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MEDIKAMENTE Das Wundermittel

Es gilt als Katastrophe der Vergangenheit: Contergan, das deutsche Medikament, das in den Sechzigern Tausende Kinder zu Krüppeln machte. Doch der Wirkstoff existierte fort - jetzt breitet er sich global aus. In Brasilien kommen immer wieder verstümmelte Babys zur Welt. Von Barbara Hardinghaus
aus DER SPIEGEL 15/2008

Eleneide und Adailton Rodrigues saßen nebeneinander im Wagen, sie fuhren durch die breiten Straßen São Paulos ins Krankenhaus, Eleneide würde ein Kind bekommen. Sie wussten, dass mit dem Kind etwas nicht stimmen würde, sie waren nervös deswegen in den Tagen und Monaten zuvor.

Ihre Tochter Natalie, die sieben Jahre alt war, wartete zu Hause darauf, dass ihre Eltern zurückkommen würden mit dem neuen Bruder, Miguel.

Am nächsten Tag, es war später Nachmittag, trugen die Eltern Miguel in das kleine Haus an der Rua Edgar 503. Natalie sah, dass ihrem Bruder die Arme fehlten, er hatte keine Beine und rechts nur einen Fuß.

Neulich im März dann, eineinhalb Jahre später, ist die Familie wieder, wie schon so oft in der Zwischenzeit, in ein Krankenhaus gefahren. Die Eltern und Natalie lehnen an der Tür von Zimmer vier des Lar Escola São Francisco, sie beobachten Miguel.

Ärzte und Schwestern beugen sich über ihn, sie sprechen viel, sie vermessen ihn, seinen Körper und auch seinen Kopf, den er immer wieder von links nach rechts bewegt und von rechts nach links, fast so, als wolle er sich wehren gegen das Leben, das ihn erwartet.

Es ist der Tag, an dem er einen Rollstuhl bekommen wird. Es liegen Stoffe für den Bezug zur Wahl bereit, gestreift und kariert, Miguel weint. Natalie geht hinüber zu ihrem Bruder, spielt ihm Melodien aus dem Handy vor, sie singt leise Lieder von Aschenputtel und Schneewittchen, von Geschichten, die gut enden.

Eleneide und Adailton Rodrigues, 39 und 35 Jahre alt, eine Sekretärin und ein Straßenverkäufer, bleiben an der Tür stehen. Sie wissen heute, warum mit Miguel etwas nicht stimmt.

Eleneide hatte während der Schwangerschaft ein Medikament mit einem Wirkstoff genommen, das sie nicht hätte nehmen dürfen. Sie dachte, es sei ein Wundermittel.

Aber es war kein Wundermittel. Es war eine Tablette mit einem Wirkstoff, der in Deutschland seit fast 50 Jahren als etwas gilt, das vergangen ist, einem Wirkstoff, der dem Land den größten Arzneimittelskandal der Geschichte brachte. Das Fernsehen zeigte vor einigen Monaten einen Spielfilm über den Skandal, einen Zweiteiler im Abendprogramm, in dem sich Schauspieler durch Kulissen der fünfziger und sechziger Jahre bewegten.

Der Film sollte an das Schicksal der knapp 3000 deutschen Kinder erinnern, die durch das Schlafmittel Contergan zu Krüppeln wurden; fast 4000 starben. An den Folgen einer Tablette, die als Wundermittel galt, weil es ein Schlafmittel war, das als unbedenklich galt, auch während der Schwangerschaft. Es war ein Film über eine historische Tragödie. Aber sie ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. In Südamerika, in Brasilien vor allem, hat diese Tragödie nie geendet. Miguel Rodrigues ist ihr jüngstes Opfer.

Seine Eltern waren vor einigen Jahren aus dem Nordosten Brasiliens, aus Boa Nova, einer Kleinstadt 250 Kilometer südwestlich von Salvador, nach São Paulo, in den Süden, gekommen. Sie kamen dorther, wo die Sonne oft schien, die Landschaft weit und dürr war und wo man selten Arbeit fand. Sie gingen dorthin, wo zehn Millionen Menschen zusammenlebten, in die sechstgrößte Stadt der Welt.

