Donau-Hochwasser 2013 Wie geht es den Deggendorfern heute?

Hochwasser traf den Landkreis Deggendorf 2013 besonders schwer. Häuser sind renoviert oder neu gebaut, doch die psychischen Folgen sind noch längst nicht alle repariert - manchen Menschen soff ihr halbes Leben ab.

DPA

Von , Deggendorf


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

Vor Kurzem war es wieder so weit, Dieter Stuka wachte schweißgebadet auf. Draußen regnete es, die Tropfen prasselten ans Fenster. Mitten in der Nacht stieg der 65-Jährige in seinen alten Mercedes und fuhr los, erst zum Damm, dann zur Brücke und ans Flussufer. "Ich musste mit eigenen Augen sehen, dass das Wasser nicht wieder so steigt wie damals."

Damals, Anfang Juni 2013, ging alles ganz schnell. Nach tagelangem starken Regen stiegen Donau und Isar in Teilen Ostbayerns auf Rekordpegelstände. Dämme brachen, die Jahrhundertflut verursachte alleine im Landkreis Deggendorf eine halbe Milliarde Euro Schaden.

Auch Stukas Heimatort Niederalteich wurde überschwemmt. Seine Familie hatte eine halbe Stunde, um das Allernötigste zusammenzupacken. Was nimmt man in einer solchen Situation mit? Die Stukas entschieden sich für Schmuck, Computer, einen Teil der Fotoalben, Kassetten mit Aufnahmen der Kleinsten, die Schulsachen der Pflegekinder - drei von ihnen wohnten damals ebenso wie die pflegebedürftige Tante mit den Stukas und zwei ihrer drei leiblichen Kinder in den beiden Häusern.

Fotostrecke

17  Bilder
Jahrhundertflut 2013: Deggendorf - damals und heute

"Priorität hatte die Sicherheit aller", sagt Stuka, der vor seinem Ruhestand fast drei Jahrzehnte als Betriebsseelsorger arbeitete. Er kennt das Leiden anderer. In jenen Tagen fürchtete er selbst, dass alles zerstört werden könnte, was er in seinem Leben aufgebaut hatte. Sein halbes Leben, erinnert er sich, sei "abgesoffen".

In den Tagen nach der Überschwemmung half der Reservist als Kommandeur der Bundeswehr bei den Fluteinsätzen. Nach einer Woche sah er dann erstmals die Familienhäuser wieder. Beide waren vollgelaufen. "Überall schwamm Öl. Die Heizölkessel waren ausgelaufen", sagt Stuka.

Ein Haus konnte saniert werden, das andere mussten sie neu bauen. Der Staat zahlte 540.000 Euro Hilfe, Stuka machte zudem 160.000 Euro Schulden. Weit schlimmer sei die "posttraumatische Belastungsstörung, die noch immer anhält", sagt er. "Die Flut lässt mich nicht los".

An diesem Julitag schlängelt sich die Donau friedlich durch die Landschaft. Stuka fährt mit dem Auto durch Fischerdorf und Niederalteich, immer wieder blickt er zum Fluss. Wenn er an einem Gebäude vorbeikommt, das in weiten Teilen überflutet wurde, reckt er den Finger in die Richtung. Er deutet auf eine Betriebshalle: "Der Chef konnte nichts retten." Er deutet auf einen Wertstoffhof: Sogar die schweren Schrott-Container wurden fortgerissen. Privathäuser, die Bank, der Kindergarten, die Schule: Viel musste saniert oder neugebaut werden.

Stuka fährt nach Hause. Manchmal, wenn er an das Erlebte denkt, kommen der Öl- oder Modergeruch zurück. Lange konnte er an der Tankstelle keinen Diesel mehr abfüllen. "Das hat sich eingebrannt."

Auf dem Laptop sieht er sich Fotos der Katastrophe an. Gänsehaut. Auf einem der Bilder ragen nur die Dächer aus dem Wasser heraus. Stuka wird still. Dann sucht er noch ein Video. "Warten Sie." Schlammlawinen und ein weggespültes Ortsschild sind zu sehen, dazu läuft von Enya "Only Time" - ein Lied, mit dem auch die Bilder des Terroranschlags vom 11. September häufig untermalt werden.

