Dauerfrost im Osten Killerkälte in Moskau

Mit rekordverdächtigen Minustemperaturen ist eine Kältewelle über den Westen Russlands hereingebrochen: Das Thermometer ist auf bis zu 33 Grad unter Null gefallen. Russlands Obdachlose fürchten um ihr Leben. Die Moskauer Elefanten werden mit Wodka gewärmt.


Moskau - Eine sibirische Kaltfront hat die Temperaturen in der russischen Hauptstadt Moskau auf minus 31 Grad sinken lassen - der niedrigste Wert an einem 19. Januar seit 1927. Innerhalb von 24 Stunden erfroren sieben Menschen, wie der Chef der Moskauer Rettungskräfte, Igor Elkis, erklärte. Am Tag zuvor waren in ganz Russland 24 Menschen an der Kälte gestorben. Wegen geborstener Warmwasserleitungen waren in einer Ortschaft außerhalb von Moskau und in der sibirischen Region Tschita tausende Menschen ohne Strom.

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Russische Kälte: Erstarrt in Eis und Schnee

Allein in der Stadt Wolgograd starben zehn Menschen an Unterkühlung. Damit steigt die Zahl der Kältetoten seit Wintereinbruch auf über 200. Die meisten von ihnen waren Obdachlose oder Betrunkene, die zu lange in der Kälte blieben. "Wenn ein Polizist nett ist, fragt er: 'Geht's dir gut oder bist Du schon erfroren?'", berichtete ein Obdachloser im Nachrichtensender N-tv. Politiker forderten inzwischen dazu auf, nachts keine Obdachlosen mehr aus Bahnhofsgebäuden zu verscheuchen, da ihnen draußen der Kältetod drohe.

Auch wer ein festes Dach über dem Kopf hat, hat mit der Kälte zu kämpfen: Die Energieversorger registrieren einen Rekordverbrauch bei ihren Kunden. Und der bittere Frost soll noch bis Sonntag andauern. Weil Experten einen Kollaps der Stromversorgung fürchten, wurden stellenweise die Straßenlaternen und Leuchtreklamen abgeschaltet. Für Baustellen, Märkte und Betriebe haben die Moskauer Behörden Stromsperren angekündigt. Zahlreiche Schulen wurden geschlossen. Der Gasproduzent Gasprom entschloss sich, die Lieferung von Erdgas nach Westeuropa zu senken, um den gestiegenen Bedarf im eigenen Land decken zu können.

Der Moskauer Zoo gab bekannt, dass die Käfige aller Tiere beheizt würden. Den Elefanten verabreiche man allerdings verdünnten Wodka zum Wärmen.

Durch den Frost rissen mehrere Straßenbahnkabel, die Transportunternehmer mussten stattdessen mit Gas betriebene Busse einsetzen. Auch die Autofahrer trifft die Kälte: Taxifahrer Pavel Limonov steht nachts alle zwei Stunden auf. Dann starte er seinen Wagen, um sicher zu gehen, dass er noch funktioniere und nicht eingefroren sei, sagte Limonov dem Fernsehsender Rossiya.

Trotzdem führen immer wieder Russen ihre offensichtliche Kälteresistenz vor: So feierten einige Hartgesottene den Beginn der orthodoxen Epiphanien-Feier mit einem traditionellen Bad in offenen Gewässern. Bei Lufttemperaturen um 30 Grad unter Null mag ihnen das Wasser dabei geradezu warm erscheinen. Die Behörden der im Norden des Landes gelegenen Region Khanty-Mansiisk haben jedoch den Bürgern bereits geraten, von dem Ritual in diesem Jahr abzusehen. Einige besonders fanatische Freischwimmer wollen sich nach Berichten der "Süddeutschen Zeitung" jedoch nicht von ihren Sitten abbringen lassen: "Wir baden auch, wenn es minus 60 Grad werden sollte."

Die Meteorologen rechneten für morgen mit einer leichten Entspannung der Lage und wärmeren Temperaturen von minus 20 Grad. Diese könnten sich jedoch wegen des scharfen Ostwindes deutlich kälter anfühlen. Ein staatlicher Fernsehsender berichtete dagegen, die Temperaturen in Moskau könnten weiter fallen und sogar minus 42 Grad erreichen.



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