Wo Eleneide, die Mutter, schmal, fast zart, mit scheuem Blick, schon bald in einer staatlichen Klinik zu arbeiten begann. Immer um zwölf Uhr am Mittag verließ sie die Rua Edgar, stieg in den Bus, lief in eines der Büros, sie sprach wenig, schrieb Rechnungen, machte die Ablage.

Manchmal dachte die junge Frau an ihre Heimat, an den Nordosten, an ihre Eltern und an das Grundstück, das sie gekauft hatten, an das Haus, das sie dort bauten an einem Hang, in das sie einziehen würden, sobald sie zurück wären aus der großen Stadt.

Sie würden, das wusste Eleneide, bald zurückgehen, spätestens dann, wenn das zweite Kind, das nun in ihrem Bauch wuchs, geboren wäre.

Um sie herum standen viele Schreibtische, weiße kastige Schränke mit Ordnern, aber auch Schränke mit Türen aus Glas, in denen Medikamente lagen.

Seit sie schwanger war, ging es ihr oft schlecht, sie übergab sich manchmal. An einem Tag, an dem es immer schlimmer wurde, ging sie an einen der Schränke mit den Türen aus Glas. Sie sah die Medikamente, sie kannte sie nicht alle, aber von einem hatte sie gehört, Talidomida.

Ärzte verschreiben Talidomida gegen Lepra, es hemmt die Entzündung, es trocknet Zellen aus, manchmal verschreiben sie es gegen Geschwüre im Mund und Rachen bei Aids-Patienten, oder, in seltenen Fällen, setzen sie es ein gegen einige Formen von Krebs. Talidomida ist ein Medikament mit großer Kraft.

Eleneide hatte aber auch gehört, dass es außerdem gut für vieles andere sei. Für schöne Haare und schöne Haut, gegen Unwohlsein im Allgemeinen, es mache müde, aber auch gelassen.

Sie wusste nicht, dass sein Wirkstoff, Thalidomid, auch der ist, der im Schlafmittel Contergan für die Missbildungen sorgte. Dass deshalb das Mittel Talidomida nur in staatlichen Krankenhäusern in Schränken lag, an Orten, von denen die Regierung annahm, die Abgabe kontrollieren zu können.

Eleneide nahm eine Tablette.

Dann, als sie im fünften Monat schwanger war, zeigte der Arzt ihr ein Ultraschallbild. Ohne zu erklären, was genau, sagte er ihr, etwas würde nicht stimmen.

Zu Hause wartete Eleneides Mann, sie erzählte ihm, was sie erfahren hatte, beide weinten. Aber als Miguel auf der Welt war, waren sie auch froh; das Herz des Jungen schlage regelmäßig, sagten die Ärzte. Sie stellten erst viele Fragen, dann endlich gaben sie den Eltern auch Antworten.

Eleneide und Adailton Rodrigues wollten ihr Leben, soweit es ging, weiterleben wie zuvor. Adailton verkaufte weiter gefüllte Teigtaschen, oben, an der U-Bahn-Station Carandiru, gegenüber dem großen Park. Wenn er am Nachmittag zurückkam, fuhr Eleneide in das Büro.

Als Miguel ein Jahr alt war, erfuhren die Eltern von einer Frau, die einen Verein hatte, der Opfern wie Miguel half; die Frau ist selbst Opfer von Thalidomid. Sie heißt Claudia Maximino.

Auch Claudia hat keine Beine, der rechte Arm fehlt, ihr linker Arm ist ohne Ellenbogen, ohne Handgelenk, er ist kurz, wie der Arm eines Kindes, mit nur drei Fingern daran und einem Daumen. Ihr Rumpf steckt auf Prothesen aus hellem Holz. Sie sind verhangen durch ein Jeanskleid. Unter ihren Achseln klemmen zwei Krücken.

Claudia steht am Tag, an dem Miguel seinen Rollstuhl bekommen wird, neben den Eltern vor Zimmer vier. Später sagt Claudia, dass sie, als sie Miguel auf der Liege sitzen sah, auch sich selbst gesehen habe.

