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Das Wunder von Chile: Fit, gesund, frohen Mutes

Foto: AP/ Chilean Presidential Press Office

Das Wunder von Chile "Diese Euphorie wird nicht halten"

Die 33 Wundermänner von San José sind glücklich wie nie zuvor, keiner hat ernsthafte Gesundheitsprobleme - im Krankenhaus zeigen sie sich bester Laune. Doch wie lange hält die Schicksalsgemeinschaft? Wann kommt der Rückschlag? SPIEGEL ONLINE über die wichtigsten Fragen nach der Rettung.

Copiapó - Sie trugen graue Shirts, Bademäntel, Pantoffeln - und immer noch die Sonnenbrillen, die ihre an Dunkelheit gewöhnten Augen schützen. Die 33 geretteten Minenarbeiter präsentierten sich am Donnerstag gutgelaunt im Krankenhaus von Copiapó und zeigten der Welt: Es geht uns blendend.

Die Kumpel haben das 69 Tage dauernde Martyrium in der chilenischen Mine San José körperlich fast unversehrt überstanden. Nur drei Männer wurden am Donnerstag noch stationär behandelt. Ein Bergarbeiter leidet unter einer Lungenentzündung, aber auch er kann nach Einschätzung der Ärzte bald entlassen werden.

Der chilenische Präsident Sebastián Piñera besuchte die Kumpel in der Klinik, setzte sich für ein Gruppenfoto in ihre Mitte und verkündete die endgültige Schließung des Unglücksbergwerks: "Diese Mine wird definitiv nie mehr öffnen." Die Verantwortlichen kämen nicht straffrei davon. Außerdem kündigte Piñera schärfere Arbeitsgesetze an, um die Sicherheit in den Bergwerken zu verbessern.

22 Stunden und 54 Minuten lang hatte die Welt an diesem Mittwoch mit angesehen, wie in der kargen Wüstenlandschaft im Norden Chiles ein modernes Wunder passierte. Nie zuvor hatten so viele Menschen so lange Zeit unter Tage überlebt - dann endlich wurden die 33 Männer aus der Tiefe geholt, in einer laut Piñera 10 bis 20 Millionen Dollar teuren Rettungsaktion. Fast einen Tag lang flimmerten von Fernsehschirmen in aller Welt die ergreifenden Szenen.

Was auffiel, was bleibt, was besonders bewegte - SPIEGEL ONLINE über Fragen, die nach der Wiederauferstehung der 33 die Welt beschäftigen:

Wann zerbricht die Gemeinschaft der Mineros?

Während ihrer unterirdischen Gefangenschaft sind die 33 Männer enge Vertraute geworden. "Es kann durchaus sein, dass einige der Freundschaften auch in Zukunft bestehen werden", sagt der Göttinger Trauma-Experte Stefan Jacobs.

Ebenso gut sei jedoch denkbar, dass sich Rivalitäten entwickelten, "spätestens wenn es um Geld und Aufmerksamkeit geht". Auch Männer, die sich unter Tage gut verstanden hätten, machten da keine Ausnahme, sagt Jacobs.

Wer schreibt das erste Buch? Wer erhält die höhere Gage für ein Exklusivinterview? Der Psychologe ist sicher: "Diese Fragen können zu dauerhaften Konflikten führen."

Wann kommt der Rückschlag nach der Euphorie?

"Die Euphorie wird ganz sicher nicht anhalten", sagt der Göttinger Trauma-Experte Stefan Jacobs. In den ersten vier bis sechs Wochen würden alle Betroffenen mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen haben: Alpträume, Angstattacken und Depressionen. Danach sollten sich die meisten jedoch wieder in den Alltag eingefunden haben. Etwa vier der 33 Männer würden auch nach sechs Monaten noch unter den Nachwirkungen leiden, schätzt der Psychologe. Sie müssten dann wegen posttraumatischen Belastungsstörungen längerfristig behandelt werden.

Bei ihrer Eingewöhnung sei vor allem der Medienrummel kontraproduktiv, sagt Jacobs. Die Geretteten bräuchten einen geschützten Raum und viel Ruhe. "Jemand, der so Extremes erlebt habt, braucht Zeit, sich wieder an den Alltag zu gewöhnen."

Warum sprachen die Arbeiter so druckreif?

