SPIEGEL ONLINE

Dashcam-Video aus Russland Micky Maus und Spongebob verprügeln Autofahrer

Vier Personen in Comicfiguren-Kostümen vermöbeln einen Autofahrer: Diese Szene hat eine Dashcam in Russland festgehalten. Der Hintergrund des Videos ist allerdings fragwürdig.

Moskau - Tatort: die Kreuzung von Kurtschatow- und Elkinstraße in Tscheljabinsk im Ural. Tatzeit: vergangener Samstag, 3 Uhr nachts. Vier Personen steigen aus einem Lieferwagen und gehen auf den Fahrer eines Autos los. Die Szene wird von einer Kamera aufgenommen, die in einem dahinter stehenden Wagen auf dem Armaturenbrett befestigt ist.

Was den Vorfall zu einem der seltsamsten macht, der jemals von einer Dashcam in Russland festgehalten worden sei, notiert die US-Nachrichtenseite "Gawker" : Die Angreifer tragen Kostüme von Comicfiguren. Micky Maus, Spongebob, Scrat aus "Ice Age" und ein Outfit, das an einen Bugs-Bunny-Verschnitt erinnert. Gemeinsam mutieren die Comichelden zu Schlägern.

Zwei Männer im Wagen mit der Dashcam beobachten die Szene von Anfang an. Als der Lieferwagen und das andere Auto anhalten, sagt einer der Männer: "Warte mal, was ist denn da los?" Verärgert, dass der Lieferwagen ihre Spur blockiert, ruft einer: "Fahr drumherum, Mann, es ist 3 Uhr nachts."

Rückblickend dürften sie froh gewesen sein, doch hinter dem Lieferwagen gewartet zu haben. Denn bald können sie angesichts des Schauspiels auf der Straße vor Lachen kaum an sich halten. Als Micky Maus und seine Kumpane wieder eingestiegen und weggefahren sind, konstatieren die beiden Zuschauer: "Jetzt sind wir aber wach, was? Danke, ihr habt uns schön geweckt!"

Propagandavideo des Wahlstabs?

Bei solchen Videos drängt sich eine Frage auf: Handelt es sich um ein Fake? War die Szene gestellt? Dafür spricht etwa, dass der Wagen mit der Kamera geduldig wartet, bis die Keilerei ihren Anfang nimmt - als ob bekannt wäre, dass gleich etwas Ungewöhnliches passiert. Und die Cartoon-Übeltäter scheinen sich wie bei einer Inszenierung mit ihren Tritten und Schlägen zurückzuhalten.

Das Nachrichtenportal Ura.ru will die Urheber des Clips enttarnt haben: Das Machwerk sei Teil einer Kampagne, die Bürger motivieren soll, zur Gouverneurs-Wahl in Tscheljabinsk zu gehen. Der Clip sei vom örtlichen Wahlstab produziert und verbreitet worden.

Dadurch gewinnt der Beginn der Unterhaltung im Kamerawagen eine neue Bedeutung. Einer der Männer gibt darin folgenden Dialog über eine missglückte Verabredung wieder:

"Dann in einer Woche."

"Aber ich arbeite bis Samstag."

"Dann eben Sonntag."

"Nein, am Sonntag muss ich wählen gehen."

"Er hatte wohl gerade ein Plakat gesehen, auf dem stand: Am Sonntag, 14. September, gehen alle zur Wahl."

Ob das Video jemanden dazu bewegt, zur Wahl zu gehen, ist offen. In jedem Fall ist es aber ein Erfolg, wurde bei YouTubebereits mehr als 1,8 Millionen Mal angeklickt.

Der Clip soll bereits das dritte Werbevideo dieser Art sein. Im ersten war laut "Ura.ru" der Hockey-Spieler Jewgenij Kusnezow zu sehen, der - in drastischen Worten - erklärt, dass er selbstverständlich zur Wahl gehe. Im zweiten will der Tscheljabinsker Showmaster Stanislaw Jaruschin seine Mitbürger auffordern zu wählen, wird aber permanent von Spaziergängern oder laut bellenden Hunden gestört.

Damit steht es in guter Tradition der Dashcam-Videos aus Russland. Sie haben schon zahlreiche gefährliche und skurrile Situationen festgehalten. Im vergangenen Sommer wurde etwa dokumentiert, wie zwei kopulierende Kühe auf die Straße liefen und von einem Auto abgeräumt wurden.

ala/ulz