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08. Dezember 2005, 14:42 Uhr

DDR-Staatsyacht "Ostseeland"

Honeckers Geisterschiff

Von Holger Gertz und Heike Ollertz (Fotos)

Eigentlich hätte es solch ein Schiff in der DDR nicht geben dürfen. Im Verborgenen gebaut und niemals getauft, blieb die "Ostseeland" bis zum Schluss Staatsgeheimnis. Selbst Gerüchte über Massenorgien und versteckte Goldschätze konnten der Yacht keinen Glanz verleihen.

Dieses Schiff würde keine Zukunft haben, das war schon klar am 30. Juni 1971. Es war ein Mittwoch. Die Schiffbauer von der Peenewerft in Wolgast hatten alles fertig, das Schiff wurde zu Wasser gelassen, und normalerweise ist das ein Anlass für ein Fest. Schon bei den Römern wurde jedes neue Schiff getauft, und wenn einmal eine Taufe ausfiel, ging es dem Schiff nicht lange gut. Die "Titanic" ist nie getauft worden. Das russische U-Boot "K-19" widersetzte sich der Taufe; die Flasche Champagner, gegen den Schiffskörper geschleudert, wollte einfach nicht zerbrechen. Die "Titanic" ging unter auf der Jungfernfahrt, und das Atom-U-Boot hätte bei seiner ersten Fahrt beinahe eine nukleare Katastrophe ausgelöst. Die ungetaufte "Ostseeland" schwimmt zwar noch. Aber eigentlich ist auch sie längst abgesoffen.

Dass das Geburtstagsfest damals ausfiel, ist ein Teil der Lebenslüge dieses Schiffes, das es zwar gab, aber das es eigentlich nicht geben durfte. Und das Schiff ist ein Teil der Lebenslüge des Staates. Die "Ostseeland" war als DDR-Staatsyacht gedacht, 61 Meter lang, 18 Knoten schnell, der Genosse Generalsekretär sollte an Bord die Genossen aus den sozialistischen Bruderstaaten empfangen. Allerdings, das Volk sollte nichts von der Yacht wissen. Schon der Begriff Yacht wäre ihm westlich und kapitalistisch vorgekommen. Die Bürger sollten vieles nicht wissen: dass ihre Regierenden Bananen aßen zum Beispiel und Filme aus dem Hause Beate Uhse schauten. Bananen und Videos ließen sich leicht verbergen in der abgeschirmten Siedlung Wandlitz. Eine Yacht unsichtbar zu machen war schwieriger.

Kein Reporter berichtete vom Stapellauf, kein Blitzlicht flammte auf, als das Schiff zu Wasser gelassen wurde. Schon die Konstruktion war ein Geheimprojekt gewesen. Irgendwann war vom Ministerrat die Frage an die führenden Schiffskonstrukteure der DDR weitergeleitet worden, ob man nicht aus dem herkömmlichen Rumpf eines Minensuchboots der Kondor-Klasse etwas anderes machen könnte, etwas, nun ja, Besonderes. "Um was es da ging, wusste ich auch nicht", sagt Jörg Pechmann. "Erst im Lauf der Zeit kam so ein Geraune auf: Das soll was Repräsentatives für den Erich werden."

Jörg Pechmann sitzt in seinem Büro, er war damals einer der ausführenden Konstrukteure und hat noch immer mit Schiffen zu tun, aber wo er jetzt arbeitet, soll man besser nicht schreiben, sagt er; er will nicht sein früheres Leben mit dem neuen vermischen. Pechmann ist über 60 mittlerweile, ein kleiner Mann mit Schnauzbart, Geburtshelfer dieses Schiffes und einer der wenigen, die noch am Leben sind und reden mögen. Er hat, als seine Pläne auf der Werft in ein richtiges Schiff verwandelt wurden, mal in Wolgast vorbeigeschaut. Er konnte das Schiff erst gar nicht finden, "die haben das versteckt gebaut, praktisch hinter hohen Sichtblenden". Er lacht, wenn er davon erzählt, es kommt ihm jetzt fast komisch vor, als erinnere er sich an eine Filmkomödie, die er in der Jugend mal gesehen hat.