In der Küche hängt ein großes Kreuz, Stuka ist ein gläubiger Mensch. "Du merkst in einer solchen Situation, wie stark die Naturgewalten sind. Und du merkst, dass du als Mensch nie wirklich Sicherheit hast."

Manche sind weggezogen. Die Stukas blieben - und auch die Angst. Irgendwann holte sich Seelsorger Dieter Stuka selbst Hilfe. Reiner Fleischmann, Notfallseelsorger der Malteser, besucht ihn und andere Opfer regelmäßig. Finanziell habe der Staat getan, "was getan werden konnte", sagt der Diakon. "Doch die seelischen Wunden sind bei vielen Opfern bis heute nicht geheilt." Bei Unwetter oder Dauerregen bekämen manche Betroffene noch Jahre später Angstzustände. "Die Bilder, die Jahre zurückliegen, sind weiter in ihnen", sagt Fleischmann.

Reiner Fleischmann
Tobias Lill

Reiner Fleischmann

Als Betroffene nach ein, zwei Wochen ihre Häuser erstmals betraten, spielten sich teilweise schreckliche Szenen ab. "Sie öffneten die Tür und mit der Wassermasse wurde ihnen ihr totes Haustier entgegengespült", sagt Fleischmann. Noch nach Monaten hätten auch gestandene Männer geweint, wenn sie ihm das Erlebte schilderten. Ein besonderes Problem für durch Hochwasser Traumatisierte sei, dass sie den Orten des Schreckens nicht ausweichen könnten.

Ein Jahr nach der Flut hatte der Deggendorfer Landrat mitgeteilt, dass die Einnahme von Psychopharmaka im Landkreis deutlich angestiegen sei. Münchner Forscher fragten 2014 die seelischen Folgeschäden ab - diese waren im Vergleich zu anderen Katastrophen besonders hoch.

Eigentlich ist die Hilfe der Malteser in Deggendorf ausgelaufen. "Doch noch immer haben nicht alle Traumatisierten die psychologische Regel-Versorgung, die sie eigentlich bräuchten", sagt Fleischmann. Das Problem: In Ostbayern könne es Jahre dauern, bis man einen Platz bei einem Therapeuten bekomme.

"Wer versichert war, hatte am Ende oft mehr Probleme"

Finanziell ließ der Staat die Betroffenen nicht im Stich. Wer keine Versicherung hatte, bekam 80 Prozent des Schadens ersetzt. "Wer nachweislich nicht in der Lage war, einen Eigenanteil zu tragen, wie Menschen mit sehr geringer Rente etwa, dem wurden bis zu 100 Prozent Aufbauhilfe gewährt", sagt Oliver Menacher, Sprecher des Landratsamts Deggendorf.

227 Wohnhäuser mussten im Landkreis wegen des Hochwassers abgerissen werden, fast 670 Anträge auf Sanierung gingen bei der Behörde ein. Alles in allem hat das Landratsamt bis Mitte Juli dieses Jahres rund 277 Millionen Euro an Hilfen bewilligt, ein großer Teil stammt vom Freistaat. Zudem wurde viel Geld in den Hochwasserschutz investiert.

Auch manchen, die eine Versicherung hatten, musste der Staat helfen. Assekuranzen zogen alle Register, erkannten beträchtliche Flutschäden nicht an. "Wer versichert war, hat oft am Ende sogar mehr Probleme gehabt als ohne Versicherung", erinnert sich Dieter Treske, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Fischerdorf. Ein Problem: Viele Handwerksbetriebe hätten die Preise nach der Flut massiv erhöht. "Ein Teil der Firmen verdoppelte sie sogar." Angebot regelt die Nachfrage - nach Naturkatastrophen eine zynische Logik.

