Demonstration in Berlin Von geliehenen Parolen und Deeskalationsstrategien

Tausende Schüler auf Berlins Straßen - und eine Aussage: Krieg ist die falsche Antwort. Demo am Alex, Sitzblockade vor der Amerikanischen Botschaft, Protestmärsche durch die Straßen der Hauptstadt. "Wir müssen einfach unseren Frust rauslassen", sagte eine 14-jährige.

Von Domenika Ahlrichs


Friedensbewegte Schülerinnen in Berlin: "Krieg ist keine Antwort"
AP

Friedensbewegte Schülerinnen in Berlin: "Krieg ist keine Antwort"

Berlin - Den besten Platz hat Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Während Tausende Schüler die Straße Unter den Linden entlang ziehen, um gegen den Irak-Krieg zu protestieren, isst der Grünen-Politiker beim Thailänder am Pariser Platz zu Mittag. Von dort hat er freien Blick auf die Demonstration.

Rund 50.000 Jungen und Mädchen zählt die Polizei am Alexanderplatz. Aus Berlin und vielen umliegenden Orten sind sie gekommen. Sie rufen "Bush, Bush, Bush, raus, raus, raus", halten Plakate mit der schnörkellosen Botschaft: "Krieg ist keine Antwort" und haben sich Friedenszeichen auf die Wange gemalt.

"Das wird Konsequenzen haben"

Der "Tag X" ist da. In der Nacht haben die USA den Krieg gegen den Irak begonnen, und da wollen die Jugendlichen nicht ruhig in der Schule sitzen. Sie haben sich schon seit Tagen vorbereitet, haben Transparente gemalt und Schilder geschrieben. "Wir müssen einfach unseren Frust rauslassen", sagt die 14-jährige Juliane aus Zeuthen. "Dass Bush denkt, er sei der Größte, das geht nicht!" Die Lehrer an ihrer Gesamtschule waren nett. Sie haben den Schülern die letzten beiden Stunden freigegeben, damit sie zur Demonstration fahren konnten. Unterricht war ohnehin nicht mehr gut möglich: "Jede Stunde sind einige von uns abgehauen. In manchen Klassen saßen nur noch ein oder zwei Schüler", erzählt Juliane.

Protest: Rund 15.000 Menschen demonstrierten Unter den Linden
REUTERS

Protest: Rund 15.000 Menschen demonstrierten Unter den Linden

Anne, 14, und Nathalie, 13, aus Oranienburg sind gar nicht erst zur Schule gegangen. Ihre Eltern haben ihnen das Okay zum Schwänzen gegeben. Das reicht. Während sie am Alex mit "No War"-Schriftzug im Gesicht und selbstgemalten "Peace Now!"-Schildern stehen, kommt die SMS von der Freundin aus der Schule: "Die haben euch aufgeschrieben. Das wird Konsequenzen haben." Da lachen die Mädchen.

Geliehene Parolen in Endlosschleife

Im Brunnen mitten auf dem Platz haben sich fünf Jungen einer Berliner Hauptschule postiert. Hochrote Gesichter haben sie vom vielen Brüllen. Es braucht Kraft, um die anderen zu übertönen. Sie versuchen's unverdrossen: "U-S-A, internationale Völkermordzentrale" rufen sie wie eine Tonspule in Endlosschleife. Woher sie diese Parole kennen? "Na, die haben ein paar Typen gerufen, da haben wir uns drangehängt."

Dana Sue, eine 15-jährige US-Amerikanerin, hakt sich bei den Jungen ein und skandiert mit. Dann singen sie: "Wir woll'n den Bush brenn'n seh'n, wir woll'n den Bush brenn'n seh'n." Gegen den Präsidenten zu sein, sei kein Problem für sie, sagt Dana Sue. "Der steht ja nicht für das Volk."

"Bush ist nicht Amerika"

Diese Meinung ist an diesem Donnerstagmittag in Berlin oft zu hören. "Wir haben keine Vorbehalte gegen Amerikaner", sagt eine Schülerin. "Genau wie im Irak, wo nicht alle wie Saddam Hussein sind, sind in den USA nicht alle wie Bush". Oder: "Amerika ist ein schönes Land. Bush ist nicht Amerika." Es sei wichtig, "dass die Leute sehen, dass wir Schüler eine Meinung haben", doziert der 18-jährige Johannes. "Wir zeigen mit unserer Präsenz, dass mit uns zu rechnen ist. Auch wenn wir noch nicht wählen können."