Sie wurde am 24. September 1962 geboren; da war Contergan in Deutschland schon seit fast einem Jahr vom Markt. Denn immer häufiger hatte es Nachrichten über Missbildungen bei Neugeborenen gegeben.

In vielen anderen Ländern, in denen das Schlafmittel aus Deutschland auch verkauft wurde, dauerte das länger. In Brasilien hatten Pharmafirmen 1957 die Produktionsrechte daran erworben, sie nannten es Sedalis, Sedim oder Sleepy, verboten wurde es dort 1965, vier Jahre nach dem Verkaufsstopp in Deutschland.

Auch Contergan oder Sedalis oder Sedim oder Sleepy hatte schon als Wundermittel gegolten, als Schlafmittel ohne Nebenwirkungen, völlig harmlos, sogar während der Schwangerschaft.

Am Nachmittag sitzt Claudia Maximino, jetzt ohne Prothesen, ohne Krücken, auf dem roten Teppich ihrer Wohnung an der lauten Avenida Santa Catarina. Sie zeigt eine Quittung, die schon sehr alt ist, über Sleepy, das Medikament, das das Leben ihrer Mutter und das der Tochter verändert hatte.

Sleepy, ein Name wie ein Plüschtier, ist die Ursache dafür, warum man Claudia als Baby die Füße amputierte und später ihren Arm 29-mal operierte. Warum sie als Mädchen, anders als ihre beiden Schwestern, ins Internat ging und ihre Eltern kaum sah. Warum sie als junge Frau an der Uni immer jemanden finden musste, der sie die Treppen zum Hörsaal hochtrug. Warum sie nach ihrem BWL-Abschluss, mit 29 Jahren, keine Arbeit fand, kein Geld hatte, und warum sie beschloss, immer weiterzukämpfen. Erst gegen ihren Körper, jetzt um ihre Rechte.

Claudia Maximino zeigt Zeitungsartikel, Fotos und Briefe, die sie gesammelt hat, sie spricht schnell, laut, sie lacht, sie raucht, sie hat kinnlange Haare und gerade Zähne, wie aus einem Werbekatalog für Dentalkosmetik.

»Hier«, sagt sie, sie zeigt eine Visitenkarte. Die Karte stammt aus Deutschland. Claudia hat dieses Land nie besucht, obwohl sie oft eingeladen worden war, von Verbänden und Fernsehsendern.

»Hilfswerk für behinderte Kinder« steht auf der Karte. Es ist der Name einer Stiftung, die in Deutschland 1972 damit begann, die deutschen Opfer zu entschädigen, denn bis dahin waren die Familien auf eigene Ersparnisse angewiesen, auf ihre Einkünfte, Krankenversicherungen und Sozialleistungen. So war es, 1991, als Claudia die Universität verließ, in Brasilien im Prinzip noch immer gewesen.

Zwar hatte es dort schon längst ein Gesetz gegeben, es trug die Nummer 7.070/82 und versprach den Opfern lebenslange Renten.

Aber Claudia und den 380 anderen Opfern des Landes brachte es, seit der großen Inflation Ende der achtziger Jahre, im Monat nicht mehr als das Geld für zwei Packungen Zigaretten.

Also schrieb sie einen Brief an die Stiftung. Sie bekam auch eine Antwort, in der es hieß, dass es nun zu spät sei. Sie sah an sich hinab und verstand nicht, für was es zu spät sein sollte.

Sie recherchierte weiter und fand heraus, dass auch das Pharmaunternehmen, das den Wirkstoff Thalidomid und das Schlafmittel Contergan erfunden hatte, hinter der Stiftung stand. Es war die Firma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen.

»Hchrunetal«, wiederholt sie, während sie blättert. Claudia hat Schwierigkeiten, den Namen richtig auszusprechen. Sie hatte sich einen Anwalt genommen, sie verklagte die Stiftung noch im selben Jahr. Aber auch die Stiftung hatte Anwälte, und als Claudia den Prozess verloren hatte, erhielt sie eine Rechnung über 1545,60 Mark.