Dieter Treske
Tobias Lill

Dieter Treske

In der Feuerwache stand das Wasser damals schulterhoch. Treske zeigt Fotos der Katastrophe, die wie Devotionalien an einer Schauwand hängen: Ein überflutetes Autohaus, Tierkadaver oder ein vom Horror gezeichneter Retter sind zu sehen. "Das Erlebte hat auch gestandene Feuerwehrleute geschockt."

Treske schüttete in der ersten Nacht Sandsäcke auf, als viele noch hofften, dass der Damm irgendwie halten könne. Später half er bei der Evakuierung, fuhr mit den Booten raus zu denen, die ihr Hab und Gut aus Angst vor Plünderern nicht zurücklassen wollten. "Vor allem unter den Alten wollten viele nicht gehen." Manche habe die Polizei abholen müssen.

Drei Meter stand damals das Wasser auch bei Treske im Haus. Das ganze Gebäude musste abgerissen werden. Der Neubau kostete 780.000 Euro. "Das Haus ist ja schön, aber das alte war es auch", sagt er in Richtung der Neider, die es selbst in Fischerdorf gibt. Jetzt hat der 55-jährige Gastwirt kurz vor dem Ruhestand 150.000 Euro Schulden.

Treske und seine Feuerwehr-Kameraden seien "Helden gewesen, die für andere die Ärmel hochkrempelten, obwohl sie selber vor dem Nichts standen", schrieb die Lokalzeitung Jahre später. Er nimmt einen Schluck aus dem Weißbierglas, blickt auf eine Ortskarte. Treske versucht dem Geschehenen auch etwas Gutes abzugewinnen: "Die Gegend wurde aufgewertet." So gebe es jetzt in dem 1200 Einwohner zählenden Örtchen viele sanierte Straßen.

Eine führt zu Jakob Kunz nach Natternberg. Im blühenden Vorgarten summen Bienen und Hummeln. Er deutet auf eine Markierung an der Hauswand in gut zwei Metern Höhe. Kunz streckt sich: "So hoch stand damals das Wasser." Im Wald hinter seinem Haus habe es sogar gut vier Meter Höhe erreicht. "Unsere Katze harrte bis wir wiederkamen auf einem Ast aus."

Jakob Kunz
Tobias Lill

Jakob Kunz

Es sei eine schreckliche Zeit gewesen. "Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht", sagt der 58-jährige Industriearbeiter. 100.000 Euro kostete die Sanierung, die drei Jahre dauerte. Kunz lebte lange in einer Dauerbaustelle.

Er holt ein Bild von der Zimmerwand. Es zeigt junge Menschen in Gummistiefeln. "So viele Freiwillige haben uns damals beim Ausräumen des Hauses geholfen", sagt Kunz. Die Hilfsbereitschaft sei überwältigend gewesen. Er habe sogar einen Urlaub und eine neue Heizung geschenkt bekommen.

Rückblickend habe die Flut auch Positives gebracht, sagt Kunz. "Die Menschen im Viertel kümmern sich jetzt besser umeinander". Die damalige Hilfsbereitschaft bewegt ihn bis heute: "In solchen Situationen zeigt sich, dass wir Menschen sind."

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
  • AP
    Die Recherche-Serie bei SPIEGEL ONLINE: Nur selten erfahren wir, wie es mit den Menschen und Geschichten weitergeht, wenn sie nicht mehr "Nachricht" sind. "Was wurde aus...?" spürt den Themen nach. Sie sagen uns, was Sie wissen wollen, und wir erzählen Ihnen, wie die Geschichten ausgingen.
Was würden Sie gern wissen? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Hinweise an waswurdeaus@spiegel.de. Selbstverständlich behandeln wir Ihre Angaben vertraulich.


