Debatte über Schützenvereine "Jeder durchschnittliche Schütze hätte das machen können"

Sind Schützenvereine Killerschmieden? Friedrich Gepperth, Chef des Bunds deutscher Schützen (BDS), wehrt sich gegen die Vorwürfe. Das Waffenrecht reiche völlig aus, keine noch so harten Gesetze hielten Amoktäter zurück.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Gepperth, der Erfurter Amokschütze, Mitglied in einem Schützenverein, hatte bei seiner Mord-Tour eine Pumpgun über die Schulter gehängt. Auch wenn er die tödlichen Schüsse nicht aus dieser Waffe abgab, sondern aus einer Pistole: Wozu brauchen Sportschützen Pumpguns?

Warnschild am Eingang des Erfurter Schützenvereins "Domblick"
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Warnschild am Eingang des Erfurter Schützenvereins "Domblick"

Gepperth: Eine solche Pumpgun verfügt über eine kaum geringere Feuerkraft als eine Flinte, die beim Tontaubenschießen durchaus ihren Platz hat. Allerdings werden in den Schundfilmen aus Hollywood fast ausschließlich Pumpflinten verwendet. Dies war sicherlich auch ein Grund dafür, dass der Mörder diese Waffe bei sich hatte, obwohl er sie überhaupt nicht benutzte. Aber zum Image eines Killers gehört es einfach dazu, dass man eine Pumpflinte hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Täter in Erfurt hatte vollkommen legal zwei gefährliche Waffen erworben, da er in einem Schützenverein trainierte, eine Neun-Millimeter-Pistole, eine Pumpgun. Ihr Vorgänger Otto Obermeyer erhebt schwere Vorwürfe gegen die Vereine. Er sagt, dies seien keine Sportwaffen und hätten nie genehmigt werden dürfen.

Gepperth: Für mich sind diese Vorwürfe absurd. Otto Obermeyer hat als Präsident des BDS das Schießen mit Pumpflinten in die Sportordnung aufgenommen und ausdrücklich erlaubt, obwohl es auch im BDS Stimmen dagegen gab. Wenn er nun sagt, dass Pumpguns als Waffen für Sportschützen völlig ungeeignet sind, so spricht das seinem eigenen Verhalten über neun Jahre Hohn.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem teilen viele Schützen die Meinung, dass die beiden Waffen keinen wirklichen sportlichen Wert haben.

Gepperth: Beide Waffen sind ohne weiteres beim Sportschießen einsetzbar und dies bei allen großen Sportschützenverbänden. Die Neun-Millimeter-Pistole ist in allen großen Sportverbänden in den 25-Meter-Disziplinen verwendbar. Die Pumpflinte, korrekt bezeichnet Vorderschaftsrepetierflinte, lässt sich beim Wurfscheibenschießen in der Disziplin Skeet ohne weiteres sportlich einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber halten Sie es für richtig, dass ein 19-Jähriger solche Waffen mit nach Hause nehmen darf, ganz egal, ob er sie sportlich einsetzen kann oder nicht?

Gepperth: Ich halte die ganze Diskussion über die Tatwaffen für völlig verfehlt. Gerade dadurch, dass der Mörder die unschuldigen Opfer durch Kopfschüsse umgebracht hat, wird nämlich deutlich, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob man eine Groß- oder kleinkalibrige Pistole verwendet oder sie zu Hause hat oder nicht. So wie Steinhäuser vorgegangen ist, hätte er nämlich mit einer Kleinkaliberwaffe genau so viele Menschen getötet.

SPIEGEL ONLINE: Das mag sein. Aber muss er die Waffen plus Munition trotzdem zu Hause lagern dürfen?

Gepperth: Hätte man Waffen und Munition im Schützenhaus gelagert, hätte Steinhäuser sich dort Waffen und Munition aushändigen lassen. Vermutlich hätte er dann die Person, die für die Ausgabe von Waffen und Munition verantwortlich war, erschossen und wäre zur Schule gefahren und ab dann wäre der Ablauf exakt der gleiche, wie er sich tatsächlich abgespielt hat. Es hätte vermutlich nur noch einen Toten mehr gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgänger Otto Obermeyer hat auch schwere Vorwürfe gegen die in Ihrem Verband praktizierten Schießtrainings nach dem ISPC-Programm erhoben. Was sagen Sie zu den Anschuldigungen?

