Demonstration in Paris Hilfe, Polizei!

Nach "Charlie Hebdo" waren sie Helden - nun sind in Paris Tausende Polizisten auf die Straße gegangen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Ihr Aufschrei hat Gründe.
"Polizisten in Wut": Die Beamten fordern seit vielen Jahren eine bessere Ausstattung und geregeltere Arbeitszeiten

"Polizisten in Wut": Die Beamten fordern seit vielen Jahren eine bessere Ausstattung und geregeltere Arbeitszeiten

Foto: Britta Sandberg/ DER SPIEGEL

Sie sind zu zweit nach Paris gekommen, die beiden Polizisten David, 41, und Marcel, 50. Am Morgen sind sie in ihrem Heimatort in der Charente, gut drei Stunden von Paris entfernt, losgefahren. Jetzt suchen sie in der Hauptstadt den Weg heraus aus der Metrostation Bastille zur großen Demonstration der "Polizisten in Wut".

Für beide ist es die erste Demonstration in ihrem Leben - als Teilnehmer. Nie zuvor haben die Polizisten so etwas gemacht. David und Marcel, die nicht mehr als ihre Vornamen nennen wollen, mussten wie viele Kollegen einen freien Tag nehmen, um herzukommen. Über ein Drittel ihres Kommissariats hat das getan, die anderen Beamten durften nicht, sie müssen zu Hause ihren Dienst leisten.

Mehr als 1000 Überstunden

Warum sie demonstrieren? "Weil wir endlich eine bessere Ausstattung wollen, eine konsequentere Justiz, geregeltere Arbeitszeiten und eine Möglichkeit, unsere Überstunden abzubauen", sagt David. Er hat 213 Überstunden auf seinem Konto angesammelt, bei Marcel sind es über 500. Angeblich gibt es Kollegen, die auf weit mehr als 1000 Überstunden kommen.

Das Wichtigste, so David, das Allerwichtigste aber sei, dass ihre Arbeit wieder anerkannt und wertgeschätzt würde. Als sie beide ihren Dienst anfingen, hätten sie das Gefühl gehabt, etwas Sinnvolles zu tun. Inzwischen würden sie von den Bürgern, die sie schützen sollen, beschimpft und vom Staat, der sie beschützen müsste, im Stich gelassen.

Teilnehmer der Demonstration in Paris: Es gibt Polizisten, die auf weit mehr als 1000 Überstunden kommen.

Teilnehmer der Demonstration in Paris: Es gibt Polizisten, die auf weit mehr als 1000 Überstunden kommen.

Foto: Britta Sandberg/ DER SPIEGEL

"Es gibt Tage, da kann ich im Kommissariat noch nicht mal pissen gehen", sagt David, "weil die Toiletten mal wieder verstopft sind. Und bis einer kommt und das repariert, vergehen Wochen".

Die Wut kommt nicht überraschend

Alleingelassen, aufgerieben, schlecht bezahlt und bis an die physischen Grenzen und darüber hinaus beansprucht - so fühlen sich viele Polizistinnen und Polizisten, die zu der Demonstration gereist sind. Das geht schon seit Jahren so, aber in diesem Jahr hat die Malaise innerhalb der französischen Polizei einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Gelbwestenproteste gehen nun schon in die 47. Woche. Jeden Samstag müssen landesweit Demonstrationen abgesichert werden, die zunehmend gewalttätiger werden. In vielen Kommissariaten wurde zudem Personal abgebaut.

18 verschiedene Polizeigewerkschaften und -Vereinigungen haben deshalb zu diesem "Marche de la colère", einem Marsch der Wut, aufgerufen. Die Veranstalter sprechen von mehr als 22.000 Teilnehmern. Es die größte Demonstration, an der Polizeibeamte in Frankreich seit 2001 teilnehmen - damals waren zwei ihrer Kollegen getötet worden. Überraschend kommt sie nicht. Seit Jahren klagen die Beamten über katastrophale Arbeitsbedingungen.

Kommissariat oder Abbruchhaus?

Im vergangenen Sommer rief die unabhängige Polizeivereinigung UPNI dazu auf, die Missstände zu dokumentieren und Fotos einzusenden. Das Echo war überwältigend, die Fotosammlung erschütternd. Dienstwagen, die 500.000 Kilometer auf dem Tacho hatten, waren da zu sehen. Einsatzwagen mit zerschlissenen Sitzpolstern und Kommissariate, in denen der Putz von den Wänden bröckelt und die Toiletten überlaufen.

Die Aufnahmen stammten vor allem aus der Region Paris, dem Norden und Osten Frankreichs, aber auch aus anderen Teilen des Landes. Das Fazit dieses nationalen Fotoalbums: Die Zustände in französischen Kommissariaten ähneln vielfach jenen in aufgegebenen Abbruchhäusern.

Seit den Terroranschlägen 2015 befindet sich die französische Polizei im Dauereinsatz

Seit den Terroranschlägen 2015 befindet sich die französische Polizei im Dauereinsatz

Foto: Britta Sandberg/ DER SPIEGEL

Der Bericht einer parlamentarischen Kommission aus dem vergangenen Sommer bezeichnete 22 Prozent aller Kasernen als veraltet und beschrieb nach fünf Untersuchungsmonaten und 250 Anhörungen von Beamten ein System kurz vor dem Zusammenbruch. Die Beamten seien in einem "sehr intensiven operationellen Umfeld nicht mehr ausreichend geschützt", heißt es in dem Rapport.