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
whitewisent 06.08.2017
1.
Das Mitgefühl mit den Opfern ist wohl allgegenwärtig, aber irgendwer muß den Leuten doch auch die Konsequenzen ihres Handelns erklären. Sie wohnen schlicht im Überschwemmungsgebiet. Wie viele Flutkatastrophen gab es seit 1997? Die kommen nicht mehr alle 100 Jahre, sondern voraussichtlich öfter, wenn auch vieleicht nicht so heftig. Wie man gegenwärtig sieht, ist es aber nicht nur der Regen, sondern an vielen Orten ändern sich die Grundwasserspiegel, weshalb man das Geld nehmen sollte, und an hochwassersicheren Ort bauen, und nicht trotzig an selber Stelle. Denn offenbar ist ist Grimmas Schicksal 2002 und 2013 schon wieder vergessen. Es ist ja hier nicht der erste Bericht aus diesem Gebiet, und was man im TV sah, waren nicht wirklich Gebäudetypen, welche sich auf zukünftige Überschwemmungen vobereitet zeigen, sondern es wird weiter so gebaut wie die letzten 100 Jahre....
Shelly 06.08.2017
2. Ich weiß nur, dass im letzten Jahr
ein paar Fischerdorfer (vom Hochwasser 2013) in Simbach (Hochwasser 2016) bei den Aufräumungsarbeiten dabei waren und erzählt haben, dass die 2013 von den Politikern versprochenen Hilfsgelder immer noch nicht eingetroffen sind.
Chrishan Schaf 06.08.2017
3. Die Medienverblödeten.
Zitat von whitewisentDas Mitgefühl mit den Opfern ist wohl allgegenwärtig, aber irgendwer muß den Leuten doch auch die Konsequenzen ihres Handelns erklären. Sie wohnen schlicht im Überschwemmungsgebiet. Wie viele Flutkatastrophen gab es seit 1997? Die kommen nicht mehr alle 100 Jahre, sondern voraussichtlich öfter, wenn auch vieleicht nicht so heftig. Wie man gegenwärtig sieht, ist es aber nicht nur der Regen, sondern an vielen Orten ändern sich die Grundwasserspiegel, weshalb man das Geld nehmen sollte, und an hochwassersicheren Ort bauen, und nicht trotzig an selber Stelle. Denn offenbar ist ist Grimmas Schicksal 2002 und 2013 schon wieder vergessen. Es ist ja hier nicht der erste Bericht aus diesem Gebiet, und was man im TV sah, waren nicht wirklich Gebäudetypen, welche sich auf zukünftige Überschwemmungen vobereitet zeigen, sondern es wird weiter so gebaut wie die letzten 100 Jahre....
In den Frühlings-Überschwemmungsgebieten (jedes Jahr) von Rhein, Nahe, Mosel baut man schon seit Römer´s Zeiten den Eingang hoch. Mit 2 Treppen seitlich. Die Menschen früher waren eben intelligenter. In der Speicherstadt von Hamburg hat nie jemand etwas ebenerdig oder im feuchten Keller gelagert. Die Frauen vom Fischmarkt hatten transportable Stände (anders als Viktualienmarkt) und waren für jede Überschwemmung dankbar, weil der stinkende Fischabfall verschwand. Wenn man den Leuten erzählt, dass jede Überschwemmung eine Katastrophe sei, glauben die das auch. Die Groten Mandrenken von 1362 und 1634 (während des 30-jährigen Krieges) waren Katastrophen. Und die Pest. Aber doch nicht Überschwemmungen, bei denen ein Opfer von den Medien bejammert wurde, weil ein 60-jähriger im Keller nach Bier getaucht hat und besoffen nicht mehr den Rückweg fand.
Ge-spiegelt 06.08.2017
4. Vorhersage ist Aufgabe des Deutschen Wetterdienstes
Der DWD sollte in der Lage sein, die Niederschlagsmengen genauer zu messen und auch vorherzusagen. Dazu könnte der DWD private Wetterstationen heranziehen oder Niederschlagsradar. Mithilfe der Topographie kann man dann ausrechnen wohin das Wasser abfließt und Menschen flußabwärts warnen, zum Beispiel über Handys. Eine Nina App gibt's ja bereits, oder Notfall Broadcasts. An großen Flüssen reichen auch Pegelmessungen. Und Bauen sollte man in Überschwemmungsgebieten nicht, oder in gefährdeten Stockwerken nicht wohnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.