"Was Repräsentatives für den Erich"

Ein Kondor-Minensuchboot, das die Basis der Yacht war, ist schmal. Es bekam einen Extrakiel, stark genug, um die Aufbauten tragen zu können. Pechmann und die Kollegen rechneten und konstruierten. Zwei 2500-PS-Dieselaggregate trieben es an, "Russendiesel", sagt Pechmann. Das Heck wurde um fünf Meter für ein Sonnendeck verlängert. Es sollte eine Yacht sein, aber es blieb ein Minensuchboot. Wer Ahnung von Schiffen hatte, sah das sofort. Allerdings, die Farbe war die einer Yacht. Die "Ostseeland" war weiß. Wenigstens am Anfang.

Drinnen gab es einen Abhörraum, ein Horchposten für die Kajüten der Staatsgäste. Später wurde auch noch eine britische Schlingerdämpfungsanlage eingebaut. "Das hört sich jetzt gewaltig an", sagt Jörg Pechmann, "aber eine Schlingerdämpfungsanlage ist ein eher kleiner, durchaus wirksamer Apparat." Er malt mit seinen Armen einen eher kleinen Apparat in die Luft. Bei Honecker ist der Apparat nicht wirksam geworden.

Erich Honecker wurde nämlich immer speiübel, sobald er kein Land unter seinen Füßen spürte. Er mochte Schiffe nur, die vertäut waren. Der Yacht zog er die Jagd vor. "Das konnte man an einer Hand abzählen, wann der auf See jemanden empfangen hat", sagt Pechmann. Manchmal schüttelte er den Staatsgästen nur die Hand, ehe sie in See stachen. Er blieb dann an Land und winkte ihnen hinterher.

Die "Ostseeland" lag im militärischen Teil des Ostseehafens Warnemünde. Sie wurde streng bewacht von der Volksmarine, ein Statussymbol, das man dem Volk nicht zeigen durfte. Der Staatsmann, der die Yacht vor allem nutzen sollte, fühlte sich auf ihr nicht wohl. Die "Ostseeland" war ein Fehler im Staatsplan. Sie war überflüssig. Sie fraß Geld. Sie war weiß. Aber sie war nicht einmal getauft.

Gerüchte über Massenorgien an Bord

Jörg Pechmann sucht nach Gründen, warum es sie gab. Er sucht in der Seele der DDR. Er sagt: "Wenn die Regierenden schon auf den Straßen im importierten Citroën herumfahren mussten, war die Idee sicher nachvollziehbar, wenigstens auf dem Meer etwas Repräsentatives zu haben." Statt Honecker ging aber irgendwelche Nomenklatura an Bord, Sekretäre der zweiten Kategorie. Sie verprassten den kostbaren Treibstoff, kotzten über die Reling, manchmal wurde das von seefahrenden Männern aus dem Volk durch Zufall beobachtet. Im Volk verfestigte sich der Eindruck, auf dem komischen weißen Kahn würden womöglich Massenorgien stattfinden, "aber das war ganz und gar nicht so", sagt Pechmann, der schließlich weiß, wie das Schiff konstruiert ist. Für Orgien komplett ungeeignet. "Das war gedacht für einen Mann und, sagen wir, acht Gäste. Oben in den Luxusaufbauten gab es nur vier Toiletten. Lassen Sie da zehn Ehepaare drauf sein, die Frauen gehen ständig pinkeln, da haben Sie gleich einen Stau vor der Toilette."

Die Staatsyacht war eigentlich gar keine Yacht, jedenfalls war sie nicht das, was man sich im Westen unter einer Yacht vorstellt. "Es gab Klopapier aus dem Westen, aber keine goldenen Wasserhähne", sagt Pechmann. Er hat sie einmal von innen gesehen, ein befreundeter Offizier hat sie ihm gezeigt, wenigstens den Besucherweg bis hinauf zur Mensa. "Alles verkleidet, alles mit Möbelstoff bespannt, überall Fußbodenbelag." Die Nasszelle türkisgrün wie die Schwimmhallen in Ostberlin, die Textilien braun-orange. Die "Ostseeland" sah aus wie die Kulisse einer dieser Ostalgieshows im Privatfernsehen.

Immerhin, es gab ein paar Anekdoten. Walter Ulbricht, gerade in Rente geschickt, war 1972 in der Nähe, als er erfuhr, Fidel Castro werde am Abend auf der Yacht erscheinen. Er ist gleich losgestürmt, um sich bei Castro über die Schäbigkeit seiner Entmachtung zu beklagen. Er war voll Wut. Mit Mühe soll ihn die Staatssicherheit von Bord gezerrt haben. Es gab ein paar Gerüchte. Honecker habe das DDR-Gold im Kiel versteckt. Es war nur ein Gerücht. Überhaupt haben die Schatzsucher nach der Wende bei Honecker nicht viel gefunden, was sich zu Geld machen ließ. Hinterlassen hat Honecker zum Beispiel eine Kuckucksuhr. Allerdings ohne Kuckuck.