Sie hatte das Geld damals nicht, die Rechnung blieb offen. Deswegen hat sie sich nie getraut, nach Deutschland zu kommen.

»Wie viel ist das heute?«, will sie wissen.

Rund 790 Euro, gut 2000 Reais.

»Ich zahle das jetzt«, brüllt sie, sie lacht wieder und schmeißt den Brief des Anwalts mit einer Handbewegung durch das schmale Zimmer, in dem sie arbeitet für ihren Verein.

Sie hat viel gearbeitet seitdem. Heute, 17 Jahre später, hätte sie dieses Geld, aber sie will damit keine offenen Rechnungen aus Deutschland schließen. Sie will damit kämpfen, jetzt in Brasilien.

Sie will ihr Recht und das der anderen Opfer der ersten Generation und auch einer zweiten Generation, der Opfer nach 1965, von denen sie immer wieder in der Zeitung las. Sie sah neue Bilder von neuen Babys, auch ohne Beine oder ohne Arme. Es war einfach weitergegangen.

1964 hatte ein israelischer Arzt erkannt, dass der Wirkstoff aus dem Schlafmittel nicht nur Unheil brachte. Er fand heraus, dass Thalidomid gegen wirkliche Krankheiten half, gegen Lepra.

Mit dieser Entdeckung hatte die zweite Karriere von Thalidomid begonnen, wieder war es ein Wundermittel. Die Firma Grünenthal half und schickte ihre Restbestände in die Welt, dorthin, wo es Lepra gab, in 38 Länder.

In Brasilien war eine halbe Million Menschen an Lepra erkrankt. 1970 ließ die Gesundheitsbehörde Thalidomid offiziell wieder zu. Das Medikament bekam einen neuen Namen, Talidomida, eine neue Verpackung, es gab neue Regeln, mit denen das Land vor dem nächsten Skandal bewahrt werden sollte.

Claudia Maximino hat eine dieser neuen Verpackungen aus ihrem Schrank gezogen. Darauf ist das Bild einer schwangeren Frau zu sehen, das durchgestrichen ist. Von nun an mussten Ärzte Frauen darüber aufklären, dass sie Talidomida nicht einnehmen durften, wenn sie schwanger waren oder schwanger werden wollten.

Neue Opfer gab es trotzdem wieder, weil Lepra auch Armut bedeutete und Armut wenig Bildung. »Viele Frauen glaubten, es handle sich um ein Verhütungsmittel oder ein Medikament zur Abtreibung«, sagt Claudia. Sie hatte entschieden, dass sie die Opfer, die alten und neuen, kennenlernen musste.

Am 21. April 1992 schaltete sie eine Anzeige in »O Estado de S. Paulo«, einer großen Tageszeitung: »Vítimas da Talidomida. Favor entrar em contacto!« Opfer von Thalidomid, bitte melden! Es riefen Leute an, Opfer aus dem ganzen Land. Im September wollte Claudia mit drei von ihnen in die Hauptstadt fliegen, nach Brasilia, dorthin, wo die politischen Entscheidungen getroffen werden.

Der Fluggesellschaft sagte Claudia, sie besäßen schon einen Termin im Ministerium, aber ihnen fehle das Geld für Tickets. Als sie die Tickets hatten, ließ sie dem Minister mitteilen, sie hätten doch schon Tickets und brauchten nur noch einen Termin.

Sie flogen los, und sie hatten Glück. Der Minister hatte früher als Reporter gearbeitet, er hatte selbst ein paarmal über Thalidomid berichtet. Er hörte, was die Gruppe verlangte, er hörte, dass sie mehr Aufklärung forderte, bis zu acht Mindestlöhne im Monat für jedes Opfer, dass die Regierung alles zahlen solle, Ärzte, Prothesen, Rollstühle.

Der Minister überlegte eine Weile, nickte und versprach, wie er es nannte, 20 neue Beine, er meinte damit Prothesen. Claudia saß vor ihm, sie schüttelte den Kopf und sagte, sie brauchten keine neuen Beine, sondern ein neues Gesetz.