"Gott war mit mir und der Teufel", sagte Mario Sepúlveda. "Ich habe schon viel erlebt, aber noch nichts wie das." Der Bergarbeiter dankte der Regierung und den Helfern vor Ort, den Ärzten, Psychologen: "Sie gaben uns unser Leben zurück - in 700 Metern Tiefe." Der Minero nutzte die Gelegenheit auch, um eine Botschaft an die Wirtschaft des Landes zu senden: "Wir können so nicht weitermachen. Es muss sich etwas ändern in der Arbeitswelt."

Die Kumpel waren sich der Aufmerksamkeit, die sie erwarten würde, schon unter Tage bewusst. Ein Journalist machte mit den Verschütteten vor ihrer Rettung Interviewtrainings. Er brachte ihnen bei, wie sie in Gesprächen die Kontrolle behalten und wie sie sich verhalten sollen, wenn sie eine Frage nicht beantworten möchten. "Wir werden sie auch darin schulen, vor einem Interview Regeln festzulegen", sagte ein Betreuer. "Einige reden schon davon, ein Buch zu schreiben."

Warum trugen die Männer bei ihrer Rettung keine Bärte?

Sie sahen weder verschwitzt, noch abgemagert oder verwahrlost aus. So, wie man es bei Männern vielleicht erwartete, die mehr als zwei Monate unter Tage verbringen mussten. Stattdessen stiegen aus der Rettungskapsel gutgelaunte und glattrasierte Mineros.

Vor ihrer Fahrt an die Oberfläche bekamen die Kumpel Rasierer samt Schaum in die Tiefe geschickt. "Es war ein Zeichen, dass sie gepflegt wieder nach oben kommen", sagt der Göttinger Psychologe Stefan Jacobs. Mit ihrem Äußeren hätten sie signalisiert: Wir sind wieder die Alten.

Unter Tage sei es für die Verschütteten sehr wichtig gewesen, einen Alltag zu simulieren, sagt der Psychologe. Dazu gehörten neben regelmäßigen Schlaf- und Essenszeiten auch das Waschen und Rasieren. "Alles, was Normalität bringt, hilft den Männer, diese extreme Situation besser zu verarbeiten."

Hinzu kommt: Über das gepflegte Äußere freuten sich neben den Ehefrauen sicher auch die vielen Kameraleute und Fotografen.

Warum wurde der schönste Kumpel als Erster nach oben gebracht?

Florencino Ávalos, 31, machte den Anfang, da war es in Deutschland kurz nach 5 Uhr am Mittwochmorgen. Den Ehemann und Vater beschrieben viele Zeitungen als psychisch stärksten, stabilsten Arbeiter unter Tage, als geschickten Techniker und nervenstarken Fachmann. Doch auffällig war auch, dass er von allen Verschütteten am besten aussah: Ihn zieren ein ebenmäßiges, freundliches Gesicht, warme Augen und volles Haar.

Überhaupt erscheint die Rettungsaktion im Nachhinein auch als sorgsam durchkomponiertes Medienspektakel. Die Rettungskapsel war in chilenischen Nationalfarben gehalten, die Kameras hatte man geschickt positioniert - der Macht der historischen Bilder, die anschließend um die Welt gingen, waren sich die Organisatoren des Einsatzes sehr wohl bewusst. Und so durfte auch der sieben Jahre alte Sohn des Bergmannes Ávalos eine Zeichnung vor die Objektive der Fotografen halten, die die Rettung seines Vaters zeigte. Gibt es etwas Rührenderes?

Warum warteten auf einen Arbeiter zwei Frauen?

Es schien wie eine Szene aus einer südamerikanischen Telenovela: Wochenlang zankten sich Ehefrau und Geliebte des verschütteten Bergmannes Yonni Barrios öffentlich darum, wer die wahre Frau an dessen Seite ist. Barrios hatte sich gewünscht, beide zu sehen, sobald er wieder an der Erdoberfläche ist. Nachdem er dann als 21. der 33 Kumpel der Rettungskapsel entstiegen war, umarmte der 50-Jährige schließlich vor den Kameras Susana Valenzuela - seine Geliebte.

Mit dem Privatleben und dem Streit der beiden Frauen beschäftigten sich die chilenischen Medien in den vergangenen Wochen ausführlich. Den Berichten zufolge ist Barrios seit 28 Jahren mit Marta Salinas, 58, verheiratet. Das Paar lebt aber seit Jahren nicht mehr zusammen. "Er hat mich zwar gebeten, bei der Rettungsaktion dabei zu sein, aber es hat sich herausgestellt, dass er auch die andere Dame gefragt hat", sagte Marta Salinas der Zeitung "El Espectador".

Wie hätten sich 33 Frauen unter Tage verhalten?

