Daschner-Prozess Kriminalbeamter bestreitet Folterdrohungen

Zu Beginn des Prozesses um Folterdrohungen im Fall Gäfgen hat der angeklagte Vernehmungsbeamte abgestritten, dem Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler Gewalt angedroht zu haben. Er habe vielmehr "eindringlich an das Gewissen" von Magnus Gäfgen appelliert, das Versteck des Kindes preiszugeben.


Angeklagter Daschner: "Mit Folter hat das nichts zu tun"
DPA

Angeklagter Daschner: "Mit Folter hat das nichts zu tun"

Frankfurt am Main - Der wegen Nötigung angeklagte Kriminalbeamte Ortwin E. sagte vor dem Frankfurter Landgericht, er habe Magnus Gäfgen die Leiden des entführten Kindes vorgehalten und ihn so mit psychologischen Mitteln zur Preisgabe des Verstecks gebracht. Er habe Gäfgen gesagt, dass dieser Jakob nie vergessen werde. Er habe immer wieder auf den Jura-Studenten eingeredet, "weil es mir um das Leben des Kindes ging", berichtete E. Er habe Gäfgen die Bilder eines panischen, angsterfüllten Kindes vor Augen geführt und ihn eindringlich gefragt: "Ist er verletzt? Ist er geknebelt? Hat er zu essen und zu trinken?" Es habe nur wenige Minuten gedauert, bis Gäfgen gesagt habe, dass die Leiche Jakobs unter einem Steg an einem See im Vogelsberg liege.

Der Beamte räumte ein, an Gäfgen weitergegeben zu haben, dass in der Polizeiführung überlegt werde, Zwang oder ein Wahrheitsserum anzuwenden. Das Geständnis sei dadurch zustande gekommen, dass E. hartnäckig an das Gewissen Gäfgens appelliert habe. Der wegen Anstiftung zu schwerer Nötigung und Amtsmissbrauchs angeklagte frühere Vize-Polizeipräsident Wolfgang Daschner erinnerte an die Situation der Fahnder. Ihm sei es ausschließlich darum gegangen, in einer verzweifelten Lage das Leben der Geisel zu retten. Er habe davon ausgehen müssen, dass der Junge zu diesem Zeitpunkt wegen starker Unterkühlung und Flüssigkeitsmangels in akuter Lebensgefahr geschwebt habe. Er habe den Beamten beauftragt, dem festgenommenen Magnus Gäfgen mit "unmittelbarem Zwang" oder einem Wahrheitsserum zu drohen, sagte Daschner. Mit "Folter" habe das nichts zu tun. Eine Maßnahme von dieser Intensität sei zu keinem Zeitpunkt geplant gewesen. Der "unmittelbare Zwang" sei in den Polizeigesetzen klar definiert, die Gleichsetzung mit Folter sei absurd. Der Vernehmungsbeamte bestätigte das: "Von Folter oder ähnlich schwer wiegenden Maßnahmen war nie die Rede."

Keine Rückendeckung vom Innenministerium

Aus Daschners Sicht gab es zum damaligen Zeitpunkt nur zwei Alternativen: "Entweder nachdrücklich und notfalls mit Androhung unmittelbaren Zwangs auf den Tatverdächtigen einzuwirken, um das Leben des entführten Kindes zu retten, oder auf weitergehende Maßnahmen zu verzichten und damit den qualvollen Tod des Kindes, der in wenigen Stunden zu erwarten war, billigend in Kauf zu nehmen", sagte der 61-Jährige. "Es war für mich nicht vorstellbar, die Vollendung eines Mordes an einem entführten Kind unter staatlicher Aufsicht zuzulassen." Er hätte sich sonst der unterlassenen Hilfeleistung oder Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht, meinte er.

Jakob von Metzler: "Ist er verletzt? Ist er geknebelt? Hat er zu essen und zu trinken?"
DPA

Jakob von Metzler: "Ist er verletzt? Ist er geknebelt? Hat er zu essen und zu trinken?"

Daschner sagte, er habe am Vorabend einen Bericht an das hessische Innenministerium gegeben, sich dort aber keine Rückendeckung geholt. Er habe mit der vorgesetzten Behörde im Rahmen seiner Berichtspflicht gesprochen, die keine rechtlichen Bedenken erhoben habe, sodass er sich in seiner Rechtsauffassung bestätigt gesehen habe, sagte der Angeklagte. Den Namen seines Gesprächspartners werde er weiterhin nicht nennen, um eine weitere Kampagne gegen die betreffende Person zu vermeiden.

Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, wonach Daschners Kontaktperson der damalige Präsident des Landeskriminalamts, Norbert Nedela, gewesen sein könnte. Nedela hat dies jedoch nach Angaben von Innenminister Volker Bouffier (CDU) in einer dienstlichen Erklärung bestritten.

Der Vorwurf, der beiden zur Last gelegt wird, hatte nach Bekanntwerden im Frühjahr 2003 in Deutschland eine heftige Debatte um die Rechtmäßigkeit von Folter in polizeilichen Notlagen ausgelöst. Im Falle eines Schuldspruchs droht beiden Beamten eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Das Urteil der 27. Großen Strafkammer wird für den 20. Dezember erwartet.

In dem Prozess ist auch Gäfgen als Zeuge geladen. Er hatte Jakob am 27. September 2002 auf dem Heimweg von der Schule entführt und ihn unmittelbar danach in seiner Wohnung erstickt. Der Prozess gegen Gäfgen wäre ihm April 2003 beinahe geplatzt, als das Gericht all seine Geständnisse wegen der Gewaltandrohung für nichtig erklärte. Gäfgen wiederholte sein Geständnis jedoch und wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.