Gepperth: Mein Vorgänger Otto Obermeyer bringt alle diese Vorwürfe keinesfalls, weil es ihm um dieses sachliche Anliegen geht, das er vorgibt. Er selbst hat als Präsident im Bund deutscher Schützen im Jahr 1990 das IPSC-Schießen (IPSC=International Practical Shooting Confederation, Red.) eingeführt und bis zu seinem Rücktritt 1996 immer gefördert. Er hat nach seinem Ausscheiden aus dem BDS sofort seinen eigenen Schützenverband gegründet. Dort hat er das IPSC-Schießen in der gleichen Art und Weise angeboten, wie es im BDS betrieben wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich aber die vorliegenden Videos über das IPSC-Schießen ansieht, gewinnt man schon den Eindruck eines Kampftrainings. Haben die Behauptungen, das IPSC-Schießen wäre besonders gefährlich, nicht einen wahren Kern?

Gepperth: Eines vorweg: Robert Steinhäuser hat nie mit dem BDS oder mit dem IPSC-Schießen etwas zu tun gehabt. In Erfurt gibt es nicht einmal einen Schießklub, der das IPSC-Schießen betreibt. Jeglichen Zusammenhang herzustellen ist völlig absurd. Der Amoklauf in Erfurt ist der schlagende Beweis, dass die Art der erlernten Schießtechnik beim Sportschießen in einem Missbrauchsfall überhaupt keine Rolle spielt.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem trainieren die Mitglieder beim IPSC-Schießen doch das gezielte Schießen auf bewegliche Ziele.

Gepperth: Das muss man aber getrennt von dem Fall in Erfurt betrachten. Wenn ein Sportschütze wie Steinhäuser, der offenbar geistig total durchgedreht ist, auf unbewaffnete Ziele im Nahbereich schießt, so wird er mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit treffen. Jeder durchschnittliche Schütze hätte das machen können, auch wenn er nie mit dem ISPC-Schießen zu tun hatte.

SPIEGEL ONLINE: Aber noch mal die Frage: Welchen Sinn hat das IPSC-Schießen denn, außer das man eine Art Nahkampftraining erlernt?

Gepperth: Beim Wurfscheibenschießen zum Beispiel wird mit Flinten praktisch nur auf bewegliche Ziele geschossen. Im Gegensatz dazu sind über 90 Prozent aller Ziele beim IPSC-Schießen stehende Ziele. Es wird hier der völlig falsche Eindruck erweckt, dass das IPSC-Schießen vornehmlich ein Schießen auf bewegliche Ziele ist. Beim IPSC-Schießen bewegt sich vor allem der Schütze selbst. Es ist genauso, eine Sportart in der Mischung von Schießen und Bewegung wie beim Biathlon. Es wird wettbewerbsmäßig zur Ermittlung der Besten durchgeführt, wie bei allen anderen Schießsportarten ohne jeden Bezug zu irgendetwas anderem.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Deutsche ist die erstaunliche Erkenntnis nach Erfurt, wie einfach es offenbar ist, an scharfe Waffen zu gelangen. Können Sie das nachvollziehen?

Gepperth: Dies ist seit 50 Jahren so und gab in diesen 50 Jahren praktisch keinen Anlass zur Beanstandung. Wir haben nun einen einzigen extremen Missbrauchsfall und zusätzlich zugleich, völlig unabhängig davon, eine im Bundestag bereits beschlossene drastische Verschärfungen für den Waffenerwerb. Doch leider geht das im Moment in der öffentlichen Diskussion völlig unter. So wird die Frist für den Erwerb der ersten eigenen Waffe von sechs auf zwölf Monate verdoppelt. Zugleich, und das ist das ganz Wesentliche, reicht die Bescheinigung des Vereines nicht mehr aus. Mehrschüssige Kurzwaffen und auch Pumpguns kann man zukünftig nur noch mit einer Verbandsbescheinigung erwerben. Auch wenn es keinem der Opfer aus Erfurt mehr hilft, hätte Steinhäuser nach dem aktuellen Gesetz keine der beiden Waffen gehabt, da ihm der Thüringer Schützenbund wohl kaum eine Bescheinigung für den Erwerb dieser Waffen ausgestellt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, dass die Verschärfungen die Gefahren komplett abdecken?

Gepperth: Ich denke, dass dies völlig ausreichend ist. Denn in der derzeitigen Diskussion wird völlig übersehen, dass sich Steinhäuser am Schwarzmarkt jederzeit eine illegale Waffe hätte besorgen können. Das hätte vielleicht etwas gedauert und hätte vermutlich auch mehr gekostet als die legalen Waffen. Aber am Ende hätte er eben auch eine Selbstladepistole gehabt. Gegen diese Tatsachen wird kein Waffenrecht etwas ausrichten, egal wie streng es ist.

Das Interview führte Matthias Gebauer



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