Jörg Pechmann hat das Schiff, das irgendwie auch sein Schiff war, später noch einmal besucht, im Hafen von Kopenhagen. Es war nach der Wende vom VEB Dienstleistungskombinat nach Malta verkauft worden, an allen Kontrollinstanzen vorbei, sagt Pechmann. "Die haben es regelrecht verschachert." Die "Ostseeland" schaffte es aber nicht nach Malta. Erst kam sie nach Finnland, dann nach Stockholm, sie bekam einen neuen Namen, "Aniara", dann blieb sie in Kopenhagen liegen, fünf Jahre lang, ganz hinten im Tuborg Havn, wo die verfallenen Lagerschuppen stehen. Es gibt ein trauriges Verb, das den Zustand eines arbeitslosen Schiffes beschreibt: dümpeln. Als Pechmann es sah, war es nicht mehr weiß, sondern teilweise grau und grün und schmutzig.

Jörg Pechmann hat den Anblick nicht lange ertragen. Seitdem verfolgt er die Geschichte des Schiffes in den Zeitungen. Er hat davon gehört, dass ein DDR-Nostalgiker es kaufen wollte, aber er hatte nur ein Auto zum Anzahlen. Ein Chilene wollte ein Restaurant daraus machen, ein Spanier es vor Barcelona ankern lassen, als schwimmendes Bordell. Pechmann lacht leise, er kennt das Schiff. "Für ein Bordell sind doch die Räume viel zu klein."

Strandgut in einem Istanbuler Hafen

Schließlich, am 1. Mai 1998, kaufte der türkische Kaufmann Senol Yegin die "Aniara" für 313000 Mark. Es war das höchste Gebot bei einer Zwangsversteigerung in Kopenhagen. Es war der Tag der Arbeit. Vor dem Auktionslokal stand ein Demonstrant und protestierte stumm dagegen, wie hier ein letzter Rest DDR unter den Hammer gebracht wurde.

Es ist nicht bekannt, ob die "Ostseeland", als sie den Namen "Aniara" bekam, endlich getauft worden ist. Es sieht aber nicht danach aus. Auf ihrer Passage nach Istanbul geriet sie erst einmal in einen Sturm, und als Bosporus-Kreuzfahrtschiff hat sie in den Jahren danach auch nicht wirklich überzeugt. Es war eher so eine Zukunftsvision, ein Kreuzfahrtschiff aus ihr zu machen, aber dann lag sie doch wieder wie Strandgut in einem Istanbuler Hafen vor Anker. "Ich dachte, sie hätte ihre Bestimmung gefunden", sagt Pechmann. Er spricht von dem Schiff wie von einem Freund, den er, ohne die Details genau kennen zu wollen, in einem ordentlichen Altersheim gut untergebracht glaubte. Es klingt, als wollte er sagen: In Istanbul hat sie es wenigstens wärmer gehabt als in Kopenhagen.

Aber dann tauchte die "Ostseeland", im Frühjahr 2005, noch einmal auf. Auf einer Website mit einem brutal gewöhnlichen Namen: www.gebrauchtboote.de. Ein Geschäftsmann aus Dubai bekam den Zuschlag, angeblich für 700000 Euro. Wenn die Zahlen stimmen, hat der türkische Eigner immerhin gut an ihr verdient. Eigentlich ist er der Einzige, dem das unglückliche Schiff etwas gebracht hat.

Jörg Pechmann sagt, irgendwie war die "Ostseeland" ein Sinnbild für die DDR, auch für die guten Seiten. Gewissermaßen doch eine Staatsyacht. Er ist kein Romantiker. Er sagt nur, dass auch in den Häusern der DDR alles marode war, wie auf dem Schiff. Dass man es sich trotzdem gemütlich machen konnte, wie auf dem Schiff. Er sagt: Sie war nicht schön, aber ganz liebenswert. Und sie sei im Westen nie richtig verstanden worden. Es ist nicht klar, ob er die DDR meint oder die "Ostseeland". Wahrscheinlich beide.

Sie wird auch nicht mehr verstanden werden, die "Ostseeland". Der Käufer aus Dubai hat jedenfalls mitteilen lassen, die Vorgeschichte des Schiffes interessiere ihn kein bisschen.

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