"Physisch gesehen sind wir total erschöpft"

Das aber ist nur die eine Seite. Seit den Terroranschlägen im Jahr 2015 und den wöchentlichen, zunehmend gewalttätigen Demonstrationen der Gelbwestenbewegung befänden sich die Polizisten in einer Art Dauereinsatz, der kein Ende findet. Ein Beamter der Spezialeinheit CRS, vergleichbar mit der deutschen Bereitschaftspolizei, sagte der Tageszeitung "Libération": "Wir sind in einer Art Dauerbeanspruchung und es ist kein Ende in Sicht. Physisch gesehen sind wir total erschöpft. Was die Moral angeht, ist es noch schlimmer."

Auf den Barrikaden: Die Gelbwestenproteste werden immer aggressiver und belasten die Beamten

Auf den Barrikaden: Die Gelbwestenproteste werden immer aggressiver und belasten die Beamten

Foto: Lucas Barioulet / AFP

Ein Bericht des französischen Senats kam auf die unglaubliche Zahl von 123 Millionen Überstunden für den gesamten Polizeiapparat allein im vergangenen Jahr. Um diese auszuzahlen, bräuchte man 250 bis 300 Millionen Euro. Unmöglich, diesen Posten im Haushaltsbudget vorzusehen.

Das Schlimme sei, so David, der Polizist aus der Charente, dass unter den unregelmäßigen Arbeitszeiten das gesamte Familienleben leide. Er sehe seine beiden Kinder oft einen Monat lang nicht wirklich. Wenn er endlich nach Hause komme, schliefen sie schon. Wenn er in der Woche zwei freie Tage habe, seien sie ganztags in der Schule.

Das Familienleben leidet unter dem Dauerdienst

Polizistenehen haben höhere Scheidungsraten als andere Ehen. Und, ein weiterer trauriger Rekord, Polizisten haben in Frankreich offenbar ein höheres Suizidrisiko als alle anderen Berufsgruppen. 52 Selbsttötungen wurden allein in diesem Jahr gezählt. Das bedeutet, dass, statistisch gesehen, alle fünf Tage ein Polizist oder eine Polizistin seinem oder ihrem Leben ein Ende setzt.

Tausende Polizisten reisten für die Demonstration in die Hauptstadt: "Physisch gesehen sind wir total erschöpft. Was die Moral angeht, ist es noch schlimmer."

Tausende Polizisten reisten für die Demonstration in die Hauptstadt: "Physisch gesehen sind wir total erschöpft. Was die Moral angeht, ist es noch schlimmer."

Foto: Britta Sandberg/ DER SPIEGEL

Schon im April dieses Jahres ließ Innenminister Christophe Castaner eine "Suizid-Präventionsstelle" für Polizisten einrichten. Seither reisen Psychologen und Ärzte landesweit durch die Kommissariate, um Aufklärung zu leisten und Hilfe anzubieten. Für gefährdete Beamte gibt eine 24-Stunden-Notrufnummer. "Wir werden nicht zulassen, dass Suizid zu einem Berufsrisiko für Polizisten wird", erklärte Castaner. Bisher haben die Maßnahmen den Anstieg der Suizide allerdings nicht aufhalten können.

"Nach 'Charlie Hebdo' waren wir Helden"

Natürlich lägen die Gründe dafür oft im Privaten, sagt Frédéric Besançon, 54, von der gewerkschaftlichen Vereinigung der Polizeioffiziere. Auch er steht an diesem Tag unter der Siegessäule auf dem Bastilleplatz, eine dunkelblaue Fahne in der Hand, eine orangene Binde am Arm, auf der "Syndicale des Officiers" steht. "Aber wenn man in seinem Beruf Befriedigung findet", so Besançon, "wenn man gern arbeitet und trotz Arbeit auch noch Platz für ein Familienleben ist, dann tut man sich leichter, diese privaten Probleme zu überwinden." Das sei aber für viele Kolleginnen und Kollegen seit langem nicht mehr der Fall.

"Nach "Charlie Hebdo" und den Anschlägen im November 2015, da waren wir die Helden, alle mochten uns, alle wollten uns auf der Straße umarmen und manche haben es sogar getan. Jetzt aber mag uns keiner mehr", sagt Besançon. Momentan hätten alle nur noch die gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei bei den Gelbwestenprotesten und die entsprechenden Bilder auf Twitter und Facebook im Kopf.

Im August sorgte der Suizid der jungen Polizistin Sandra Ferreira bei Paris in ganz Frankreich für Betroffenheit. Die 27-jährige Frau hatte sich mit ihrer eigenen Dienstwaffe in der Tiefgarage ihres Wohnhauses das Leben genommen. Den ganzen Winter bis ins Frühjahr hinein war Ferreira bei den Demonstrationen der "Gilets Jaunes" in Paris im Einsatz gewesen. Sie sei erschöpft gewesen, aber sonst habe er nichts Ungewöhnliches bemerkt, sagt ihr Vater. Seine Tochter, früher eine Profiboxerin, habe ihre Arbeit immer geliebt.

Sie sei eine Kämpferin gewesen, sagen auch ihre Kollegen. Sie nannten sie ihren "Mini-Pitbull". Sandra Ferreira hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Den Inhalt kennt bislang nur die Polizei.