Elterncouch Lernen von Trump und Erdogan

Protestkultur in den Kleinen
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Protestkultur in den Kleinen


Wie bringen wir unseren Kindern bei, wie prima Demokratie ist? Theodor Ziemßen hat's versucht und kapiert: Jede Familie ist ein Kleinststaat - und Kinder lieben es zu wählen.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Vor einigen Wochen schubberten Benjamin und ich uns auf dem Wohnzimmerteppich die Knie rot. Um uns rum: Pinsel und viele, viele Farben, Schrauben, Werkzeug, ein großes Rechteck aus Sperrholz und ein alter Besenstiel. Wir wollten ein Schild bauen. Es sollte ein schönes Schild werden und: Das Basteln sollte Spaß machen. Auch wenn der Grund für unsere Heimwerkeraktion ernst war.

Etwas früher am selben Tag, meine Frau und ich räumten gerade mal wieder die Küche auf, kam ein Bericht im Radio, der uns beide schockierte. Trumps "Muslim Ban" war gerade in Kraft getreten. In der Sendung sprachen auf Flughäfen Gestrandete, plötzlich getrennte Familien, Männer und Frauen, die seit 30 Jahren in den USA lebten, lernten und arbeiteten, deren Kinder in den USA geboren waren, und die nun nicht mehr nach Hause durften.

"Ich glaube, wir müssen anfangen, demonstrieren zu gehen", sagte ich in das betretene Schweigen am Ende des Berichts zu Therese. "Ja, glaube ich auch", antwortete sie.

Viel von Trump gelernt

An dieser Stelle muss ich ein peinliches Geständnis machen. Aber ich glaube, es ist wichtig: Bis vor Kurzem war ich kein besonderer Fan unserer Demokratie. Und ich glaube, ich hatte dieselben Gründe wie die meisten: Das Gebaren der Politiker war mir immer zu bürokratisch und durchprofessionalisiert, die Grenzen zwischen Wirtschaft und Politik zu verschwommen. Es schien mir immer, dass es Politikern zu viel um Macht, Karriere und Wiederwahlen geht, und zu wenig darum, einen gerechten, guten Staat mit Expertise, Mut und Tatkraft zu einem noch besseren zu machen.

Ich habe viel gelernt in den letzten Monaten. Von Trump, von Erdogan, Le Pen und der AfD. Dank ihnen weiß ich, dass "kein besonderer Fan von Demokratie sein" eine Haltung ist, die man sich nur leisten kann, solange sich alle einigermaßen auf dieses System einigen können.

Schnell hatten wir herausgefunden, dass noch am selben Abend eine Demo vor der US-Botschaft in Hamburg stattfinden sollte. Trotz Bastelarbeit war es schwierig, Benjamin davon zu überzeugen, dass wir da etwas Richtiges und Wichtiges machen. Klar. Wegen einer Sache, die auf der anderen Seite der Welt schiefgeht, hier vor mit ein paar hundert anderen in der Kälte vor einem Gebäude zu stehen, um dann fröstelnd wieder heimzufahren - das ist schon recht abstrakt.

Alle sind gleich und gleich wichtig

Trotzdem nahmen wir abends unseren klapprigen Klappbollerwagen, setzten Benjamin hinein, muffelten ihn in einige Decken, ich schnallte mir den sieben Monate alten Willem um und los ging's. Benjamin entpuppte sich als ziemlich abgeklärter Demonstrant. Sobald wir angekommen waren, rollte er sich im Wagen zusammen und verschlief den Rest der Demo.

Ich selbst war weit weniger souverän. Kein Wunder. Es war meine erste Demonstration, seit ich ein Teenager war. Schon beim Schildbasteln mit Benjamin versagte ich komplett. Ich bin kein Mann der markigen Sprüche und wusste einfach nicht, was ich drauf schreiben sollte. "Lieber Donald Trump, bitte überlegen Sie sich Ihre Ideen von der Welt noch mal, werden Sie ganz schnell ein besserer Mensch und handeln Sie auch so"? Am Ende gingen wir ohne Schild los.

Als wir wieder Zuhause waren und die Kinder ins Bett gebracht hatten, dachte ich noch lange über den Abend nach. Mir gefiel, wie unspektakulär er verlaufen war. Benjamin, Willem, Therese und ich waren einfach nur vier weitere Menschen auf einer Demonstration für eine Sache, die uns am Herzen liegt. In Zeiten, in denen soziale Medien so viele antreiben, sich ständig selbst zu inszenieren, cool und originell zu sein, wahrhaftig und gewitzt - oder wenigstens einigermaßen selfietauglich, erschien mir das ein wohltuender Aspekt einer Demokratie, den ich meinen Jungs gern direkt mit vermitteln möchte: Alle sind gleich und gleich wichtig.

Ein Monster, dass die Welt auffressen will

Doch wie erzieht man seine Kinder zu demokratiebegeisterten, empathischen Menschen?

Wie es mir manchmal passiert, verstieg ich mich in bescheuert komplizierte Ideen von Spielen und Erklärungsmodellen, die Benjamin fesseln und mitreißen sollten. Und wie so oft half mir Therese mit dem Durcheinander, den ich in meinem Kopf angerichtet hatte. Mit einem einfachen Gedanken: "Demokratie fängt Zuhause an", sagte sie. "Wenn wir Benjamin zeigen, dass seine Ansichten, Meinungen und seine Hilfe in der Familie wichtig und wirksam sind, wird er wissen, dass seine Stimme auch in der Welt wirksam sein kann." Erwähnte ich, wie sehr ich meine Frau liebe?

Wir überlegten und fanden, dass unsere Familie die demokratischen Grundideen schon ganz gut beherzigt. Okay, unsere Regierung wurde nicht gewählt und es wird auch in absehbarer Zeit keinen Wechsel an der Spitze geben. Aber Benjamin hat Rechte und Pflichten, er kann frei seine Meinung äußern, wird gehört und ernst genommen und kann so unser gemeinsames Leben mitgestalten. Auch wenn wir - wie in einer richtigen Demokratie - als Regierende manchmal unpopuläre Entscheidungen fällen, deren Sinn nicht jedem Regierten sofort einleuchtet.

Wir sind eine noch recht junge Demokratie. Aber ihre Bürger und Politiker sind hoch motiviert - und werden gemeinsam versuchen, sie mit Expertise, Mut und Tatkraft zu einer noch besseren zu machen.

Mein derzeit liebster gemeinsamer Beschluss: Für die nächste Demo darf Theo einfach auf das Schild malen, worauf er Lust hat. Vermutlich wird's dann ein Monster, dass die ganze Welt auffressen will. Wäre auf einer Trump-Demo nicht mal am Thema vorbei. Leider.



Liebe Leserinnen und Leser, wie erklären Sie Ihren Kindern die derzeitige politische Lage? Und haben Sie auch das Gefühl, dass es im Moment besonders wichtig ist, in der Familie demokratische Werte zu vermitteln? Oder ist das Quatsch? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.




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5 Leserkommentare
fredadrett 20.03.2017
Mikrohirn 20.03.2017
Sabin Chen 20.03.2017
grumpy53 20.03.2017
marty_gi 20.03.2017

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