Das kam ein Jahr später, 1993, es brachte den Opfern mehr Rechte. Allein in diesem Jahr wurden in Brasilien acht Millionen Tabletten Talidomida verschrieben.

Am 17. März 1994, einem Donnerstag, kommt in der Nähe der kleinen Stadt Leme, 150 Kilometer nordwestlich von São Paulo, Pedro Scardua Neto auf die Welt. Seine Mutter verlässt das Krankenhaus allein, ohne den Jungen angesehen zu haben. Das Wochenende verbringt sie im Haus ihrer Mutter.

Drei Tage vor Pedros 14. Geburtstag sitzt Marta Scardua, 34 Jahre alt, an ihrem Küchentisch und erzählt ihre Geschichte, es fällt ihr nicht leicht. Sie spricht ein paar Wörter Englisch, sie sagt, eigentlich habe sie längst auf »Delete« gestellt, auf »Löschen«.

Als sie 18 Jahre alt war, veränderte sich langsam ihre Haut, ihr Vater hatte schon Lepra, jetzt hatte auch sie es; die Nervenenden in den Händen wurden härter, in den Füßen, ihr Bauch schwoll an.

Sie hatte Schmerzen, sie war eine hübsche Frau mit einem runden Gesicht und langen dunklen Haaren. Sie arbeitete tagsüber in einem Büro, sie konnte ihre Beine nicht mehr zeigen, sie waren voll mit Hämatomen.

Der Arzt sagte: »Nehmen Sie Talidomida, aber werden Sie nicht schwanger!« Er kannte die neuen Regeln.

»Das Medikament heilte zwar nicht, aber linderte die Entzündung, man sah nichts mehr, nach zwei Tagen schon nicht«, sagt Marta. Dass das Mittel so schnell wirkt, macht es zu einem guten, aber auch zu einem gefährlichen Mittel. Es macht müde und gelassen und manchmal süchtig. Marta gewöhnte sich daran.

Als sie 20 war, traf sie Jeferson, einen großgewachsenen Mann mit dunklen Brauen. Er war hübsch und Schreiner, und sie verliebten sich. Er sah nichts von ihrer Krankheit, und sie erzählte ihm nichts davon, sie wollte ihn nicht verlieren. Nach drei Monaten war sie schwanger.

Sie erzählte ihm noch immer nichts. Auf dem Ultraschallbild sei nichts zu erkennen gewesen, alles okay, habe der Arzt ihr damals gesagt, sagt sie. Erst nach der Geburt habe eine Schwester von Problemen gesprochen, dem Jungen würden seine Beine fehlen, die Arme seien nicht normal gewachsen. Marta fuhr zu ihrer Mutter.

Nach dem Wochenende, am Montag, fuhr sie die 100 Kilometer zurück ins Krankenhaus und holte Pedro, aber sie zeigte ihn niemandem, nur der Mutter und ihrem Freund. Marta sagte noch immer nicht, dass sie ein Mittel gegen Lepra genommen hatte.

»Er weiß es bis heute nicht«, sagt Marta Scardua dann. Oder er frage nicht, sie wisse es nicht genau. Sie habe Talidomida drei weitere Jahre genommen, bis sie 23 Jahre alt gewesen sei, bis 1997. Das weiß sie genau.

Sie hat eine Torte auf den Tisch gestellt und Chips, Jeferson wird am Abend von der Arbeit kommen. Im Zimmer nebenan läuft der Fernseher, Pedro spielt »Dragonball Z« mit Danilo, einem Jungen aus der Nachbarschaft.

An den Wänden hängen Poster von »50 Cent« und schnellen Autos. Aus seiner kurzen roten Shorts gucken Prothesen, sie sind rot und leicht, modern, aus Aluminium, nicht aus Holz, wie Claudia Maximino sie hat. An den Enden stecken Turnschuhe. Die Schnürsenkel trägt Pedro offen, so, wie 14-jährige Teenager das gern machen.