Liegen für den Frieden: Protest vor der US-Botschaft
DDP

Liegen für den Frieden: Protest vor der US-Botschaft

Aber dann wird es langsam Nachmittag. Schule wäre längst vorbei. Zeit zum Heimgehen. In Windeseile ist der Alexanderplatz leer. Zurück bleiben nur Massen zertretener Plakate, Handzettel und kaputter Flaschen.

Deeskalation vor der Amerikanischen Botschaft

Die Demonstration ist vorbei, es lebe die Demonstration. Vor der großräumig abgesperrten US-Botschaft Unter den Linden versammeln sich die wirklich Ausdauernden. Schnell ist klar: Größtmögliche Aufmerksamkeit kriegen sie, wenn sie sich mitten auf die Straße setzen. Und da hocken sie dann. Rund 80 Teenager in Kapuzenshirts, bunten Schals und Schlaghosen. Ihnen gegenüber, um sie herum: Fast ebenso viele junge Polizisten und Polizistinnen mit leuchtend grünen Westen. Und Autofahrer, die langsam ungeduldig werden. Ein Dutzend Kamerateams freuen sich über die Bilder, Hörfunkjournalisten halten ihre Mikrophone hin, als die Deeskalationsstrategie der Kriminalbeamten beginnt.

"Da sitzen Leute in den Autos, die können doch nichts dafür, dass die USA Krieg führen", versucht es ein Polizist. "Bush, Bush, Bush, raus, raus, raus!" Ein anderer beschwichtigt: "Du hast protestiert, das war gut. Nun ist die Demo aber vorbei." - "Bush, Bush, Bush." Die Beamten bitten ("geht doch auf den Gehweg"), drohen ("das kommt in eure Akte und später fragt niemand, ob da Irak-Krieg war") und appellieren ("Macht doch keinen Mist. Ihr verhagelt euch alle Sympathien"). Die Antwort: "Bush, Bush, Bush, raus, raus, raus."

"Stop this criminal cowboy"

Am Rand steht Stefan von Habsburg mit seiner Verlobten Suzan Jannoun. Von Habsburg ist im Diplomatischen Korps tätig und hatte gerade noch einen Termin in der Botschaft. Nun hält er ein Schild "Stop this criminal cowboy". Von Habsburg in feinem schwarzen Zwirn, Jannoun in edlem violetten Mantel. Sie wollen "so lange stehen, bis uns wirklich kalt wird", sagen sie. Das kann dauern. Zwischendrin gönnen sie sich heißen Tee im nahen Cafe. Bush habe gegen Völkerrecht verstoßen, sagt von Habsburg. Das mache aus ihm einen Kriminellen. "An was sollen Jugendliche heute denn noch glauben", fragt er mit Blick auf die Protestierenden zu seinen Füßen.

Auch Michael Witt ist endgültig desillusioniert. Der Wirtschaftsingenieur hält eine überdimensionale Todesanzeige vor sich: "In den frühen Morgenstunden des 20. März verstarb plötzlich und erwartet im Alter von nur 53 Jahren das Vorbild USA", heißt es da. "Es trauern still und leise das Demokratische Bewusstsein und das Internationale Völkerrecht". Passanten bleiben immer wieder stehen. Fast alle kommentieren Witts Schild mit einem Satz: "Das Vorbild ist schon viel früher gestorben."

In die Gruppe auf der Straße ist inzwischen Bewegung gekommen. Ein junger Türke darf noch einmal sein Protestlied zur Gitarre singen, darf reimen "Er will Öl, er will Macht, Mann, wer hätte das gedacht?!". Ein Polizist wippt im Takt. Dann gibt es eine letzte Aufforderung an die Sitzblockierer. Die Jugendlichen stehen auf. Aber sie wollen wiederkommen, sagen einige. "So oft es die Schule und unsere Familien es uns ermöglichen."



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