donnerstag am Hackeschen Markt. Starke Worte sind wieder »in": »Ich habe so einen Hass auf diese Welt und wie sie läuft«, sagte eine Berliner Aktivistin und artikulierte damit jene Mixtur aus Aggression und Hilflosigkeit, die typisch ist für die Anti-Globo-Bewegung - für ihre Vehemenz und innere Widersprüchlichkeit: »Ihre Buntheit und gleichsam pointillistische Organisationsform spiegeln die neue Vielfalt und Flexibilität wider, die für die moderne Konsumgesellschaft insgesamt charakteristisch ist«, schreibt der Publizist Richard Herzinger. »Ihr eigenes Erscheinungsbild dementiert somit das Zerrbild von der totalen Diktatur kapitalistischer Mächte.«

Auch deshalb gehören die Globalisierungsgegner, im Gegensatz zu den Protagonisten von 1968, zur »systemim manenten Opposition«. Anders als die theoriebesessenen 68er verfügen sie weder über eine selbstbewusste Geschichtsphilosophie noch über eine politische Strategie, die den Weg weisen könnte zu einer ganz anderen, dann endlich gerechten Weltgesellschaft.

Doch jenseits aller Militanz entspricht der Gestus des Protests eher dem Status von Opfern der neuen Weltgesellschaft als dem von Tätern oder gar revolutionären Subjekten. So wie die »Seattle People« das krude »K-Wort« vom Kapitalismus scheuen, so vermeiden sie auch das »R-Wort« von der Revolution. Dem Furor fehlt das Futter, der revolutionäre Optimismus, der historische Fundus. Da ist kein »We shall overcome«, kein »We shall be released«, kein Morgenrot der Menschheitsgeschichte; eher die Aura von Maschinenstürmerei im Computerzeitalter, von moralischem Lobbyismus im Kampf gegen die Windmühlenflügel, gegen das bürokratische Regelwerk des internationalen Freihandels. WTO, IWF und Weltbank als »neoliberale« Feindbilder - das klingt anders als »Sex'n' Drugs'n'Rock' n'Roll«. Es fehlt die subjektive Dynamik des befreienden Aufbruchs. Der kritische Weltgeist ist müde geworden und klammert sich an die Kürzel des Bösen.

Womöglich offenbart sich erst jetzt das ganze Ausmaß des Utopieverbrauchs, den das 20. Jahrhundert hinterlassen hat: Das jämmerliche Scheitern sozialistischer Gesellschaftsentwürfe und die Katastrophe des Faschismus beschränken auch die Möglichkeiten des politischen Denkens dramatisch.

»Der zerstörte Traum« ist der Titel eines Essays von Joachim Fest über das »Ende des utopischen Zeitalters«, in dessen Verlauf beinah jede Großvision einer besseren Welt in den Abgrund von Terror und Gewalt geführt habe. Der Autor wünscht sich, die Menschen möchten in Zukunft doch bitte »ohne politische Erlösungsversprechen und doch wie Menschen leben können« - das Programm des aufgeklärten Pragmatismus.

Genau diese Ernüchterung aber, dieses scheinbare, 1989 von Francis Fukuyama ausgerufene »Ende der Geschichte« ist eine wesentliche Bedingung für die Globalisierungsgegner. Im Vakuum der entideologisierten, vollends säkularisierten Wirklichkeit, in der allein die Ökonomie zu zählen scheint, wachsen neue alte Bedürfnisse nach Sinn, radikaler Kritik und Gruppenzugehörigkeit.

Während Desillusionierung, Differenzierung und Individualisierung, jene Trias der Moderne, weiter das tradierte Ganze entzaubern, wächst zugleich die Sehnsucht nach diesem Ganzheitsgefühl, nach einer irgendwie versöhnten Welt. Angesichts der Komplexität und Virtualität weltweiter Prozesse braucht man Schuldige und Verantwortliche - konkrete Feindbilder.

Mit den spektakulären Gipfel-Inszenierungen von IWF, WTO, EU und G 8 hat das Böse jetzt wenigstens wieder Namen, Anschrift und Gesicht. Und, immerhin, der symbol- und medienbewusste Protest hat seine magischen Orte gefunden - Seattle, Prag, Davos, Göteborg, Genua. Sie sind zu wahren Pilgerstätten einer weltweiten Prozession geworden. Die Summe und Schärfe der zahllosen Anklagen gegen die verhängnisvolle »Globalisierung« machen, so scheint es, die antikapitalistische Weltrevolution geradezu unausweichlich. Dabei aber geht es vor allem um solche Reformen bei Welthandel und Finanzmärkten, die im Kreise der G 8 selbst diskutiert werden.

Das ist nicht der einzige Widerspruch: Deutsche Gewerkschafter, die sich jetzt bei Attac um das Wohl der Entwicklungsländer sorgen, wären die Ersten, die bei einer ausgeweiteten Zollbefreiung für Importe aus der »Dritten Welt« Alarm schlügen - gemeinsam mit der Agrarlobby: »Arbeitsplätze in Gefahr«. Ohnehin mischen sich bei der Verteidigung traditioneller Strukturen rechte wie linke Motive, reaktionäre Ressentiments und linksromantische Vorstellungen.

Was tun? So hätte Lenin gefragt. Wer gegen wen? Und, bitte sehr, wohin? Es gibt bis heute kein »Manifest« der Protestbewegung. Denn mehr als jede Theorie, die längst Historie geworden ist, mehr als jede noch so begründete Kritik an unhaltbaren Zuständen, mehr als alle Gefühlsausbrüche und militanten Aktionen zählt ein Motiv, das auch in Amerika seinen Widerhall findet: Es ist das »Schluchzen des weißen Mannes«, wie es der französische Schriftsteller Pascal Bruckner nennt, die Seelenpein und die Rituale des schlechten Gewissens im Herzen der einstigen Kolonialmächte.

Das Elend der Welt, egal worauf es im Einzelnen beruht, soll wieder gutgemacht werden. Von einem »ökumenischen Kirchentag« sprach denn auch die »Süddeutsche Zeitung«, bei dem die »Atavisten ihre Ethno-Tänze« aufführten und auf die Götzenbilder des Mammon einschlugen, um zum »wahren Glauben zurückzufinden": »Die Welt droht wieder fromm zu werden.«

Schuld und Sühne, die Revolution der Herzen. Pierre Bourdieu, Vordenker der Bewegung, hat es im Interview (SPIEGEL 29/2001) nur ein bisschen anders ausgedrückt: »Es handelt sich eher um eine Gegenreformation ... Man sehnt sich nach wahrer Politik - so wie damals nach wahrer Religion.«

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.