Er sagt, er sei nie traurig gewesen, er habe zwar keine Beine, aber er habe ein schönes Zuhause. Das hätten die anderen Kinder aus der Gegend nicht. Vielleicht denkt er eines Tages anders darüber, dann, wenn er andere Kinder aus der Gegend in schnelle Autos steigen sieht. Oder tanzen. Oder küssen. Oder heiraten.

Claudia Maximino, die Frau von der Organisation, hatte nie eine Beziehung, die länger dauerte als drei Monate, sagt sie. Sie habe zwei Hunde und Gott.

Pedro hat einen Rollstuhl, der zehn Kilometer in der Stunde fährt, er hat auch einen DVD-Player und einen Computer. Er verdient mehr als sein Vater und mehr als seine Mutter.

Der Junge gehört zur zweiten Generation der Geschädigten. Im Gesetz steht, dass man, wenn man viele Schäden hat, viele Punkte bekommt, und wenn man viele Punkte hat, viel Geld. Zwei Punkte gibt es dafür, wenn jemand Schwierigkeiten hat zu gehen, zwei Punkte gibt es auch, wenn jemand sich nicht allein waschen kann, jeweils zwei weitere Punkte, wenn es schwerfällt, zu essen oder Arbeit zu finden.

Acht Punkte sind das Maximum. Der zweiten Generation, also jenen verstümmelten Babys, die nach 1965 auf die Welt kamen, zahlt der Staat bis zu 5000 Reais, das sind umgerechnet 1800 Euro im Monat - mehr als in Deutschland.

Die Opfer im Land von Grünenthal bekamen bislang maximal 545 Euro. Nach dem Spielfilm im Abendprogramm versprachen ihnen Politiker ab Sommer das Doppelte.

Marta Scardua, Pedros Mutter, sagt, sie kämen sehr gut aus mit dem Geld für den Jungen. Sie wohnen in einem eigenen Haus aus gelbem Stein, mit roten Fensterläden.

Nach ein paar Stunden, die das Gespräch jetzt dauert, erzählt sie freier, sie steht auf und sagt: »Wollen Sie wissen, wie es aussieht?«

Sie kommt zurück und legt einen silbernen Streifen mit Tabletten auf den Tisch. Talidomida. Einige fehlen. Das Medikament liegt da zwischen Torte und Chips. Am Rand ist das Datum eingestanzt, an dem es hergestellt wurde, 2004.

Warum besitzt sie es, wenn sie es seit 1997 nicht mehr einnimmt?

»Nur so«, sagt Marta. Sie guckt jetzt, als hätte sie einen Fehler gemacht.

Ihre Geschichte erklärt, warum neue Regeln nicht immer ausreichen. Warum sie Lücken lassen, auch für Geheimnisse. Warum man zwar die Abgabe kontrollieren kann, aber trotzdem alles außer Kontrolle gerät, wenn Talidomida es erst einmal vom staatlichen Krankenhaus in den privaten Raum geschafft hat.

In Deutschland sind es rund 2000 Haushalte, in denen das Mittel wieder in den Arzneimittelschränken liegt. So viele Patienten werden heute mit Thalidomid behandelt. Es hält ihren Krebs in Schach, dann, wenn ihnen nichts anderes mehr hilft.

Thalidomid ist still zurückgekehrt in die Welt. Der amerikanische Hersteller Celgene setzte 2004 mit dem Wirkstoff rund 300 Millionen Dollar um, zu 90 Prozent mit Tumorpatienten. Es hat auch Neuseeland wieder erreicht, Australien, China, Japan, Korea, Taiwan, Israel, die Türkei, und überall wachen strenge Regeln darüber.

Pedro Scardua Neto, geboren 1994, ist eins von 200 brasilianischen Kindern, denen die Regeln nicht halfen. Der für viele Jahre letzte Fall, 1997, war Lucas, ein Junge aus São Paulo.

Dann kam das dritte Gesetz, es galt zunächst nur vorläufig. Es brachte noch mehr Geld und noch mehr Regeln und wieder eine neue Verpackung. Die Schrift war nicht mehr orangefarben, sondern sie war schwarz. Das durchgestrichene Bild der schwangeren Frau wurde ausgetauscht gegen das durchgestrichene Bild einer Frau.