33 Bergleute mussten es gemeinsam in der verschütteten Mine aushalten. In einer solchen Extremsituation entstehe zwangsläufig eine besondere Gruppendynamik, sagt Sozialpsychologe Erich H. Witte. Der Professor aus Hamburg geht von sechs bis sieben Untergruppen aus, die sich bei den Bergleuten geformt haben müssen. Außerdem sei die gesamte Gruppe auf zwei Führungspersönlichkeiten angewiesen gewesen. "Einer ist für die sachliche Seite zuständig: die Organisation von Lebensmitteln und Wasser, den Kontakt zur Außenwelt", sagt Witte. "Der andere Gruppenführer kümmert sich um Beziehungsaspekte, er hat das Vertrauen der Gruppe und schlichtet Streitigkeiten."

Wie aber hätten sich 33 Frauen in dieser Zeit verhalten? Witte vermutet einen höheren Grad an Emotionalität. "Frauen und Männer haben in einer solchen Extremsituation das gleiche Maß an Angst, Frauen zeigen diese Angst aber eher, erscheinen eher depressiv als Männer", sagt der Sozialpsychologe.

Am schwierigsten sei die Situation allerdings, wenn Männer mit Frauen eingeschlossen würden. "Höchstwahrscheinlich würden die Frauen sehr stark behütet werden, das gäbe sicher Probleme", so Witte. Die Männer brächten sich eher in gefährliche Situationen, um die Frauen zu beschützen.

Wie viel Licht braucht der Mensch?

Die Männer müssen sich nun sehr langsam wieder an Sonne gewöhnen - Haut und Augen sind nach den zwei Monaten empfindlich. Übermäßige UV-B-Strahlung kann zu einer sogenannten Schneeblindheit (Keratitis solaris) führen. Daher mussten die Männer bei ihrem Aufstieg Sonnenbrillen tragen.

Für die Gesundheit hat der Sonnenlichtmangel keine gravierenden Folgen. Lebensnotwendig ist UV-Strahlung nur zum Aufbau von Vitamin D im menschlichen Körper. Das wiederum hilft ihm bei der Aufnahme von Kalzium, das für Aufbau und Erhalt der Knochen sorgt. Täglich 15 Minuten Sonnenstrahlung auf Gesicht und Hände reichen laut Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention aber aus, zu viel Sonne führe sogar wiederum zum Abbau von Vitamin D.

Zwar kann ein Vitamin-D-Mangel zu Knochenproblemen führen, "dieser tritt aber erst nach mehreren Monaten ein, nicht schon nach zwei", sagt Ingrid Moll, Direktorin der Hautklinik am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Außerdem bekamen die chilenischen Minenarbeiter nach ihrer Rettung im Lazarett Vitamin-D-Infusionen. Am problematischsten ist für den menschlichen Körper etwas ganz anderes als die Dunkelheit - das feuchtwarme Klima. "In diesem Milieu sind Hautinfektionen möglich."

Fest steht, dass die Arbeiter es besser überstanden haben als von vielen befürchtet - wie auch bei dem Besuch von Piñero im Krankenhaus zu sehen war.

Warum küssten so wenige Mineros ihre Frauen?

Die Begrüßungen zwischen den Mineros und ihren Familien schienen teilweise sehr zurückhaltend auszufallen. Waren sie reserviert, weil sie wussten, dass Millionen Menschen diese Bilder sehen? Der Hamburger Sozialpsychologe Erich H. Witte sieht eine Ursache in ihrer Sozialisation. "Sie sind daran gewöhnt, Stärke zeigen zu müssen. Das gilt für den Mann an sich und insbesondere für den chilenischen Mann, der unter bestimmten kulturellen Bedingungen aufgewachsen ist", so Witte. In Chile würden maskuline Eigenschaften hoch geschätzt.

Auch SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Klaus Ehringfeld sieht eine Erklärung in kulturellen Hintergründen: "Chilenen sind überwiegend sehr katholisch, sehr konservativ - und halten sich zumindest im öffentlichen Raum gern ein wenig bedeckt - zumindest die ältere Generation." Bei den Jüngeren habe sich das inzwischen verändert. "Man sieht in der Hauptstadt Santiago inzwischen auch lesbische Paare händchenhaltend."

Nach seiner Einschätzung könnte es für die zurückhaltenden Begrüßungen auch ganz private Gründe geben: "Das Verhältnis zwischen einigen Männern und ihren Ehefrauen soll nicht unbedingt das harmonischste sein."

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