Es bedeutete, dass Talidomida in Brasilien seitdem verboten war für Frauen, die noch Kinder haben können; aber das Verbot kannte Ausnahmen. Wenn eine Frau beweisen konnte, dass sie nicht schwanger war, dass sie doppelt verhütete, und wenn nicht mehr nur ein einziger Arzt, sondern eine Gruppe von Ärzten der Behandlung zustimmte, war es erlaubt.

Eine Zeitlang ging alles gut. Bis das Gesetz nicht mehr nur ein vorläufiges war, sondern ein richtiges Gesetz wurde; es gilt seit 2003. Es war loser formuliert, es hatte mehr Lücken als das, was es vorher gab; die Industrie hatte begonnen, Druck auf die Politik zu machen, sie verkaufte 2006 allein 3 754 560 Pillen Talidomida nur gegen Lepra, und jedes Jahr kommen in Brasilien rund 45 000 neue Lepra-Fälle hinzu.

»Man fühlte sich sicher«, sagt Claudia auf dem Fußboden ihrer Erdgeschosswohnung an der lauten Rua Santa Catarina. Dabei gebe es noch so viele offene Fragen, bis heute. Beispielsweise ob der Wirkstoff auch durch Sperma des Mannes übertragen wird.

Claudia Maximino holt den nächsten Ordner. Sie sagt, sie wolle noch mehr Aufklärung, noch mehr Kampagnen, ein Bild eines missgebildeten Kindes auf der Verpackung, wie es das in ihrem Land auf Zigarettenschachteln gibt, sie will ein Gesetz ohne Spielraum. Sie schlägt den Ordner auf, eine Kartei der Katastrophen, sie liest vor.

Fall eins, Alan, geboren am 27. Mai 2005 im Amazonas-Gebiet. Betroffen: obere Gliedmaßen, nicht vollständig ausgebildete Finger, zwei Finger fehlen, beide Oberschenkel und das Wadenbein verkümmert, rechter Fuß mit Verdopplung der großen Zehe.

Sein Vater nahm das Mittel. Er hatte keine Informationen bekommen, nichts unterschrieben, das Formular war falsch ausgefüllt; es ist unklar, wie viele Pillen er tatsächlich bekam.

Fall zwei, Maria-Vitória, geboren am 7. Mai 2006, gestorben nach 29 Tagen. Betroffen: obere Gliedmaßen, nicht vollständig ausgebildete Finger, beide Daumen fehlen, schwerer Herzfehler.

Ihre Mutter hatte nichts unterschrieben, keinen Schwangerschaftstest, keine Fragen nach Verhütung, es gab keine Ärztegruppe, die zugestimmt hätte.

Fall drei, Pedro, geboren am 7. Juli 2006, sein Zwillingsbruder starb, Fall vier. Betroffen: mehrere Gliedmaßen, die Daumen fehlen.

Seine Oma nahm das Medikament gegen Krebs, die Mutter war psychisch krank, ungewollt schwanger.

Fall fünf, Miguel, geboren am 26. August 2006.

An Miguels Rollstuhl ist vorn eine Tafel geschraubt, er soll lernen, mit dem Fuß zu schreiben, seine Schwester übt viel mit ihm, sein Vater sieht zu Hause Videos von anderen Opfern aus der ersten Generation, Opfern, die heute Mitte vierzig sind und es schafften, irgendwann, allein zu leben.

Miguels Familie wird nicht zurück in den Nordosten gehen, sie wird nicht in das Haus am Hang ziehen. Sie bleibt in der großen Stadt, dort, wo gute Ärzte sind.

Sie verlassen das Zimmer vier, das Lar Escola São Francisco, für diesen Tag. Sie stehen am großen Tor, warten auf das Taxi, sehen in den Regen.

Bevor sie einsteigen, sagt die Mutter, sie habe am Wochenende eine Frau im Bus getroffen, ihr Kind habe ausgesehen wie Miguel, ohne Arme und ohne Beine. Sie hat ihr Claudias Nummer gegeben.

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